Ralf Leifer

Der Osten war das Testfeld

27.11.2020

Ralf Leifer hat in der DDR als Journalist gearbeitet und war dabei, als im Juni 1990 in Thüringen der erste DJV-Landesverband im Osten gegründet wurde. Bis zum 30. September 2019 war er dort als Geschäftsführer im Einsatz. Der journalist bat ihn im 30. Jahr der Deutschen Einheit um einen Blick zurück nach vorn. Interview: Monika Lungmus

Ralf Leifer war 29 Jahre lang Geschäftsführer des DJV-Landesverbands Thüringen. Im Oktober 2019 ging er in den Ruhestand. (Foto: DJV Thüringen, ms)

journalist: Mit welchen Themen hat sich der DJV Thüringen in den Anfangsjahren beschäftigt?

 

Ralf Leifer: Erst mal ging es darum, die Arbeitsfähigkeit unserer Gewerkschaft herzustellen. Wir waren zugleich Lernende und Interessenvertreter, wussten nicht, wie gewerkschaftliche Arbeit zu organisieren ist. Und Josef Weiske, damals Vorsitzender des DJV-Landesverbands Rheinland-Pfalz, hat uns da als Ratgeber sehr hilfreich zur Seite gestanden. Er hatte mich unter anderem dazu eingeladen, in die Geschäftsstelle nach Mainz zu kommen, damit ich mir mal anschauen kann, wie eine Geschäftsstelle organisiert wird. Das hat dazu geführt, dass da recht früh so eine kleine Ost-West-Vereinigung auf KollegInnen-Ebene entstanden ist. Wichtig war natürlich auch, recht schnell vergleichbare tarifliche Regelungen für unsere Leute zu bekommen. Im Tageszeitungsbereich ist uns das 1992 gelungen. Der Tarifvertrag sah eine Angleichung der Arbeitsbedingungen bis Ende 1995 vor. Beim MDR hatten wir die Angleichung schon etwas früher. Der Gründungsintendant Udo Reiter überraschte uns damals mit der Erklärung, dass beim MDR von Anfang an tariflichen Bedingungen wie im Westen gelten. 

 

Wie passen dazu die Forderungen nach einer Angleichung der MDR-Gehälter auf Westniveau, wie es sie in der jüngeren Vergangenheit gegeben hat?

 

Nach dem Sendestart des MDR gab es mehrere Null-Runden, die der Intendant gewollt hatte. Dadurch entstand ein Abstand von circa acht Prozent zum Tarifniveau in den anderen Rundfunkanstalten. Wir haben deshalb die Tarifforderung aufgestellt, dass diese Differenz wieder ausgeglichen werden muss.  

 

Welche großen Veränderungen hat es in den vergangenen 30 Jahren in der thüringischen Medienlandschaft gegeben?

 

Nach der großen Euphorie-Welle Anfang der 90er kam schon bald die Ernüchterung. Viele neu gegründeten Zeitungstitel wurden in der Zeit von 1991 bis 1995 eingestellt oder gingen in anderen Titeln auf. Von den Neugründungen in Thüringen existieren heute lediglich noch zwei Titel: die Südthüringer Zeitung und das Meininger Tageblatt, beide sind aber nicht mehr eigenständig. Die Südthüringer Zeitung erscheint heute im Verbund mit dem Freien Wort und beim Meininger Tageblatt ist es ähnlich. Die Redaktionsschließungen und Zusammenlegungen führten zu einem großen Arbeitsplatzabbau. Damals gab es das sogenannte Altersübergangsgeld. Da sind Menschen mit 50 oder Mitte 50 in den vorzeitigen Rentenstand übergeleitet worden. Das sind Brüche in den Biografien, die viele bis heute nicht verdaut haben. Man muss sehen, dass sich viele Menschen über die Arbeitswelt definieren. Daraus resultiert auch ein Teil der Unzufriedenheit im Osten.     

 

Wie sieht die Medienlandschaft heute aus?

 

Die Vielfalt ist verlorengegangen. In Thüringen existieren nur noch sechs Zeitungstitel, die im Wesentlichen zwei Verlagsgruppen gehören. Die drei Thüringer Zeitungstitel der Funke-Mediengruppe arbeiten beispielsweise so eng zusammen, dass von Eigenständigkeit keine Rede mehr sein kann. Wir haben heute keine Konkurrenzsituation mehr. Das hat fatale Auswirkungen auf die Meinungsbildung, die materiellen Arbeitsbedingungen, die personelle Ausstattung in den Redaktionen.  

 

Sie haben mal gesagt, dass der Osten ein großes Experimentierfeld für den Westen war. 

 

Experimentierfeld in dem Sinne, dass man Dinge ausprobiert hat, die man sich im Westen erst mal nicht getraut hätte, aber später auch dort durchgesetzt hat. Wir haben immer gesagt: Der Osten ist das Testfeld für Maßnahmen, die später auch im Westen passieren. 

 

Was waren denn rückblickend für den DJV Thüringen die größten Herausforderungen?

 

Der Streik beim Freien Wort gehört sicher dazu. Die Geschäftsführung hatte verkündet, dass das Freie Wort vier Wochen später nicht mehr existieren werde. Ja, und dann kam es zu einer sechswöchigen Auseinandersetzung, die 1996 damit endete, dass das Freie Wort weiterhin erscheinen konnte. Wir hatten damals zum ersten Mal den Versuch unternommen, durch kollektiven Verzicht der Beschäftigten auf tarifliche Leistungen den geplanten Arbeitsplatzabbau zu minimieren. Freies Wort und Südthüringer Zeitung sind die beiden einzigen Zeitungstitel in Thüringen, die heute noch unter das Tarifrecht fallen. Das hat seinen Ursprung in dieser Auseinandersetzung. 

 

Im Osten haben sich die Verlage recht früh aus der Tarifbindung verabschiedet. 

 

Der Verlegerverband Sachsen-Anhalt/Thüringen hat den Vorreiter gespielt. Er löste sich 1995 auf. Die Eigentümer der Verlage in den beiden Bundesländern saßen jedoch im Westen und verhielten sich zunächst noch tariftreu. 

 

Worum geht es heute vor allem?

 

Zum einen muss sich der Journalismus wandeln, ohne seine Basics zu vernachlässigen. Und zum anderen geht es darum, der Gesellschaft deutlich zu machen, dass Journalismus für die Demokratie unverzichtbar ist. Auf diesen beiden Gebieten muss sich der DJV mehr noch als bisher nicht nur engagieren, sondern als Meinungsführer darstellen. Journalistinnen und Journalisten können noch am ehesten erklären, wie Journalismus funktioniert, wie die tägliche Arbeit in der Redaktion abläuft, was medienrechtlich an Voraussetzungen gegeben sein muss. Und wie man den Journalismus für SchülerInnen im Unterricht erlebbar macht. Denn viele konsumieren Journalismus in den unterschiedlichsten Formen, wissen aber nicht, dass es Journalismus ist.  

 

Ein großes Defizit bei jungen Leuten. 

 

Es geht quer durch die Gesellschaft. In Thüringen haben wir den Vorteil, dass seit 1998 die Medienkompetenzvermittlung gesetzlich verankert und der Landesmedienanstalt als Aufgabe zugewiesen ist, die auf diesem Gebiet auch unglaublich viel macht. Sie unterstützt die Bürgerradios und andere Medienpädagogen, finanziert Projekte in den Schulen und in den Ferien. Außerdem gibt es an Thüringer Schulen den Kurs Medienkunde. Was Aufgabe und Funktion des Journalismus ist, erläutert hingegen der Verein „MedienBildungKompetenz“, mit dem der DJV Thüringen zusammenarbeitet. Es ist ein kleiner Verein. Und die machen das alles ehrenamtlich.  

 

Wie wichtig ist die Stimme der Ostverbände im Bundesverband? 

 

Schwierige Frage. Ich denke, dass durch die Ostverbände insgesamt neue Sichtweisen und Themen in die Diskussionen eingeflossen sind. Es war beispielsweise gar nicht so üblich, dass beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk gestreikt wurde. Vielleicht gab es mal so was wie eine organisierte Mittagspause über drei Stunden. Seitdem beim MDR die ersten Streikaktionen gelaufen sind, zeigt sich nun eben, dass es auch bei anderen Sendern geht.  

 

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