Wie machen das die jungen Leute?

Der EU-Moderator

01.07.2021

Paul Ostwald hätte einfach weitermachen können, wie er angefangen hat: als Auslandskorrespondent. Er ist lieber Medien-Gründer geworden. Denn er will die europäische Debatte verbessern. Text: Caroline Lindekamp

Vom Auslandskorrespondenten zum Gründer von Forum.eu: Paul Ostwald (Bild: Phil Dera)

Kann man diese Überschrift so publizieren? Die polnische Tageszeitung Rzeczpospolita hatte die verpönte Anfangszeile des Deutschlandlieds als Überschrift gewählt. Sie stand über einem Artikel zu den Corona-Hilfsfonds der EU. Der Rest des Artikels erschien wie gewohnt in der Landessprache. Normalerweise eine Barriere für Leser, die kein Polnisch sprechen. Die Nachrichtenplattform Forum.eu schafft Abhilfe. Sie gibt Artikeln von Partnermedien ein Zweitleben, indem sie sie in sechs europäische Sprachen übersetzt und ihnen damit Zielgruppen jenseits nationaler Sprachgrenzen eröffnet. Im Angebot sind derzeit Deutsch, Französisch, Englisch, Griechisch, Spanisch – und Polnisch. Die Übersetzung der Überschrift von Rzecz­pospolita stellte das multinationale Redaktionsteam vor eine Herausforderung: Wie lässt sich der Titel aus dem polnischen in den deutschen Kontext übertragen? Und ist er überhaupt vertretbar? „In Polen kann man ihn vielleicht bringen, aber in Deutschland ist der Fall anders gelagert“, sagt Paul Ostwald. Der 24-Jährige ist einer der Gründer und „Editor at Large“, Chefredakteur, von Forum.eu.

 

Die unterschiedliche Wahrnehmung des Artikels in den Ländern ist ein Beispiel für typische Hindernisse im öffentlichen Diskurs in Europa. Es geht nicht nur um unterschiedliche Sprachen, sondern auch um verschiedene Kulturen der Kommunikation. Forum.eu schreibt auf der eigenen Website: „Sprachbarrieren hinderten Europa daran, die wichtigen Themen für die Zukunft zu diskutieren. Bis jetzt.“ Genau genommen bis vor einem halben Jahr, so die Botschaft. Denn da ging Forum.eu mit dem Versprechen live, diese Barrieren zu überwinden. Mit einer reinen Übersetzung der Artikel ist es dabei zumeist nicht getan, automatisierte Programme scheitern regelmäßig an der Aufgabe, Artikel sinnvoll in einen anderen Sprachraum zu übertragen. Das Team aus mittlerweile 15 Redakteuren ergänzt auch Hintergrundinformationen, wenn sie zum Beispiel für den spanischen Leser selbstverständliches Allgemeinwissen, Lesern der griechischen Übersetzung aber nicht präsent sind.

 

Perspektivwechsel

 

In Griechenland hatte Ostwald die Idee für Forum.eu, erzählt er. Als freier Journalist berichtete er 2016 für Handelsblatt und taz über den EU-Türkei-Gipfel. Hunderte Journalisten aus ganz Europa tummelten sich damals auf Lesbos, in Deutschland waberte der Begriff von der „Festung Europa“ durch die Schlagzeilen. Alleingelassen an der europäischen Außengrenze seien die Griechen genervt und wütend, hieß es. „Das hatten alle deutschen Auslandskorrespondenten geschrieben, denn es war naheliegend“, sagt Ostwald. Doch im Gespräch mit einem griechischen Kollegen beschrieben andere Attribute die Stimmungslage im Land viel besser. Die Griechen waren viel verständnisvoller, als es die ausländischen Medien suggerierten. Sie waren eher enttäuscht als genervt, befand der Korrespondent.

 

Es brauchte Perspektivwechsel in der Berichterstattung, stand für Ostwald an diesem Tag fest. Ein Weg dazu wäre, die vielen guten journalistischen Beiträge, die es in Europa gibt, mehr Menschen zugänglich zu machen. Rund zwei Jahre später zog Ostwald von London nach Berlin. Hier fand er in Nikolaus von Taysen, Jonas Bedford-Strohm und Valentin von Albrecht Mitstreiter für seine journalistische Gründungsidee. Das Quartett erfand Forum.eu. Dem Start-up-Klischee getreu sitzt die Redaktion in Kreuzberg. „In den Häusern, die die Generation meines Vaters in den 1980ern aus Protest besetzte“, sagt Ostwald. Dem Sohn geht es auch darum, Grenzen zu überwinden, allerdings eher mit dem Ziel eines Systemerhalts statt des Umbruchs. Und mit unternehmerischem Hintergrund. „So ändern sich die Zeiten“, sagt Ostwald.

 

"Solange sie auf Fakten und guten Argumenten basieren, dürfen wir bei den kritischen Stimmen nicht weghören."

 

Anderes hat Ostwald von den Eltern übernommen. Etwa sein Interesse an Auslandsberichterstattung: Beide arbeiten als Auslandskorrespondenten fürs Fernsehen. Während die Mutter für die ARD aus Ostafrika berichtete, besuchte der Sohn die Deutsche Schule in Nairobi. Seine ersten Artikel als Freiberufler schrieb er über ostafrikanische Literatur für Africa Positive, eine deutschsprachige Zeitschrift mit Fokus auf den Kontinent. Fürs Abi ging es nach Köln, und als die Eltern zur nächsten Auslandsstation nach Russland aufbrachen, begann der Sohn ein Studium in „Philosophy, Politics and Economics“ in Oxford. Bald schrieb er für verschiedene deutsche Medien, forschte für das Reuters Institute zu Journalismus in Osteuropa. „Den Journalismus bekommt man wohl einfach nicht aus den Genen“, sagt Ostwald und ergänzt etwas selbstironisch: „Aber da ich schreibe, rede ich mir ein, dass ich was ganz anderes mache als meine Eltern.“ Und er denkt mit Forum.eu die Auslandsberichterstattung einen Schritt weiter. Es gebe eine ganze Reihe anderer Medien, die sich an paneuropäischer Berichterstattung versucht hätten, sagt Ostwald: „Ich finde die Angebote cool und nützlich. Aber fördern sie tatsächlich die länderübergreifende Teilhabe?“

 

Vier Euro im Monat

 

An solchen Zielen seien schon einige Medien-Start-ups gescheitert, sagt Ostwald. Er kennt also die Herausforderungen. So droht aus seiner Sicht Gründungen zumeist das Aus, wenn sie die publizistische Idee irgendwann notwendigerweise in ein Geschäftsmodell übertragen müssen – schlicht, damit auch Geld reinkommt. An diesem Punkt steht jetzt auch Forum.eu. Bisher haben die Gründer das Projekt über den Wagniskapitalgeber Bonum Ventures finanziert. Jetzt haben sie eine Paywall hochgezogen; „humane vier Euro im Monat“, sagt Ostwald. Die Abo-Einkünfte sollen den Grundstein für ein „20-Prozent-Revenue-Modell“ legen. Heißt: Abhängig von der Zahl weiterpublizierter Artikel des jeweiligen Partnermediums bekommen diese 20 Prozent der Abo-Gesamteinnahmen ab.

 

Auf eine einzelne Einkunftsquelle wollen sich die Gründer auf Dauer nicht verlassen. „Das kann fatal sein – umso mehr, wenn man Verantwortung für mehr als 20 Angestellte hat“, sagt Ostwald. So denkt er aktuell in ganz verschiedene Richtungen. Einen Newsletter verschickt die Redaktion jetzt schon, vielleicht lässt sich dieser Service irgendwann monetarisieren. Themen-Dossiers sind als B2B-Angebot in Planung: Damit könnten sich Institutionen, NGOs und Unternehmen einen Überblick über EU-relevante Schwerpunktthemen verschaffen. Der wichtigste Baustein aber soll ein Marktplatz für Zeitungen werden, auf dem sie Artikel über Sprachgrenzen hinweg anbieten und kaufen können.

 

Eine andere Baustelle lautet: Das Netzwerk ausbauen. Bisher sind 25 Medien an Bord. Hierzulande sind das beispielsweise Zeit, taz und FAZ, in Spanien El Mundo, in Österreich Der Standard. Mit der New York Times ist ein weiteres Flaggschiff im Boot, das einen Blick auf, statt aus der EU liefert. Auch die Investigativformate OKO.press aus Polen und Bellingcat aus England machen mit. Direkte Kontakte in Redaktionen waren ein hilfreicher Türöffner – etwa bei der FAZ, für die Ostwald nach wie vor schreibt. Sie war eines der ersten Medien an Bord. Mit anderen Verlagen zogen sich die Gespräche zum Teil lange hin. „Unsere Artikel sind auf unserer Website zu Hause, und hier bleiben sie auch“, war oft die spontane Reaktion auf die Anfrage. „Das ist erst mal verständlich – auch weil andere vor uns Erde verbrannt haben. Sie haben das Blaue vom Himmel versprochen und letztlich nichts umgesetzt“, sagt Ostwald.

 

Überzeugungsarbeit

 

Die Redakteurinnen und Redakteure ließen sich von dem Projekt meist schnell überzeugen. „Aber die Entscheidungen werden auf anderen Ebenen getroffen. Spätestens im Verlagsmanagement kommt man mit Idealismus nicht mehr weit“, sagt Ostwald. Er richtet den Blick nach oben, als würde er eine Hierarchieleiter hinaufschauen. Als er zu der Argumentationskette ansetzt, die er schon so oft vorgebracht hat, fällt er in den Verkaufsmodus. Seine Stimme wird ernster. Wie im Stakkato reiht er kurze Sätze zum Mehrwert von Forum.eu aneinander: Jetzt geht es um Markenbildung, Artikel-Übersetzungen zur freien Weiternutzung, Zielgruppen aus jungen Leuten und Entscheidern der Erasmus-Generation, zusätzliche Einnahmequellen ohne Mehraufwand in der Produktion. „Und natürlich um die Chance, in diesen turbulenten Zeiten etwas für den europäischen Diskurs zu tun.“ Mit dem Argument ist Ostwald nicht mehr der Vertriebler, sondern wieder ganz bei sich und seinen Überzeugungen.

 

Ostwald kann nicht alle Ansprechpartner überzeugen – und manchmal überrascht ihn ein Erfolg: „Am einfachsten begeistern lassen sich ausgerechnet die Medien, die wirtschaftlich ums Überleben kämpfen und zudem unter politischem Druck stehen“, sagt er. Hingegen erlebte er die größte Innovationsskepsis in vergleichsweise gut aufgestellten, großen Medienhäusern. „Bevor wir so was mitmachen, gehen wir lieber mit Print unter“, bekam Ostwald einmal in einem deutschen Verlag zu hören. Es sei nicht so, dass er das gedruckte Wort nicht schätze oder Forum.eu als Lösung für die Medienkrise ansehe. Aber Resignation, sagt Ostwald, sei auch keine Lösung.

 

Resignieren könnten EU-Verfechter derzeit dagegen manchmal angesichts der Krisenstimmung in der Staatengemeinschaft. Die Notlage nährt einen populistischen Diskurs, spielt Verschwörungstheoretikern immer neue Anhänger zu. Rückschläge beim Impffortschritt etwa sorgen für Neid, die Verteilung für Streit. Neben all dem hat sich Großbritannien aus der Union verabschiedet. Es ist keine Überraschung, dass Ostwald nicht zum Lager der Brexit-Befürworter gehört. Aber auch von Kommilitonen und Freunden in England vernahm er diese Stimmen. Sie tauchen auch auf Forum.eu auf. Zugleich gehört mit dem Telegraph aber auch eines der bekanntesten EU-kritischen Medien der Insel zum Forum.eu-Netzwerk, das nach wie vor konsequent pro Brexit argumentiert. Unter dem Titel „Der Totenkult der EU“ wetterte ein Autor jüngst gegen die Bürokraten in der Kommission, die die Impfkampagne und damit den Kampf gegen die Pandemie ausbremsen würden. Zum Glück sei England ausgestiegen und komme beim Impfen schneller voran.

 

Wie weit darf der Blick gehen?

 

Solche Meinungen gehören zur europäischen Debatte. „Solange sie auf Fakten und guten Argumenten basieren, dürfen wir bei den kritischen Stimmen nicht weghören, wenn wir tatsächlich ein Forum sein wollen, in dem die verschiedenen Positionen zusammenkommen. Sonst vernetzen wir nachher nur die, die ohnehin schon im Dialog stehen und mit im pro-europäischen Boot sitzen.“

 

Und deswegen diskutierte die Redaktion auch, ob sie dem Artikel aus der polnischen Zeitschrift Rzeczpospolita ein mehrsprachiges Zweitleben geben sollte. „Ich war nicht bereit, diese Überschrift in Deutschland zu publizieren“, sagt Ostwald. „Wir sind nach dem Telemediengesetz für die Inhalte auf unserer Plattform verantwortlich. Aber darüber hinaus nehme ich so etwas einfach nicht hin.“ Neben dem Titel sei die ganze Argumentation im Artikel nicht schlüssig gewesen. Die Redaktion versteht sich in solchen Fällen als durchaus strenge Moderatorin der europäischen Debatte: Dieses Mal hatte Rzeczpospolita gegen die Spielregeln verstoßen. Daher entschied sich Forum.eu gegen die Weiterpublikation.

 

Caroline Lindekamp ist Redakteurin in der Kölner Wirtschaftsredaktion Wortwert.

 

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