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Den konstruktiven Bogen bloß nicht überspannen

Studie zum konstruktiven Journalismus: Stephan Weichert (Foto: Martin Kunze) und Leif Kramp (Foto: Beate C. Koehler).

In ihrer aktuellen Studie ermitteln die beiden Kommunikationswissenschaftler Leif Kramp und Stephan Weichert im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung, wie vielfältig konstruktive Ansätze in der Berichterstattung während der Corona-Pandemie eingesetzt werden. Es gibt aber auch Medien, die es offenbar zu "gut" meinen. Text: Leif Kramp & Stephan Weichert.

27.10.2021

Der Journalismus hat während der Corona-Pandemie eine zweite Chance erhalten: Er konnte neue Leser:innen gewinnen, ohne dass ihm die alten davonlaufen. Nach vielen Monaten eher gleichförmiger Berichterstattung denken Medienschaffende darüber nach, wie wir es als Gesellschaft gemeinsam aus der Krise schaffen könnten. Es wird vor allem geschaut, welche vorbildhaften Beispiele es gibt, wie andere den nächsten Schritt geschafft haben. 

Ein verlässlicher Berater in der Krisenbewältigung zu sein – davon ist der Journalismus allerdings weit entfernt. Trotzdem hat sich um den neuen Bedeutungszuwachs eine Medienbewegung formiert, die ihre Bestimmung in der journalistischen Suche nach Lösungen und Perspektiven sieht, um diese mit dem Publikum öffentlich zu diskutieren. Nicht weichspülen will der so genannte konstruktive Journalismus das Weltgeschehen, sondern ein Fundament schaffen, um Neuperspektivierungen – möglichst auch des eigenen Tuns – vorzunehmen. Vertreter:innen dieses Umdenkens im Journalismus proben einen Gegenentwurf zur weit verbreiteten Praxis, Berichterstattung auf Konflikte und Krisen zu fokussieren. Das war bislang ein weiterer Grund, warum sich vor allem jüngere Nutzer:innen von herkömmlichen Nachrichtenangeboten abwenden.

Lösungen mitzudenken, kommt beim Publikum gut an

Nicht von der Hand zu weisen ist dabei, dass diese Art von Journalismus aktivistische Züge trägt – und sei es nur transportiert über ein eingegrenztes redaktionelles Entscheidungsspektrum oder den thematischen Angang, eine konstruktivere Berichterstattung betreiben zu wollen, die sich vom nachrichtlichen Negativgeschehen abhebt. Den gewohnten Nachrichtenduktus zu verlassen, bedeutet allerdings, das Weltgeschehen durch eine andere Brille zu betrachten, zu bewerten und journalistisch zu vermitteln. Sowohl Redaktionen als auch Journalist:innen denken dabei in ihrer alltäglichen Arbeit mögliche Lösungen von Problemen und Missständen schlichtweg mit. Diese veränderte Herangehensweise an Themen kommt an: Nutzer:innen verweilen länger auf konstruktiven Nachrichtenangeboten, fühlen sich direkter angesprochen und lassen sich eher in Diskussionen mit Redaktionen und anderen Nutzer:innen einbinden. Bei diesem Dialogjournalismus handelt es sich inzwischen um belastbare Erfahrungswerte, die nicht nur in Einzelfällen von Praktiker:innen bestätigt werden.

Journalismus mit aktivistischer Tendenz kann – so zeigt unsere Analyse – dabei in unterschiedlicher Gestalt daherkommen. In extremer Weise hat das aktivistische Konzept einige Male das Magazin "Stern" umgesetzt: Hier zeigte sich das Unbehagen in der Branche gegenüber den Produkten und ihren Macher:innen bis dato am deutlichsten. Obwohl die konkrete Umsetzungsidee transparent gemacht wurde, lautete sinngemäß der Vorwurf, Journalismus dürfe sich nicht einem Helfersyndrom unterordnen, so gut gemeint die Absicht auch sei – sprich: nicht unmittelbar helfen, nicht Position ergreifen, sich nicht vereinnahmen lassen. 

Vorsicht vor aktivistischen Tendenzen und argumentativen Plattitüden

Insofern ist Vorsicht geboten, wenn es in den inzwischen zahlreichen Plädoyers für das konstruktive Paradigma in der Berichterstattung zu argumentativen Plattitüden kommt, etwa dass es nur negative Nachrichten in den Medien gebe oder sich Nutzer:innen auf ewig abwenden würden, wenn die Medien weiterhin über das Schlechte in der Welt berichten. Alles Negative auszuklammern, das Publikum davor gewissermaßen abzuschotten, ist in dieser Hinsicht aber keine Lösung. In einer Krise als Journalist:in kritisch wie konstruktiv zur Krisenbewältigung beizutragen, durchaus. 

In der Kontrollfunktion des Journalismus liegt immerhin seine Existenz begründet. Und das bedeutet, dass Journalist:innen – neben vielen anderen Dingen – sich den Machenschaften und Missständen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zuwenden, soziale Ungerechtigkeiten aufdecken und antidemokratische Tendenzen anprangern sollten. Dass der Journalismus vor dem Hintergrund dieser Mission allenthalben einem Dilemma aufsitzen kann, ist in den vergangenen Jahren von der Medien- und Kommunikationswissenschaft hinreichend erforscht worden: Der Negativitäts-Bias und das motivationale Handeln Einzelner fördern auch schon außerhalb der Diskussion um die Sinnhaftigkeit eines Konstruktiven Journalismus einige Komplikationen zutage, die hier nicht detailliert werden sollen. 

"Konstruktiver Journalismus ist und bleibt akteursseitig ambivalent."

Gerade unter dem Eindruck der Corona-Pandemie lassen jedoch die zugespitzten Einlassungen zu den Konsequenzen des Klimawandels, die Aufarbeitung von universellen Themen wie sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Benachteiligung, aber auch die kampagnenartige Berichterstattung um die Kanzlerkandidaturen immer wieder neue Spurenelemente erkennen, wie Journalist:innen regelmäßig zu Akteur:innen mit aktivistischem Reflexen werden (können). 

Konstruktiver Journalismus ist und bleibt deshalb akteursseitig ambivalent: Einerseits wollen Journalist:innen in ihrer Berichterstattung Positives betonen und auch bewirken, indem sie Perspektiven aufzeigen, wo und wie es besser laufen, und was in unserer Gesellschaft nicht nur innovations- oder solidaritätsfördernd, sondern auch nachhaltig ist. Stimuliert werden dadurch zweifelsfrei der konstruktive Nutzer:innendialog und die gesellschaftliche Debattenkultur. Anderseits – und das ist das große Aber – werden diejenigen den Ansatz von vorneherein für obsolet halten, die es schon immer für einen (ihren) journalistischen Anspruch gehalten haben, ein möglichst ganzheitliches Bild der Nachrichtenlage zu vermitteln, also das Für und Wider von Neuigkeiten und Ereignissen abwägen, um in ihrer Berichterstattung zu differenzierten Schlussfolgerungen zu kommen, gemäß dem Motto "complicating the narrative". 

Corona-Berichterstattung wurde für viele Redaktionen zur Gratwanderung 

Die Erfassung der Wirklichkeit ist somit als Aushandlungsprozess zu sehen, dem kein Mensch qua sozialer Herkunft, persönlichem Wertesystem und beruflichen Antriebsmotiven vollständig vorurteilsfrei begegnet und auch nicht begegnen kann – auch wenn dies stets der hehre Anspruch journalistischer Berichterstattung sein sollte. Vor allem am Beispiel des Impfgeschehens während der Corona-Pandemie und den Spekulationen zur Herkunft des Virus lässt sich gut nachvollziehen, dass eine unvoreingenommene und nüchterne Berichterstattung für viele Redaktionen offenbar zur Gratwanderung wurde. Hierbei ging es für die Medien im Ergebnis zunächst offenbar nicht um unabhängige Darstellungen von Fakten und Recherchen, sondern um die Durchsetzung von politischen Interessen bis hin zu Stigmatisierungen, wer publizistisch wo(für) steht und sich wie positioniert: Dafür oder dagegen. Positiv oder negativ. Gut oder böse. 

Das Risiko besteht im Ganzen gesehen darin, dass Journalist:innen bei der aktiven Suche nach Lösungen im Dienste eines autoritären Moralismus handeln: Was ist moralisch richtig, was falsch? Wie wollen wir als Gesellschaft künftig leben? Was sind demokratische Werte? Woran lassen sich Gerechtigkeit und Verhältnismäßigkeit ablesen? Diese Fragen bedingen und definieren zweifelsohne auch die praktische Auslegung konstruktiver Berichterstattung und verkehren das journalistische Neutralitäts- und Objektivitätsgebot ins Gegenteil. 

"In der Krise verstärkt sich auch die Wahrnehmung der Medien als Verkünder politischer Entscheidungen und als Verkäuferin von Utopien und Dystopien. Zugleich erscheint der konstruktive Journalismus als ein geeignetes Vehikel, auch den Unmut der Menschen im Umgang mit der Krisensituation zu artikulieren."

Konstruktiver Journalismus hat gerade auch deshalb die Debatte um eine "Haltung" im Journalismus neu aktiviert, weil sich das Lagerdenken der Medien durch die anhaltende Corona-Phase noch verschärft hat – und damit der Eindruck auf Publikumsseite, dass es in der Berichterstattung nicht nur unterschiedliche Befindlichkeiten und Sichtweisen auf die Pandemie gibt, die einer stärkeren Einordnung bedürfen. Sondern dass es womöglich unterschiedliche Auslegungen der Wirklichkeit gibt, sowohl was die Lösungswege zur Virus-Bekämpfung angeht, aber auch den Umgang mit den politischen und gesamtgesellschaftlichen Folgen betreffend. Der allfällige Verdacht, dass von der politischen Klasse zudem Entscheidungen getroffen werden, die Journalist:innen vorenthalten geblieben sind, verkompliziert diese Sichtweise.

Abgrenzung lösungsorientierter Ansätze von Aktivismus und PR 

Die außergewöhnlichen Umstände der Corona-Pandemie erfordern auch im Journalismus besondere Maßnahmen – der gesellschaftliche Umgang mit der globalen Krise hat im Medienbereich die Neigung zu Extremen und damit das Risiko eines Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlustes für die Arbeit von Journalist:innen befördert. In der Krise verstärkt sich auch die Wahrnehmung der Medien als Verkünder politischer Entscheidungen und als Verkäuferin von Utopien und Dystopien. Zugleich erscheint der konstruktive Journalismus als ein geeignetes Vehikel, auch den Unmut der Menschen im Umgang mit der Krisensituation zu artikulieren.

Anders als in Dänemark oder in den USA gibt es in Deutschland nach wie vor keine institutionelle Basis, die bisherige Initiativen zur Förderung konstruktiver und lösungsorientierter Berichterstattung bündelt und einen strukturierten Erfahrungsaustausch begleitet, der auch die Herausforderungen des konstruktiven Ansatzes thematisiert: Überfällig erscheint die Diskussion, inwieweit eine Abgrenzung der lösungsorientierten Ansätze von Aktivismus und PR in eigener Sache nötig ist. Einzelne Beispiele – auch deutscher Medien – zeigen, dass die Frage eines unabhängigen Journalismus vor allem dann gestellt werden muss, wenn er sich in den Dienst einer guten Sache stellt. In diesem Zusammenhang ist das sogenannte "Greenwashing", also PR-Methoden von Unternehmen und Organisationen, die ausschließlich darauf abzielen, ihnen mittels einer konstruktiv-freundlichen Berichterstattung ein umweltfreundliches öffentliches Image zu verleihen, eine Herausforderung.

Realistische Lösungsansätze sowohl auf der individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene zu formulieren und mitnichten nur gute Nachtrichten zu präsentieren, muss das Ziel konstruktiver Berichterstattung sein. Es ist essenziell, dass der Begriff des Konstruktiven und die diesbezüglichen Praktiken genauer zu definieren sind, bevor Konzepte entwickelt werden, die sich in den Angeboten wiederfinden. Das Risiko einer Realitätsverzerrung erscheint zur groß, wenn sich Journalismus nur noch positiven Nachrichten zuwenden würde – Erinnerungen an eine Aldous-Huxley-Dystopie werden wach. Schließlich sollte journalistische Arbeit aktuelle Debatten ermöglichen, er muss auch zwingend gesellschaftliche Kontroversen aushalten und darf keinesfalls dazu übergehen, unerwünschte Positionen totzuschweigen, geschweige denn abzustrafen. 

Für konstruktive Ansätze ist es deshalb eine Bedingung, auf der einen Seite keinen "Verkündungsjournalismus" zu betreiben. Auf der anderen Seite soll er aber einen Gegenentwurf entwickeln zu einem Journalismus, der Panik und Krisenstimmung verstärkt. Wir raten indes davon ab, den konstruktiven Ansatz durch Rubrizierung zu kolonisieren. Vielmehr sollte es darum gehen, die konstruktive Denkschule in ein empirisch valides Gesamtkonzept einzubetten, es in einen ganzheitlichen Ansatz zu überführen und auch kontinuierliche Selbstkritik der gegenwärtigen journalistischen Praxis zu ermöglichen, die dem Konstruktiven Journalismus zugrunde liegt. Gerade das oft beschworene "veränderte Mindset" sollte Journalist:innen ausreichend Anlass geben, über sich und ihre Arbeitsweisen im Austausch mit dem Publikum nachzudenken. 

Ein souveräner Umgang mit der Digitalisierung ist anschlussfähig an das von Vocer entwickelte Konzept einer Digitalen Resilienz, die eine Lösungsorientierung im Journalismus automatisch einschließt, aber nicht bei der reinen Recherche nach Lösungsansätzen stehenbleibt oder den Bogen ins Aktivistische überspannt: Digitale Resilienz umfasst aus unserer Sicht Schlüsselkompetenzen, die Menschen, aber auch Unternehmen auf dem Weg in die digitale Transformation benötigen. Dieser Ansatz macht Wendepunkte in der digitalen Gesellschaft sichtbar und zugleich die Notwendigkeit einer Veränderung fruchtbar, indem er soziale Anpassungsfähigkeit, Innovationsbereitschaft und Gemeinwohlorientierung fördert.  

Ende Oktober 2021 erschien die Studie "Konstruktiv durch die Krise?" von Leif Kramp und Stephan Weichert zur Systemrelevanz und Verantwortung der Medien in der Corona-Pandemie bei der Otto-Brenner-Stiftung und ist dort kostenlos digital oder als gedrucktes Exemplar erhältlich. Kramp und Weichert engagieren sich beide als Vorstände am gemeinnützigen VOCER Institut für Digitale Resilienz, das sie 2020 mitgegründet haben. 

Dieser Beitrag ist in einer Kooperation von Vocer und dem journalist entstanden. Der Beitrag wird in dem Buch "Wie wir den Journalismus widerstandfähiger machen" erscheinen. Herausgeber sind Vocer-Mitgründer Stephan Weichert und journalist-Chefredakteur Matthias Daniel.

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