Wie machen das die jungen Leute?

Groß in der Nische

24.11.2020

Alina Rafaela Oehler hat bei ihrem Schritt in die Freiberuflichkeit nichts dem Zufall überlassen: Sie erstellte einen Businessplan und bewertete ihren Marktwert. Der ließe sich erhöhen, indem sie ein Spezialthema besetzt, vermutete sie. Die Wahl fiel auf Theologie. Von Kristina Wollseifen.

Alina Oehler berichtet aus einer Szene, die nach wie vor von Männern geprägt ist: Theologie und Kirche (Foto: Hannes Leitlein)

Priester, Schutzengel, Tarotkarten – über all das hat Alina Oehler schon geschrieben. In einem Text porträtierte sie zum Beispiel einen jungen Mann, der gerne Hip-Hop hört und als Priester arbeitet. In einem anderen erklärte sie, warum manche Menschen Antworten auf die großen Fragen des Lebens in der Esoterik suchen und Schutzengel-Figuren horten. Oehler schlug auch schon mal mit dem Stift in der Hand auf den Tisch – und ärgerte sich in einem Text darüber, dass die katholische Kirche junge Frauen nicht dabei unterstützt, Familienplanung und berufliche Ambitionen unter einen Hut zu bringen.

 

Solche und andere Themen aus Theologie und Christentum, aus Kirche und Gesellschaft sind Oehlers Steckenpferd. Zum Teil aus privatem Interesse – die 29-Jährige ist gläubige Katholikin. Zum Teil auch aus Kalkül. Denn die Journalistin berichtet aus einer Szene, die nach wie vor von Männern geprägt wird, und sie kritisiert und polarisiert gerne. Das kommt bei manch einem Kirchenvertreter nicht gut an, bei Verlagen und ihren Leser*innen aber umso mehr.

 

Einer ihrer ersten Beiträge, der auf den Extraseiten Christ & Welt der Wochenzeitung Zeit erschien, erhielt auf Facebook hunderte Likes und Kommentare. Das Thema war ein höchst persönliches: Es ging um die Frage, warum sie sich entschlossen hatte, mit 23 Jahren zu heiraten. Oehler schloss daraus: Wenn sie mit ihrer Biografie, ihrem Geschlecht und in ihrem Alter in der Berichterstattung die Themen Christentum und Theologie besetzt, kann sie eine eigene Marke aufbauen, ihren Marktwert steigern und so als freiberufliche Journalistin eine stärkere Verhandlungsposition gewinnen. Mit diesem Selbstbewusstsein entwickelte sie drei Jahre später eine Geschäftsidee und einen Businessplan. „Wer nicht weiß, wo er hinwill, kommt nirgendwo an“, sagt sie heute. Die Religion und die Kritik daran sichern ihre Existenz. Als Schülerin in ihrer Heimat im Allgäu träumte Oehler noch davon, als Lokalreporterin oder Politikjournalistin zu arbeiten. Beim örtlichen Zeitungsverlag machte sie ein Praktikum, schrieb Artikel über den Kleintierzuchtverein – Klischee pur. Dann fing sie an, ihre weitere journalistische Laufbahn zu planen. Sie wollte studieren: Theologie und Politik. „Ich wollte Fächer studieren, mit denen ich möglichst viel Allgemeinwissen für mein späteres Berufsleben als Journalistin sammeln konnte“, erklärt sie. An den Unis in Tübingen und Rom standen Kirchengeschichte und Kirchenrecht auf dem Stundenplan, genauso wie alte Sprachen, Philosophie und Altphilologie.

 

„Da habe ich Feuer gefangen“

 Parallel dazu absolvierte sie als Stipendiatin die Ausbildung an der Katholischen Journalistenschule ifp in München. An ihrem Studienort Tübingen gründete sie das Magazin berufen des Päpstlichen Werks für Geistliche Berufe (PWB) in der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit. Bis Oehler im vergangenen Jahr in Elternzeit ging, arbeitete sie neun Jahre lang in der Redaktion, sechs davon als Chefredakteurin. In der Zeit entwarf sie Themenpläne, leitete Redaktionssitzungen, entwickelte mit einer Grafikerin zusammen die Layouts und schrieb auch viele Texte selbst. „Da habe ich Feuer gefangen“, erinnert sie sich. „Ich wusste: Das sind genau die Themen, über die ich schreiben will.“  Also ging sie nach Berlin, um beim Herder-Verlag zu volontieren. Der Verlag bringt unter anderem monatlich das Heft Herder Korrespondenz heraus, in dem Autor*innen über Themen aus Kirche, Religion und Gesellschaft berichten. Nach dem Volontariat blieb Oehler dem Verlag als Lektorin treu – aber nicht lange. Ihr Wunsch: wieder mehr eigene Stücke zu schreiben. „Ich bin ein neugieriger Mensch“, sagt sie: „Ich liebe es, Menschen zu begegnen, ihre Geschichten zu erfahren und diese dann aufschreiben zu dürfen.“ Statt sich kopflos ins neue Abenteuer Selbstständigkeit zu stürzen, brachte Oehler aber erst mal ihre Geschäftsidee zu Papier. Sie fragte sich: Welche Fähigkeiten bringe ich mit? Welche Dienstleistungen möchte und kann ich anbieten? Welche Versicherungen sind wichtig? Und: Wie viel muss ich verdienen, damit sich die Arbeit lohnt? Antworten auf diese Fragen hatte sie in ihrem Businessplan festgehalten: Auf der Ausgabenseite listete sie Kosten für Equipment, Steuerberater und Weiterbildungen auf. Dem stellte sie mögliche Einkommensquellen und Einnahmen gegenüber. „Je detaillierter Freiberufler ihre Geschäftsidee definieren können, desto erfolgreicher werden sie später sein“, ist sich Oehler sicher.

 

Gründungszuschuss

Ein Beispiel: Statt zu sagen, dass sie über religiöse Themen im Allgemeinen berichten will, fand sie Nischen in der Nische – einerseits als Vatikan-Kennerin, andererseits als Expertin für die Rolle der Frau in der katholischen Kirche. „Kunden können bei einer engen Eingrenzung des Fachgebiets viel besser abschätzen, ob sie einen beauftragen wollen oder nicht“, sagt Oehler. „Und sie finden einen als Spezialistin schneller.“

 

Auf dem Weg in die Freiberuflichkeit las Oehler mehrere Fachbücher, tauschte sich mit ihrem Ehemann aus, holte sich auch Hilfe bei ihrem Steuerberater. Nach ein paar Wochen stand der Businessplan. Damit wandte sie sich dann an die Arbeitsagentur, um einen Gründungszuschuss zu beantragen. „Mit dem Geld habe ich den Einstieg in die Freiberuflichkeit finanziert“, sagt sie. „Wer sich selbstständig macht und noch keine festen Kunden oder Geschäftspartner hat, verdient selten genügend zum Leben.“  Oehler hatte Glück: Noch bevor sie komplett auf eigenen Füßen stehen musste, hatte sie bereits zwei feste Kunden gewonnen.

 

"Je detaillierter Freiberufler ihre Geschäftsidee definieren können, desto erfolgreicher werden sie später sein."

 

Das Bistum Rottenburg-Stuttgart mit der Chefredaktion des berufen-Magazins. Und die Redaktion der Zeit-Beilage Christ & Welt. Fast zwei Jahre lang schrieb sie dort eine Kolumne. Unter dem Titel „Luft nach oben“ behandelte sie in ihren Beiträgen Themen aus Religion und Gesellschaft. „Meine Texte sollen den Lesern die Kirche, die für viele Menschen ein Stück weit eine Parallelwelt darstellt, erklären“, sagt die 29-Jährige. „Ich will aber auch Missstände und Versäumnisse aufzeigen.“ 

 

Zu niedrige Honorare

Das finden viele Leser*innen interessant, manche aber auch kritikwürdig. So führte etwa ihr Aufruf, kirchliche Angestellte sollten mehr auf ein gepflegtes Äußeres achten, zu dem Vorwurf, sie wolle andere lächerlich machen. Ihr Vorschlag, dass Priester die Soutane, ein schwarzes Gewand mit 33 Knöpfen, auch im Alltag tragen sollten, wurde von manch einem Kirchenvertreter wiederum als unbotmäßiges kirchenpolitisches Statement bewertet. Und ihr Engagement für mehr Frauen im Vatikan sorgt dafür, dass sie auf einschlägigen Internetblogs bis heute als progressive Emanze dargestellt wird. Das alles lässt Oehler nicht kalt – hält sie aber nicht davon ab, weiter ihre Meinung in der Öffentlichkeit zu teilen: „Journalisten haben das Privileg und den Auftrag, den Finger in die Wunde legen zu dürfen und so vielleicht etwas verändern zu können“, sagt Oehler. „Deswegen werde ich mich auch nie scheuen, mich in meinen Texten zu positionieren.“

 

Ein Problem bleibt: Viele Medienhäuser zahlen zu niedrige Honorare. Daher ist Oehler klar: „Ich werde es mit klassischer journalistischer Arbeit nicht schaffen, jeden Monat ein Akademikergehalt zu erwirtschaften.“ Es schien zunächst nur zwei Optionen zu geben, um das zu ändern: entweder ein Bauchladen-Modell aufzubauen, wie die Journalistin sagt, und den gleichen Text an mehrere Abnehmer zu verkaufen. Oder als feste freie Mitarbeiterin oder Korrespondentin für ein Medienhaus zu arbeiten. Ersteres erschien Oehler zu ungewiss, zweiteres kam aufgrund der Familienplanung nicht infrage.

 

Also entwickelte sie ein drittes Modell: Sie erweiterte ihr Portfolio zum einen um Buchprojekte, hat zum Beispiel bereits im Auftrag einer Familie eine Biografie über eine Katholikin geschrieben, die in Lourdes plötzlich ihr Augenlicht wiedererlangt haben soll. Außerdem hat Oehler im Herder-Verlag ein Jahreslesebuch mit Texten von Papst Franziskus herausgebracht. Zum anderen nimmt sie auch PR-Aufträge an. „Natürlich sehe ich, dass es für eine Journalistin da Gefahren gibt“, sagt sie. „Aber ich habe mir Regeln gesetzt, damit ich die beiden Aufgabenfelder miteinander kombinieren kann, ohne mich angreifbar zu machen.“ 

 

Das bedeutet konkret: Oehler gibt beispielsweise Interviewtrainings für Priesteramtskandidaten, damit diese den Umgang mit Pressevertretern lernen. Was sie dort über die Teilnehmer erfährt, würde sie niemals in Texten veröffentlichen. Andersherum müssen die Teilnehmer damit rechnen, dass Oehler sie im Falle einer Recherche genauso ausfragt wie jeden anderen Protagonisten oder Experten. 

 

Heute arbeitet sie etwa zu gleichen Teilen im Journalismus und in der PR. Bei Honorarverhandlungen bleibt Oehler hart: „Anfangs habe ich zu wenig für meine Arbeit verlangt“, erinnert sie sich. „Mittlerweile sage ich Jobs ab, wenn das Honorar zu niedrig ist.“ Erst kürzlich lehnte sie es ab, über eine mehrtägige Konferenz zu berichten und dort eine Diskussionsrunde zu moderieren. Die Veranstalter hatten ihr dafür nur einen dreistelligen Betrag geboten. Oehlers absolute Untergrenze, damit sie einigermaßen rentabel wirtschaften kann, liegt aber bei 60 Euro pro Stunde. Besser sind 80 bis 100 Euro.

 

Familie und Beruf im Einklang

Momentan hat Oehler nicht viel Zeit zum Verhandeln und zum Schreiben. Tagsüber kümmert sie sich um ihren kleinen Sohn, einen Tag in der Woche übernehmen ihre Großeltern. Meist findet sie also nur abends oder am Wochenende Zeit, sich an den Schreibtisch zu setzen – so kommt sie auf rund 15 Stunden pro Woche. Das erfordere viel Selbstdisziplin. Den Schritt in die Freiberuflichkeit hat sie nie bereut. Im Gegenteil: „Ich kann flexibel Familie und Beruf in Einklang bringen. Und vor allem bin ich einfach viel zu gerne meine eigene Chefin.“ 

 

Kristina Wollseifen ist Redakteurin bei der Wirtschaftsredaktion Wortwert in Köln.  

 

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