Kommentar

Es braucht eine Netzwende

08.10.2021

Im Bundestagswahlkampf 2021 wurden die großen Herausforderungen der digitalisierten Gesellschaft offenbar: Hasskommentare, Falschnachrichten und eine zunehmend (politische) Polarisierung fordern Journalist:innen, Politiker:innen und andere Akteur:innen der Zivilgesellschaft immer stärker heraus. Es braucht Lösungen – und eine neue Kultur im Netz, kommentiert Meena Stavesand von Vocer, einer gemeinnützigen Organisation für Medieninnovation.

Es braucht Strategien gegen Falschnachrichten, Hass und Polarisierung, sagt Meena Stavesand.

Altkanzler Gerhard Schröder hatte einst gesagt: „Zum Regieren brauche ich Bild, BamS und Glotze.“ In die heutige Zeit passt das nicht mehr. Wahlkampf funktioniert mittlerweile anders – das haben wir in den vergangenen Monaten gesehen. Das Internet spielt eine entscheidende Rolle. Soziale Medien fungieren als Treiber von Informationen – ob fake oder nicht. Sie können falsche Informationen verbreiten, Hass schüren und Menschen politisch polarisieren. Die Aussage von Gerhard Schröder liegt zugegebenermaßen gut 20 Jahre zurück und wirkt mit Blick auf den Bundestagswahlkampf 2021 auch etwas aus der Zeit gefallen. Es zeigt sich darin der Wandel der digitalen Öffentlichkeit und warum es so wichtig ist, dass wir uns kritisch damit auseinandersetzen – als Gesellschaft, aber auch als Journalist:innen im Speziellen. Falschnachrichten, Hass und Polarisierung sind drei große Herausforderungen der sich rasant wandelnden digitalen Öffentlichkeit.

 

1. Falschnachrichten

 

In den sozialen Netzwerken kann jede:r Informationen verbreiten – ungeprüft. Falschnachrichten und teilweise gezielte Desinformation sind eine Folge davon. Im Bundestagswahlkampf hat es insbesondere Annalena Baerbock getroffen: Fast ein Fünftel aller Kommentare zur Grünen-Spitzenkandidatin enthielten im August Falschmeldungen. Das ergab eine Studie des Instituts für Strategischen Dialog (ISD) mit dem Hinweis, dass sich dieser Wert bis zur Wahl wahrscheinlich noch steigern werde. Dieses Beispiel zeigt, dass es neue Mechanismen braucht, um gegen Desinformation vorzugehen. Plattformen müssen zwar in die Pflicht genommen werden, aber auch Journalist:innen sind stärker gefragt, Falschmeldungen zu widerlegen, weil Aufklärung ihr Job ist. Außerdem müssen sich auch die Rezipient:innen mehr mit Inhalten und Quellen auseinandersetzen und medienkompetenter werden – im Idealfall geschult durch Journalist:innen. Dies alles zusammengenommen ist für eine Gesellschaft, die immer mehr im Digitalen agiert, obligatorisch.

 

2. Hass

 

Zurück zu den drei Kanzlerkandidat:innen: Innerhalb eines Monats zwischen August und September 2021 wurden sie alleine auf Twitter in mehr als 35.000 Beiträgen beleidigt und herabgewürdigt, bilanziert die Initiative HateAid. Fast 28.000 der hasserfüllten Kommentare richteten sich an bzw. gegen CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet. Das Beispiel zeigt die in den sozialen Medien weit verbreitete Verrohung der Online-Kommunikation, die indes nicht nur Politiker:innen wie Armin Laschet trifft. Diese immer aggressivere Debattenkultur ist eine Herausforderung der digitalisierten Welt, weil Bedrohungen und Beleidigungen erstens nicht hinnehmbar sein sollten und zweitens – zusammengenommen mit der sich zum Teil unkontrolliert ausbreitenden Desinformation – vor allem extreme Gruppierungen wie Verschwörungsideolog:innen oder Rechtsradikale durch gezielte manipulative Beiträge im Netz politisch Einfluss nehmen und gestärkt werden. Es ist daher wichtig, dass einerseits Gesetze zu Hass und Hetze geschärft werden, um stärker dagegen vorgehen zu können, andererseits aber auch die Gesellschaft an Lösungen arbeiten muss. Eine klare Positionierung gegen Hass etwa ist nötig.

 

3. Polarisierung

 

Bereits durch die Bildung von Ressentiments während der Flüchtlingskrise, aber jüngst vor allem durch Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen ist es nicht zu übersehen: Die Fronten sind verhärtet, die Gesellschaft polarisiert sich zunehmend. Hass- und Hetzkommentare wirken manipulativ und Fake-News können Menschen aufgrund falscher Tatsachen zusammenführen. Durch Filterblasen besteht die Gefahr, nur noch das zu sehen und zu lesen, das man sehen möchte. Diese Lagerbildungen werden die kommende Regierung, aber auch die Gesellschaft mit all ihren Akteur:innen nachhaltig beeinflussen. Alle Menschen zu erreichen, wird zu einer großen Aufgabe. Helfen kann Dialog: Wenn etwa Politik, aber auch Vereine, Gewerkschaften, soziale Einrichtungen und selbstverständlich ein starker Journalismus mit innovativen Konzepten zu Debatten und Diskursen einladen und Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Aber immer: lösungsorientiert und konstruktiv.

 

Es braucht eine Netzwende

 

Diese drei Herausforderungen der vergangenen und der nächsten Jahre zeigen, dass es neue Wege braucht, um Debatten zu führen, Menschen mit geprüften Informationen zu versorgen und Mechanismen zu erstellen, die Zusammenhalt stiften, statt die Gesellschaft zu teilen. Es ist eine Netzwende nötig, zu der auch Journalist:innen mit nachhaltigen Konzepten für einen starken, innovativen Digitalen Journalismus ihren Beitrag leisten müssen. Es gilt, das Vertrauen der Nutzer:innen (zurück) zu gewinnen. Damit das gelingt, ist ein Zusammenspiel aus verschiedenen journalistischen Kompetenzen nötig: fundierte unabhängige Recherche, eine klare Ablehnung von Hass und Hetze, Dialogbereitschaft, aber auch durch das Anstoßen von Debatten, die sie dann kritisch-konstruktiv begleiten (müssen). Mit innovativen Formaten wird die Netzwende gelingen. 

 

Meena Stavesand arbeitet als Journalistin in Hamburg für Vocer, einer gemeinnützigen Organisation für Medieninnovation und journalistische Bildungsprogramme. Sie beschäftigt sich vor allem mit Digitalem Journalismus und Trends der Medienbranche. Im Jahr 2020 hat sie das Innovationslabor für Journalismus „White Lab“ gegründet, das verschiedene Projekte wie Newsletter und Podcasts initiiert.

 

NETZWENDE-AWARD

 

Denkanstöße zur Netzwende gibt es bereits: Vocer zeichnet Projekte und Initiativen mit dem #Netzwende-Award aus, die das gegenwärtige Krisengeschehen auch als Chance begreifen und Neues wagen. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Bewerbungen sind bis zum 16. Oktober möglich. Der journalist ist Medienpartner des Netzwende-Awards.

 

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