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Wie behinderte Menschen vergessen werden, wenn von "Diversität", "Vielfalt" und "Inklusion" die Rede ist

Raul Krauthausen sagt: Wenn von "Diversität" die Rede ist, werden Menschen mit Behinderung oft übersehen. Warum eigentlich? (Foto: Anna Spindelndreier)

Von Diversität wird viel gesprochen. Diversität ist toll. Aber auch in diesem Rosa-Einhorn-Land gibt es Hierarchien. Ratet mal, wer die letzten sind. Von Raul Krauthausen.

26.11.2020

Neulich klickte ich mich durch die Motorzeitung. Nicht, weil ich einen Rollstuhl brauche, oder ein Upgrade. Meiner ist ja schon frisiert. Aber es gab da einen Artikel über Barrierefreiheit, das interessierte mich schon. „Scheuer fordert barrierefreies Stromtanken“, hieß eine Schlagzeile. Elektro finde ich super. Den Bundesverkehrsminister Scheuer eher weniger, aber bei Barrierefreiheit wäre ich geneigter gewesen – hätte es sich darum gehandelt. Der Text behandelte nämlich stattdessen Grenzen überschreitende Ladenetze und einheitliche Bezahlsysteme. Komisch: Vielleicht habe ich mich in meinem Leben zu viel mit der Wheelmap beschäftigt, aber bei Barrierefreiheit denke ich mehr an physische Zugänge als an Strom- und Geldkreisläufe. Hat sich da also jemand einen Begriff der Behindertenbewegung geschnappt und segelt unter falscher Flagge?

Ich sehe darin ein Problem. Es geht nicht um Copyright. Aber sehr wohl darum, wie Worte ihre Bedeutung verändern und verlieren. Das liegt in der Natur von Sprache – aber es erzählt auch immer die Geschichte von menschlichen Einstellungen und Empfindungen. Diese Geschichte handelt davon, wie hierbei die Rechtsanliegen von Menschen mit Behinderung im Straßengraben landen.

Nehmen wir uns noch ein anderes Beispiel, um das deutlich zu machen: das Wort „Diversität“. Mittlerweile gibt es Diversitätsbeauftragte in Unternehmen, es ist hip und gut und durchaus zu begrüßen. Nur sind damit zuvorderst gemeint: Frauen und Menschen mit verschiedenen ethnischen Hintergründen, auch Sexualität wird abgedeckt. Aber Behinderung? Fehlanzeige. Und wenn, dann unter ferner liefen. Unternehmen reden davon, dass sie sich diverser aufstellen wollen (siehe bspw. eine Studie von 2016 anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Charta der Vielfalt). Ihre Bemühungen sind mehr oder weniger ernsthaft (ein Blick in die Datenbank der “Erfolgsgeschichten der Charta der Vielfalt” lohnt sich), aber man möge mir eine Adresse nennen, unter der künftige Mitarbeiter*innen mit Behinderung explizit mitgemeint sind. Extrem wenige Ausnahmen gibt es. Eine Arbeitgeberinitiative für behinderte Menschen scheint Behinderung als Dimension von Diversität ernst zu nehmen. Uns allen bekannte Unternehmen sind dort Mitglied. Ist diese Initiative sichtbar genug? Wirkt sie in der Breite? Nein!

Kürzlich fand die digitale Jobmesse “Personal. Fachkräfte. Diversity.” statt, die sich als digitales Angebot für Unternehmen und Menschen mit Behinderung versteht. Die Organisator*innen in Frankfurt am Main haben es sich zum Ziel gesetzt, Menschen mit Behinderung mit Unternehmen aus der Region in Kontakt zu bringen. Aber auch hier lesen sich die thematischen Zugänge der Workshops wieder nur defizit- und problemorientiert – von Chancen und Kompetenzen, Innovationskraft und Vielfalt keine Rede.

Wirklich lobenswerte Einzelbeispiele nennt Domingos de Oliveira in seinem Blog. Seine klugen Gedanken zu diesem Thema greife ich hier gerne auf.  Medien zum Beispiel erkennen langsam, wie ihre Berichterstattung über Jahrzehnte hinweg dadurch geprägt war, dass diese von alten weißen Männern kam und kommt. Und da ändert sich etwas. Man stellt sich besser auf. Aber eine Eigenschaft der alten weißen Männer fällt gemeinhin unter den Tisch: dass sie keine Behinderung haben. Darüber wird nicht einmal geredet. Natürlich ist jede Benachteiligung und jede Diskriminierung an sich schlimm. Einen Opferwettbewerb auszurufen, käme einem Spaltungsversuch gleich. Aber gerade deshalb ist es nicht weniger schlimm, wenn die Rechtsanliegen von behinderten Menschen missachtet werden.

Worin liegt dieses strukturelle Ungleichgewicht begründet? Ich glaube, wir haben es erlernt. Menschen ohne Behinderung haben oft doch eine Behinderung, und zwar in die Richtung, dass sie sich meist nicht vorstellen können, was ein Mensch mit Behinderung so alles kann. Das herrschende Narrativ bespielt im Einbahnstraßenmodus stets: Was behinderte Menschen alles nicht können. Und weshalb dringend ein Schonraum für sie benötigt wird. Was dann als Fortschritt gefeiert wird. Und als Nächstenliebe sowieso. Was eine Falle ist. Für alle.

Scheitern, Persönlichkeitsentwicklung, Erfahrung von Selbstwirksamkeit und das Einüben von Sich-Durchsetzen-Müssen wird behinderten Menschen dadurch verwehrt. Sie werden in Watte gepackt. In diesem Zustand Rechte einzufordern, fällt schwerer. 

Nicht nur „Barrierefreiheit“ erfährt als Begriff einen Bedeutungswandel. Erinnern wir uns noch an das Wort „Integration“? Früher gab es „Integrationspädagog*innen“, und integriert werden sollten ausschließlich Menschen mit Behinderung. Dann erweiterte sich der Begriff auf nach Deutschland eingewanderte Menschen und ihre Kinder sowie Kindeskinder – und schließlich wurde er nur noch auf sie angewandt. Für uns Menschen mit Behinderung gab es dann den Begriff der „Inklusion“. Aber auch der beginnt einen Wandel zu durchleben. Die Weltbank zum Beispiel benutzt “Finanzielle Inklusion”, um damit digitale Leistungen und “smarte Verträge” zur Bekämpfung von Armut zu beschreiben – mit Behinderungen oder der Einbindung aller Menschen hat das nichts zu tun; ein Bedeutungswandel, den Zeitungen wie das schweizerische “Wochenblatt” übernehmen, wenn sie über Crowdfunding schreiben. Das verwässert. Und schon wieder wird man überholt und links liegengelassen.

Dabei sind die Probleme da. Die zählen wir hier nicht auf. Lieber tune ich meinen Rollstuhl auf ein paar Stundenkilometer mehr. 

Raul Krauthausen ist Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit. Dieser Beitrag ist zuerst auf seiner Website raul.de erschienen.

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