„Macht KI zu eurem Lieblingswerkzeug“
„Mein Appell an Journalisten: Macht KI zu eurem Lieblingswerkzeug, mit dem es euch richtig Spaß macht, zu arbeiten”, sagt Michael Butter. Foto: Maurizio Gambarini/Funke Foto
Digitalforscher Aljoscha Burchardt rät Journalisten, die Chancen von KI zu ergreifen und sich keine Sorgen zu machen: der Faktor Mensch bleibe in einer Welt der unendlichen KI-Möglichkeiten entscheidend. Denn KI-Modelle werden wohl immer halluzinieren.
Interview: Catalina Schröder
04.06.2026
Aljoscha Burchardt ist stellvertretender Standortleiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Berlin. Europas nischige Expertise könne in Zukunft noch wertvoll werden, sagt er. Und am besten gelingen KI-Projekte im Journalismus ihm zufolge, wenn die älteren Redakteure kurz vor der Rente noch mittüfteln.
journalist: Herr Burchardt, von welcher Redaktion können wir in Sachen KI-Einsatz aktuell etwas lernen?
Aljoscha Burchardt: Ich will keine Namen nennen. Nur so viel: es sind längst nicht immer die Traditionshäuser, die KI am smartesten einsetzen.
Wie meinen Sie das?
Vor einiger Zeit haben wir vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz Interviews mit verschiedenen Medienhäusern geführt. Wir wollten wissen, wie weit sie in Sachen KI sind. Interessant war, dass einige kleine Häuser schon Techniken wie Robo-Journalismus eingesetzt haben – beispielsweise für die regionale Sportberichterstattung – während wiederum große Traditionshäuser längst noch nicht so weit waren. Bei den kleinen Häusern passierte das oft aus Personalmangel, während die großen Häuser für fast alles noch menschliche Redakteure hatten.
Gab es etwas, das Sie in den Gesprächen mit den Redaktionen überrascht hat?
Die Interviews haben wir 2024 geführt – was im KI-Zeitalter Ewigkeiten her ist. Aus heutiger Sicht überrascht mich, wie stark damals alle noch über KI-Tools gesprochen haben und weniger darüber, wie sich durch KI unsere Berufe und die Demokratie verändern. Damals ging es noch um Fragen wie: Wie nutzen wir KI in der gesamten Kette der Möglichkeiten – von der Terminabsprache bis zur Zwischenüberschrift.
Neben den Debatten über die Metaebene beschäftigen solche Fragen Redaktionen immer noch. Was ist aus Ihrer Sicht der realistischste Anwendungsfall für KI in Redaktionen?
Das kommt darauf an, was Sie brauchen. Wir haben jetzt die Möglichkeit, beliebige kognitive Aufgaben an Super-Praktikanten outzusourcen. Die sind belesen, können im Web surfen und fast alles in Sekundenschnelle recherchieren. Aber Sie können nie sicher sein, dass dieser Super-Praktikant nicht etwas komplett Falsches behauptet. Und er verfügt nicht über Ihr Erfahrungswissen. Wenn Sie also an Ihren Arbeitsalltag denken, dann können Sie unter dieser Maßgabe wahrscheinlich gewisse Dinge schnell abgeben, andere Dinge möchten Sie lieber weiterhin selbst machen.
Es geht also darum, zu entscheiden: Welche Aufgaben möchte ich delegieren?
Genau. Ich halte oft Vorträge mit dem Titel „Frag nicht, was die KI für dich tun kann“. Wir müssen lernen, unser Arbeitsumfeld selbst zu gestalten. Ganz neu für die meisten von uns ist, dass wir die Tools für unsere Arbeit mitgestalten. Mit der KI haben wir ein Universal-System auf dem Tisch, mit dem wir alles Mögliche machen können. Aber was genau und wie – das müssen wir selbst entscheiden.
Vielen Menschen dürfte es schwerfallen, strukturiert an die Frage heranzugehen, wobei KI sie unterstützen soll.
Im Prinzip kennen wir uns am besten selbst mit den Arbeitsabläufen in unserem Alltag aus. Aber wir haben sie möglicherweise nie als Prozess konzeptualisiert. Wir müssen erst einmal die Vogelperspektive auf unsere eigene Arbeit einnehmen.
Was sollten wir an die KI outsourcen?
In ein paar Jahren wird es so sein, dass – egal in welcher Branche – die Mitbewerber über alle möglichen KI-Systeme verfügen, und die Kunden ebenfalls. Vielleicht ist das heute schon so. Einen Unterschied können Sie also mit Ihren Mitarbeitenden machen. Oder Sie haben eine geniale Idee, mit der Sie eine Nische besetzen. Oder Sie haben andere Daten als Ihre Mitbewerber, und trainieren damit Ihre Systeme. Wenn Sie einen Unterschied machen wollen, dann wird der zwischen Ihnen und der KI verhandelt werden. Und das ist eine fundamental andere Frage als: Kann KI Zwischenüberschriften machen?
Viele Journalistinnen und Journalisten stellen sich aber genau diese konkreten Fragen.
Und wenn sie feststellen, dass die KI etwas noch nicht kann, dann atmen sie erleichtert auf und denken: „Beim journalistischen Qualitätscheck werde ich noch gebraucht.“ Wir versuchen uns immer noch irgendwie reinzuquetschen und der KI nicht zu viel Raum zu geben. Das ist keine gesunde Haltung.
Aber eine nachvollziehbare, wenn ich um meinen Job fürchten muss.
Dieser Angst müssen Sie anders begegnen.
Wie denn?
Indem Sie sich als Medienhaus überlegen: Wie nutzen wir KI, um wir zu sein? Um ein eigenständiges Angebot zu haben, für das Menschen gewillt sind, Geld auszugeben?
Das ist leichter gesagt als getan.
Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit Politikberatern. Es ging um die Frage, ob sie noch Leute beschäftigen wollen, die an einem Nachmittag einen Koalitionsvertrag von 150 Seiten lesen und interessante Punkte rausziehen können.
Das kann die KI schon lange.
Natürlich! Aber soll sie es auch tun?
Was haben Sie den Politikberatern empfohlen?
Ich habe Ihnen gesagt: wenn ihr Leute haben wollt, die so etwas können, müsst ihr ihnen Zeit geben, zu üben. Es könnte sich lohnen, denn die KI zieht im Zweifel dieselben Punkte heraus wie die KI eurer Mitbewerber. Ähnliches passiert in der Programmierung: Man stellt kaum noch Juniorprogrammierer ein, die KI übernimmt den Job. Aber wenn es keine Junioren mehr gibt, wird es in ein paar Jahren auch keine neuen Senioren geben. Niemand hat mehr von der Pike auf das Programmieren gelernt. Die Leute können nur noch mit KI-Hilfe über den Code drübergucken und hoffen, dass nichts Schlimmes passiert.
„Es sind längst nicht immer die Traditionshäuser, die KI am smartesten einsetzen.“
Wir denken also zu wenig an den nächsten und übernächsten Schritt?
Ich finde schon. Erstmal ist es praktisch, Dinge zu vereinfachen. Aber die Frage ist: Wie validieren wir Informationen? Und wie sorgen wir dafür, dass wir beim Validieren nicht müde werden? Sollten wir Gamification nutzen und den Leuten sagen: „jede siebte Antwort der KI ist falsch“ – damit sie nicht einfach alles abnicken, was die KI ihnen ausspuckt? Führen wir langfristig Quoten ein und sagen Journalisten: Einige Texte schreibt die KI und andere schreibst du selbst? Ich glaube, das ist die Veränderung der Arbeitswelt, von der wir hier reden. Einerseits fundamental, andererseits gestaltbar.
Also geht es aus Ihrer Sicht weniger um die Frage nach Zeit- und Effizienzgewinn durch KI?
Gerade sind wir in einer Übergangsphase, in der ich nicht mit großen Zeit- und Effizienzgewinnen rechnen würde. Wir müssen das alte Geschäft machen und uns währenddessen um das neue kümmern. Wir brauchen erst mehr Zeit und Kraft, auch für die Qualitätssicherung. Es muss sich einpendeln: Wie viele Menschen brauchen wir für welche Arbeit? Was kann die Technik übernehmen? Und es geht auch um größere Fragen: Sind die Menschen zufrieden mit ihrer Arbeit? Fühlt sie sich für sie sinnvoll an?
Inwiefern ist das im Zusammenhang mit KI relevant?
Wenn Sie sich in Ihrem beruflichen Umfeld umschauen, dann gibt es vermutlich viele Menschen, die nur im Hamsterrad rennen. Die Frage ist doch: Bekommen wir es hin, unsere Arbeitswelt mithilfe von KI menschlicher zu machen? Dann haben wir wirklich gewonnen.
Das klingt sehr romantisch.
Das ist mir klar. Aber der Journalismus ist doch eine Branche, in der es seit Jahren abwärts geht. Übrigens auch in der Wissenschaft. Ich bin überzeugt, dass wir diese Disruption nutzen können. Wie cool ist es bitte, dass wir die Chance haben, uns nochmal neu zu erfinden?
Wie soll das genau funktionieren?
Vielleicht konnten wir bislang nicht die aufwändige Regionalberichterstattung machen, die sich unsere Leserinnen und Leser wünschen, weil wir so viel Zeit damit verbracht haben, dpa-Meldungen für den Mantelteil zusammenzustückeln. KI gibt uns die Chance, unser Angebot spitzer auf spezielle Zielgruppen zuzuschneiden. Ich bin überzeugt, dass die Menschen bereit wären, für solche Angebote zu zahlen. Regionale Themen oder Nischenthemen mithilfe von KI aufzubereiten – das sehe ich als große Chance.
Solche Angebote gibt es bereits – mit bislang überschaubarem Erfolg.
Ich glaube, Redaktionen müssen hier noch mutiger werden, Dinge ausprobieren und hingehen, wo es brennt. Und natürlich in den sozialen Medien präsent sein. Das ist doch ihr Auftrag im Sinne der gesellschaftlichen Meinungsbildung und der Demokratie.
Lassen Sie uns über drei klassische KI-Anwendungen im Journalismus sprechen. Jeder nutzt inzwischen wohl Transkriptionstools. Welche typischen Fehler macht eine KI dabei?
Welche das im Einzelfall sind, kann ich nicht sagen. Aber ich habe kürzlich gehört, dass jemand ein Interview von einer KI hat führen lassen. Später wurde es ebenfalls von der KI transkribiert. Das ist brandgefährlich. Wenn ich selbst das Interview führe, würde es mir vermutlich auffallen, wenn die KI falsch transkribiert. Aber wenn ich das Gespräch zum Transkript nicht kenne, akzeptiere ich wahrscheinlich alles, was die KI ausspuckt – solange es halbwegs plausibel klingt. Und wenn die KI das Transkript von selbst glättet und Füllwörter rauszieht, dann weiß ich am Ende gar nicht mehr: Wo hat jemand gezögert? Wo ist er gestolpert oder hat sich korrigiert? Das sind wichtige Informationen in einem Gespräch.
Viele Journalisten nutzen KI-basierte Zusammenfassungen. Kann ich mich darauf verlassen?
Das ist schwierig zu beantworten. Als Wissenschaftler frage ich mich: Woran mache ich fest, ob die Zusammenfassung korrekt ist? Es gibt sicherlich irgendwelche Benchmarks, aber grundsätzlich gibt es zig Arten, wie man dieselbe Sache unterschiedlich zusammenfassen kann.
Was heißt das in der Praxis?
Man müsste die menschliche Zusammenfassung und die KI-Zusammenfassung über einen gewissen Zeitraum parallel laufen lassen. Das unterscheidet übrigens den Menschen von der Maschine: Wenn immer derselbe Mensch die Zusammenfassungen schreibt, dann weiß ich recht schnell, ob ich mich darauf verlassen kann. Personen sind meist einigermaßen konsistent. Die Maschine fasst heute vielleicht super zusammen, und morgen rutschen ihr ein paar wichtige Informationen durch.
Warum ist das so?
KI-Modelle arbeiten typischerweise nicht-deterministisch. Das heißt, sie rufen keine gespeicherten Fakten ab. Sie konstruieren Antworten aufgrund von Wahrscheinlichkeiten. Deshalb halluzinieren sie manchmal. Das wird auch so bleiben. Außerdem beziehen KI-Modelle zwar vorherige Fragen und Antworten aus derselben Sitzung mit ein – starten Sie einen neuen Chat, fehlt der KI dieser Kontext. Da steckt vielleicht schon ein Geschäftsmodell für den Journalismus drin.
Inwiefern?
Vielleicht heißt es künftig: Die Zusammenfassung von der Pressekonferenz gibt’s für Standard-Leser von der KI. Aber unsere Premiumkunden, die bekommen eine Zusammenfassung vom Redakteur. Der ist bekannt und schreibt kluge Meinungsstücke. Und er berichtet auch besonders gut von der Konferenz.
Wann ist KI beim Schreiben ein Sparringspartner, wann wird sie zum Autor?
Ich finde es großartig, dass die KI mir sagen kann, wo die Schwächen meiner Argumentation sind. Gerade dann, wenn es sonst niemanden gibt, mit dem ich diskutieren kann. Die Frage ist nur: Was könnten langfristig negative Effekte sein? Kommt man da in eine Normierung rein? Verlieren Texte ihre Ecken und Kanten, ihre Besonderheiten? Wir müssen uns ja nur diese KI-generierten LinkedIn-Posts anschauen, die inzwischen massenhaft verbreitet werden. Öder geht’s nicht! Dann lieber ein Text von einem Menschen, bei dem ich denke: Okay, heute Morgen hat es mit dem Schreiben nicht so gut geklappt, aber ich merke: da hat ein Mensch gesessen.
„Bekommen wir es hin, unsere Arbeitswelt mithilfe von KI menschlicher zu machen? Dann haben wir wirklich gewonnen.“
Sie hosten zusammen mit der Journalistin Simin Sadeghi den Podcast KI – und jetzt?, der von der ARD veröffentlicht wird. Nutzen Sie KI zur Vorbereitung?
Nein. Ich habe mich von Anfang an dafür ausgesprochen, im Podcast auch keine Gimmicks mit KI zu machen. Zum Beispiel keine synthetischen Stimmen. Nur einmal gab es ein KI-generiertes Lied, aber das gehörte zum Thema der Folge.
Warum lehnen Sie KI-Gimmicks ab?
Meiner Meinung nach reichen wir aus und brauchen das nicht (lacht).
Wieso nutzen Sie in der Vorbereitung keine KI?
Wir brauchen nicht viel Vorbereitung, machen keine erschöpfende Recherche. Das Wissen bringt der Gast mit. Wenn wir beispielsweise jemanden aus der Krebsforschung oder der Robotik interviewen, stecken wir vorher grob mit ihm das Thema ab, notieren ein paar Stichworte und stellen dann spontane Fragen, die auch ein Zuhörer stellen würde. Man könnte sagen, wir machen einen Laber-Podcast. Deshalb ist unsere Arbeit daran kein gutes Beispiel für KI in Redaktionen.
Wie sollte eine Redaktion ein KI-Projekt starten?
Grundsätzlich finde ich es gut, erst groß zu denken und dann klein anzufangen, sich die einzelnen Schritte genau zu überlegen: Gibt es für unser Projekt relevante Daten, die öffentlich zugänglich sind und bei denen wir uns in puncto Datenschutz keine Sorgen machen müssen? Außerdem braucht jedes Projekt eine Geschäftsleitung oder mindestens eine Redaktionsleitung, die von oben Freiräume gibt. Und idealerweise hat man eine IT-Abteilung, die Lust hat, das Projekt zu unterstützen. Wichtig finde ich außerdem, dass alle ihre Expertise und Arbeitsweise miteinbringen können. Von den Voll-Digitalen bis hin zu denjenigen, die noch viel analog arbeiten. Gerade die Mitarbeiter mit viel Erfahrung und Wissen über Prozesse und die Medienlandschaft, die in den nächsten fünf Jahren in Rente gehen, sind wichtig. Wir verlieren ihr Wissen, wenn wir es nicht vorher in die digitalen Prozesse bringen.
Angenommen, Sie wären Chefredakteur einer Regionalzeitung und sollten eine KI-Policy für Ihre Redaktion verfassen. Welche Punkte dürfen darin auf keinen Fall fehlen?
Ich finde, dass wir von den Menschen, den Prozessen und dem Produkt her denken sollten, weniger von der Technologie ausgehend. Die muss sich unterordnen. Das Wichtigste, das die Leute meiner Meinung nach mitbringen müssen, ist Neugierde. Das zweite ist kritisches Denken. Und als Drittes müssen die Leute lernen, ihre Prozesse selbst zu gestalten. Wenn ich in die KI-Policy schreibe: „Wir geben Inhalte nie raus, ohne sie nochmal geprüft zu haben“, dann ist das doch lahm.
Welche deutschen Medien machen aus Ihrer Sicht gute KI-Berichterstattung?
Ich lese den Tagesspiegel Background zu Digitalisierung und KI und den Newsletter des Handelsblatts. Es ist schade, dass KI immer noch als Technologiethema gilt und in die Technik-Ressorts ausgelagert wird. Das ist doch ein Missverständnis, denn es geht auch um gesellschaftliche Fragen: Wohin bewegen wir uns als Demokratie und Wissensgesellschaft? Das gehört in die Kultur- und Gesellschaftsredaktion.
In welchem Ressort findet Ihr Podcast statt?
Bei Apple waren wir erst im Wissensressort und jetzt im Technologieressort. Inhaltlich finde ich das total doof. In den Schulen ist es dasselbe: Da bespricht man KI im Informatikunterricht. Aber das Thema gehört in den Sozialkundeunterricht oder in den Deutschunterricht. Vielleicht haben wir ein Problem mit unseren Multiplikatoren.
Wie meinen Sie das?
Sowohl Journalisten, als auch Lehrer fühlen sich vielleicht bezüglich ihres Berufs von der KI bedroht. Das sollten sie nicht – für Journalisten habe ich das schon erläutert, für Lehrer gilt das genauso. Warum werden sie teils immer noch verbeamtet? Weil man sich von ihnen etwas erhofft – jenseits der Tatsache, dass sie Menschen Vokabeln beibringen.
Was ist Ihr Appell an Journalisten und Lehrer?
Macht KI zu eurem Lieblingswerkzeug, mit dem es euch richtig Spaß macht, zu arbeiten. Und ganz wichtig: Lasst uns die Tools in Deutschland entwickeln, so dass wir hier Wertschöpfung schaffen und Geld verdienen, das wir dann verteilen können: In unseren Sozialsystemen oder für politische Bildung zum Beispiel.
Genau diese Wertschöpfung passiert in Deutschland und auch in Europa nur in geringem Umfang.
Ich weiß nicht, wie oft ich den Satz „Europa hinkt den USA hinterher“ schon gehört habe. Erst bei der Digitalisierung und jetzt bei KI. Aber wem nützt dieser Diskurs?
Sagen Sie es mir!
Natürlich den Leuten, die uns das Zeug teuer anbieten. Warum lassen wir uns darauf ein? Wir sind eine der stärksten Wirtschaftsnationen der Welt. Wir haben einen hohen Ausbildungsstandard, einen prosperierenden Mittelstand, tolle Ingenieure, gut ausgebildete Journalisten, einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das kann sich alles sehen lassen. Wir sind nur noch nicht gut digitalisiert. Aber mithilfe von KI können wir wunderbar die nächsten Schritte gehen.
Trotzdem stecken die USA deutlich mehr Geld in KI-Infrastruktur als wir.
Von mir aus können die das große Endkundengeschäft haben. Wir haben auch kein YouTube und kein Amazon. Aber wir haben DeepL und viele Spezialbranchen, in denen wir besonders gut sind. Man könnte sagen: Dann machen wir in Sachen KI eben den Mittelstand. Oder wir entwickeln besondere Anwendungen für den Journalismus. Vielleicht haben wir moralisch einen anderen Anspruch als die Amerikaner und legen mehr Wert auf Datenschutz und Transparenz. Allein die Tatsache, dass die USA unheimlich viel Geld in KI investieren, heißt nicht, dass sie auch für alles das richtige Geschäftsmodell haben. Das wird aus meiner Sicht verwechselt.
Wie könnte das bei uns konkret aussehen?
Stellen wir uns mal vor, wir würden eine Abgabe von 10 oder 20 Euro pro Bürger im Quartal einführen, und beschließen: Dafür bauen wir eine brutal geile KI-Infrastruktur auf. Für den Mittelstand, die Wirtschaft, die Forschung und den Journalismus. Jeder Deutsche hätte die freie Wahl zwischen drei verschiedenen kostenlosen KI-Systemen. Die würden von einer unabhängigen Kommission geprüft, so wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Wir könnten mit dem Geld quasi eine Grundversorgung aufbauen.
Das klingt zwar gut, aber es sieht aktuell nicht so aus, als würden wir uns auch nur ansatzweise in diese Richtung bewegen.
Ja, leider. Wir beschäftigen uns lieber mit der Frage, ob wir den Verbrenner noch weiter nutzen wollen. Solange wir mit unserem Mindest weiter in den 70er Jahren festhängen, ist es schwierig, wirklich voranzukommen. Und trotzdem dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Genau deshalb sollen Ihre Kolleginnen und Kollegen dieses Interview lesen!
Und Sie gehen als Nächstes in die Politik, um diese Themen voranzutreiben?
Naja, die Politik ist so ein Ding. Ich meine: Wie kommen Ideen da rein? Gegenfrage: Sind Sie denn in einer Bürgerbewegung, Partei oder Gewerkschaft und versuchen, aktiv etwas ins System reinzubringen?
Momentan nicht.
Demokratie kommt nicht von oben, wir alle haben sie gewählt. Wir sind in der Regierung oder in der Opposition repräsentiert. Deshalb akzeptiere ich es nicht, wenn Leute von der Politik mehr erwarten. Die Politik reagiert auf das, was sich die Mehrheit des Landes wünscht. Auch, wenn das Verbrenner und Gasheizungen sind.
Wir bekommen also, was wir verdienen?
In gewisser Weise schon. Übrigens dürfen wir die Lobbys nicht unterschätzen, die uns erzählen, dass wir ein Nichts in Sachen Digitalisierung sind. Das beste Beispiel dafür ist die KI-Regulierung, die vor zwei Jahren in Europa beschlossen wurde. Als dann Elon Musk und OpenAI mit der KI als Superintelligenz ankamen und plötzlich ein Moratorium forderten, sind wir voll darauf reingefallen und haben gleich gesagt: Oh Gott, wir müssen die Regulierung noch strenger machen. Warum machen die, die es in der Hand hätten, ein Moratorium zu machen, nicht selber eins? Sie fordern Regulierung in den USA – aber nur auf dem Papier. Das setzt doch bei denen keiner um. Aber wir nehmen uns das zu Herzen und lassen uns ausbremsen. Wie blöd sind wir denn?
Was sollten wir stattdessen tun?
Die Entscheidung, ob KI kommt, ist gefallen. Ob uns das gefällt oder nicht. Aber wie wir sie nutzen – nachhaltig, sozial gerecht, sodass es Spaß macht – das sind die Fragen, die wir uns jetzt stellen müssen. Wenn wir nichts tun, können wir den Laden irgendwann dicht machen: In der Industrie, in der Wissenschaft und auch im Journalismus. Und die KI macht dann das Licht aus – dem Smart Home sei Dank.
Catalina Schröder arbeitet als freie Reporterin unter anderem für das Wirtschaftsmagazin Impulse, die Zeit und Deutschlandradiokultur.