Mein Blick auf den Journalismus

Balance zwischen Empathie und Distanz

16.10.2020

In unserer Serie "Mein Blick auf den Journalismus" gibt Marianna Deinyan zehn Tipps, wie Journalist*innen mit Gesprächspartnern umgehen können, die Terroranschläge, Naturkatastrophen oder sexuellen Missbrauch erlebt haben. Deinyan sagt: Es geht darum, sich einfühlsam und professionell zu verhalten.

Marianna Deinyan erklärt, warun "traumasensible Interviewführung" so wichtig ist. (Foto: Annika Fußwinkel)

Ein junger Mann liegt im Krankenhausbett. Ein dicker Verband verdeckt seine rechte Schulter, ein Katheter führt in den linken Handrücken. Mit brüchiger Stimme berichtet er, was er am Vorabend erlebt hat. Wie er mit einer Gruppe von Freunden in eine Bar in Hanau ging und Essen bestellt hatte, als der Attentäter die ersten Schüsse abfeuerte. Detailgenau beschreibt er, wie Menschen vor seinen Augen getötet wurden, wie er sich auf den Boden schmiss – über ihm zwei weitere Personen, unter ihm jemand, der durch einen Schuss in den Hals schwer verletzt war. Das Interview, am 20. Februar von vielen deutschen Medien verbreitet, ist kaum 24 Stunden nach dem rassistischen Anschlag entstanden. Es macht die schreckliche Tat von Hanau greifbarer, aber die Umstände, unter denen es entstanden ist, sind höchst problematisch.

 

Die Berichterstattung über den Anschlag in Hanau ist nur ein Beispiel. Ein weiterer, aktueller Beleg dafür, wie traumasensible Interviewführung nicht funktioniert, ist die Berichterstattung von Bild und RTL über den Fünffachmord in Solingen. „Traumasensible Interviewführung“ ist noch immer ein Feld, das im Berufsalltag und in der Ausbildung zu wenig Raum einnimmt. Dabei begegnen Journalist*innen traumatisierten Gesprächspartner*innen öfter als wir glauben. Überlebende eines Terrorakts, Opfer eines jahrelangen Missbrauchs, einer lebensgefährlichen Flucht, einer Naturkatastrophe oder Zeitzeugen, die weit zurückliegende schreckliche Ereignisse erlebt haben – sie alle können eine Traumatisierung entwickelt haben. Und wir Medienschaffende laufen Gefahr, durch unsensibles Verhalten bei Gesprächspartnern Retraumatisierungen und somit eine Verfestigung der Trauma-Symptome auszulösen.

 

Deshalb ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, was eine traumasensible Interviewführung ausmacht – um Betroffene zu schützen und das öffentliche Interesse nicht auf Kosten ihrer psychischen Gesundheit zu befriedigen.

 

Die Vorbereitung

 

1. Grundlegendes Wissen über psychische Traumata ist essenziell. Was ist ein Traumaereignis? Wie entsteht ein psychisches Trauma? Welche Traumafolgestörungen gibt es und wie wirken sie sich auf Betroffene aus? Wenn Journalist*innen die Antworten auf diese Fragen kennen, ist das eine gute Grundlage, um mit einer angemessenen Sensibilität den besonderen Bedürfnissen der Gesprächspartner gerecht zu werden. Wer viel zu Themen wie beispielsweise Missbrauch arbeitet und recherchiert, sollte die Kenntnisse über psychische Traumata als grundlegendes Fachwissen verstehen – ähnlich wie es bei Wirtschaftsjournalist*innen mit Grundlagen in VWL oder bei Sportreporter*innen mit den Spielregeln verschiedener Sportarten gehandhabt wird.

 

2. Journalist*innen müssen die Balance zwischen Empathie und journalistischer Distanz halten. Auch wenn traumasensible Interviewführung eine besondere Sensibilität erfordert, ist es wichtig, dass Journalist*innen ihrer Rolle treu bleiben. Unser grundlegendes Wissen über Traumata macht uns nicht zu Therapeut*innen. Wer seinen Gesprächspartnern zu nahe kommt und möglicherweise Versprechungen über eine Besserung der Situation macht, kann Hoffnungen wecken, die im Nachhinein nicht erfüllt werden können.

 

3. Die Vorabrecherche sollte noch intensiver ausfallen als bei regulären Interviews. Ein besonderes Augenmerk ist dabei auf das Trauma-Ereignis zu legen: Was genau ist passiert? Wie ist der gesundheitliche Zustand des Interviewpartners? Und vor allem: Welchen Kenntnisstand hat die Person, mit der man sprechen will, über das entsprechende Ereignis und dessen Folgen? Gerade in der aktuellen Berichterstattung, kann es zum Beispiel passieren, dass Reporter*innen unfreiwillig eine Todesnachricht überbringen. Die intensive Vorrecherche hilft dabei, die individuellen Bedürfnisse der Gesprächspartner zu verstehen und Trigger-Reize zu vermeiden.

 

4. Gebt den Gesprächspartner*innen im Vorfeld so viel Entscheidungsgewalt wie möglich. Eine Traumatisierung geht mit einem Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust einher. Um dieses Gefühl im Zusammenhang mit der Interviewsituation zu vermeiden, sollten Betroffene im Vorfeld über Ort und Zeitpunkt des Gesprächs, mögliche Begleitpersonen sowie über inhaltliche No-Gos und Stoppzeichen entscheiden können. Auch ist es hilfreich, gemeinsam den Ablauf des Interviews durchgehen: Wie lange wird das Gespräch ungefähr dauern? Worüber soll gesprochen werden? Wie wird die Publikation letztlich aussehen? Betroffene können dann besser abschätzen, worauf sie sich einlassen und gewinnen an Sicherheit.

 

Das Interview

 

5. Bei der Auswahl der Interviewfragen ist Selbstkritik gefragt. Es gibt Fragen, deren Antworten für Journalist*innen zwar besonders interessant sind, aber für Betroffene eine schwere Belastung darstellen können. So zum Beispiel direkte Fragen zum Trauma-Ereignis. Wenn traumatisierte Personen aufgefordert werden, das Erlebte detailliert zu rekonstruieren, kann es zu Flashbacks, dem Wiedererleben des Trauma-Ereignisses, kommen. Auch Retraumatisierungen sind nicht ausgeschlossen, was Betroffene wiederum langfristig belasten kann. Um das öffentliche Interesse trotzdem zu befriedigen, können Journalist*innen versuchen, Details von der Polizei oder anderen Behörden zu erfragen. In manchen Fällen werden Betroffene auch freiwillig, ohne explizites Nachhaken, von den Ereignissen erzählen.

 

Auch die Frage "Wie geht es Ihnen?" gehört zu den Interviewfragen, die zwar naheliegend erscheinen, aber auf Betroffene belastend wirken können. Nicht nur, weil sie sehr klischeebehaftet ist, sondern weil sie Emotionen provoziert. Für viele Betroffene fühlt sich eine solche Frage unangebracht an.

 

"Clickbaiting und traumasensible Interviewführung schließen sich gegenseitig aus."

 

6. Aufmerksames Zuhören ist einer der wichtigsten Aspekte. Dazu gehört mehr, als nur die gesprochenen Worte der Gesprächspartner*innen wahrzunehmen. Gestik und Mimik verraten mindestens ebenso viel über den emotionalen Zustand einer Person. Journalist*innen sollten daher in der Lage sein, diese Informationen miteinander zu verknüpfen, das Gesagte zu reflektieren und so auch nach nicht direkt ausgesprochenen Aussagen zu suchen. Wer schnell abgelenkt ist, desinteressiert wirkt oder sich nur auf einzelne emotionale Aussagen stürzt, kann das Vertrauen der Betroffenen verletzen.

 

Journalist*innen sollten in emotionalen Momenten selbstsicher auftreten. Wichtig ist dann, nicht vorschnell zu handeln. Wird ein Interview direkt abgebrochen oder die Frage zurückgezogen, können Betroffene dies als Bevormundung oder Ablehnung ihrer Emotionen wahrnehmen. Journalist*innen sollten stattdessen Ruhe bewahren, abwarten und akzeptieren, dass Tränen eine natürliche Reaktion auf Kummer sind. Oft hilft es, in solchen Momenten auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Journalist*innen können beispielsweise ein Taschentuch reichen oder eine Pause anbieten. Wie es dann weitergeht, sollten beide gemeinsam entscheiden. 

 

Die Nachbereitung 

 

7. Auch Details zählen. Die richtige Schreibweise des Namens, die korrekte Wiedergabe des Alters oder von Daten bestimmter Ereignisse – Fehler in diesen Details können das aufgebaute Vertrauen schnell zerstören. Viele Betroffene werden die Veröffentlichung ihrer Geschichte als Chance verstehen, das Erlebte zu verarbeiten. Fehler suggerieren Irrelevanz und Austauschbarkeit.

 

Gerade bei Kindern ist es wichtig, Aussagen zu überprüfen. Bei Zitaten in Artikeln sollte darauf geachtet werden, dass sie dem tatsächlichen Wortlaut entsprechen und nur wenig sprachlich geglättet werden.

 

8. Es ist ratsam, darauf zu achten, wie einzelne Aussagen interpretiert werden könnten. Vor allem wenn impliziert wird, dass Betroffene verantwortlich für das Geschehene sind (Victim Blaming), sollten Journalist*innen vorsichtig sein. Es ist daher sinnvoll, sich vor der Veröffentlichung vor Augen zu halten, wie die Gesprächspartner den finalen journalistischen Beitrag wahrnehmen könnten. Das bedeutet nicht, dass Journalist*innen gänzlich unkritisch und im Sinne ihrer Gesprächspartner*innen handeln sollten.

 

"Wir Medienschaffende laufen Gefahr, durch unsensibles Verhalten bei Gesprächspartnern Retraumatisierungen und somit eine Verfestigung der Trauma-Symptome auszulösen."

 

9. Einzelne Aspekte sollten auf ihre Relevanz geprüft werden. Es kommt vor, dass Betroffene sich Journalist*innen anvertrauen und private Details schildern, die ihnen im Nachhinein bei einer Veröffentlichung sehr unangenehm sein könnten. Journalist*innen sollten verantwortungsvoll mit solchen Informationen umgehen und sie im Zweifel zurückhalten – sofern sie nicht essenziell zur Erzählung der Geschichte beitragen. Ebenso wenig sollten Journalist*innen die Aussagen zu stark zuspitzen, um mehr Aufmerksamkeit zu generieren. Clickbaiting und traumasensible Interviewführung schließen sich gegenseitig aus.

 

10. In der traumasensiblen Interviewführung gibt es keine starren Regeln. Alle Punkte sind als Handlungsempfehlungen zu verstehen. Jede Interviewsituation mit einer traumatisierten Person ist einzigartig. Neben unserem Verhalten trägt auch immer die Schwere der Traumatisierung, die zwischenmenschliche Ebene, das Setting und die jeweilige Tagesform zum Ausgang des Interviews bei. Es kann auch Gesprächspartner geben, die solche Interviews als befreiend empfinden. Die intensive Recherche zu Traumatisierungen sollte nicht dazu führen, dass man sich im Handeln blockiert fühlt.

 

Journalist*innen sollten sich klar machen: Niemand kann den Ablauf solcher Interviews minutiös planen. Trotz sehr guter Vorbereitung können – und werden – Fehler passieren. Was zählt, ist das Bewusstsein über die besondere Herausforderung sowie ein besonderes Maß an Empathie, Professionalität und Menschlichkeit im Umgang mit dem Gegenüber. 

 

Marianna Deinyan lebt in Köln und arbeitet als freie Journalistin und Radiomoderatorin, hauptsächlich für WDR und Radio Bremen. Ihre Schwerpunkte: (Pop-)Kultur, Gesellschaft und Migration.   

 

Tipp: Das Dart Center for Journalism & Trauma der Columbia Journalism School ist eine internationale Anlaufstelle für dieses Thema.  

 

Bisher erschienen:

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland

Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin

Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds

Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine

Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de

Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur

Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler

Teil 8: Julia Bönisch, Chefredakteurin von sz.de

Teil 9: Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin

Teil 10: Barbara Hans, Spiegel-Chefredakteurin

Teil 11: Sascha Borowski, Digitalleiter Augsburger Allgemeine

Teil 12: Richard Gutjahr, freier Journalist, Start-up-Gründer und -Berater

Teil 13: Benjamin Piel, Chefredakteur Mindener Tageblatt

Teil 14: Josef Zens, Deutsches GeoForschungsZentrum

Teil 15: Christian Lindner, Berater "für Medien und öffentliches Wirken"

Teil 16: Nicole Diekmann, ZDF-Hauptstadtjournalistin

Teil 17: Carsten Fiedler, Chefredakteur Kölner Stadt-Anzeiger

Teil 18: Stella Männer, freie Journalistin

Teil 19: Ingrid Brodnig, Journalistin und Buchautorin

Teil 20: Sophie Burkhardt, Funk-Programmgeschäftsführerin

Teil 21: Ronja von Wurmb-Seibel, Autorin, Filmemacherin, Journalistin

Teil 22: Tanja Krämer, Wissenschaftsjournalistin

Teil 23: Marianna Deinyan, freie Journalistin und Radiomoderatorin

 

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