Besser Online

"Ich gebe keinen Leser und keine Leserin auf"

05.10.2021

Am 9. Oktober findet die DJV-Tagung Besser Online statt. Zu Gast wird dort auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sein. Im journalist-Interview erklärt Lauterbach, wie er versucht, mit seinen Auftritten auch die zu erreichen, die der Wissenschaft widersprechen oder sie verteufeln. Interview: Ute Korinth

Menschen auf Augenhöhe begegnen: "Wenn ich einen Fehler gemacht habe, räume ich ihn ein", sagt Karl Lauterbach (Foto: privat)

journalist: Herr Lauterbach, wenn Sie vor zwei Jahren jemand gefragt hätte, wie Ihr Leben jetzt aussieht, hätten Sie sicher nicht geahnt, welche Entwicklung es nehmen würde. Würden Sie aus heutiger Sicht irgendetwas anders machen?

 

Karl Lauterbach: Nein. Die Arbeit, die ich gemacht habe, würde ich wieder tun. Davon bin ich persönlich überzeugt. Ich wäre gern noch wirksamer oder einflussreicher, aber das wären wir ja alle gern. Ich bin froh, dass ich die Arbeit, die ich gemacht habe, machen konnte, und bin von deren Wert überzeugt. Genauso wie ich übrigens auch vom Wert der Arbeit anderer überzeugt bin, die diesen Weg mitgegangen sind. Ich schaue nicht auf mich allein. Das ist ein Team von Menschen, die zusammengearbeitet haben. Es ist eine Herausforderung gewesen, der wir uns gemeinsam gestellt haben. Es sind ein paar Dinge anders gelaufen, als ich es mir gewünscht hätte, das hat aber eher mit meinem privaten Leben zu tun und nichts mit der eigentlichen Pandemiebewältigung und den Schmähungen. Damit kann ich leben. Das gehört zur Beschreibung meiner Aufgaben dazu. 

 

Wenn Sie in Talkshows sitzen und dort Menschen Verschwörungserzählungen verbreiten oder wissenschaftlich fragwürdige Äußerungen von sich geben, wirken Sie immer extrem gefasst. Wie machen Sie das? 

 

Ich bin von Natur aus jemand, der mit einer guten Resilienz ausgestattet ist. Die wurde in privaten Zusammenhängen schon das ein oder andere Mal voll ausgetestet. Aber im beruflichen Umfeld glaube ich, dass ich es einigermaßen kontrolliere und beherrsche und denke, dass ich eine gewisse Belastbarkeit mitbringe. Es gehört zur Professionalität dazu, dass man Leuten, deren Position man in keiner Weise teilt und die einen auch angreifen wollen, sachlich, aber mit der gebotenen Klarheit begegnet.

 

Wie bereiten Sie sich auf Talkshows mit sehr kontroversen Gästen vor?

 

Ich bereite mich immer inhaltlich vor, ich lese Studien. Das mache ich sowieso. Ich bin im Prinzip in der Pandemie noch intensiver zu dem gekommen, was ich sowieso schon gemacht habe. Das ist für Politiker ungewöhnlich, aber ich habe auch als Politiker die wissenschaftliche Literatur im Bereich der klinischen Epidemiologie und auch in vielen anderen Bereichen gelesen. Mittlerweile lese ich auch wieder mehr über Dinge außerhalb von Covid. Und das werde ich weiter tun. Ich lese und versuche, die Studien zu verstehen und nachzuvollziehen, mir ein Gesamtbild zu machen. Damit habe ich schon 1985 parallel zum Medizinstudium begonnen. Das sind jetzt 36 Jahre. Das war damals vollkommen unnötig und hatte für die Prüfungen keinerlei Bedeutung. Seitdem habe ich immer weiter gemacht. Und so bereite ich mich auch auf Talkshows vor. 

 

Warum geben Sie Interviews, bei denen Sie ahnen können, dass diese dazu dienen, Sie zu kritisieren und zu polarisieren – wie kürzlich bei Bild?

 

Naja, das mache ich selten. Da ging es schlicht und ergreifend darum, dass die Gegenposition zumindest nicht komplett unwidersprochen bleiben sollte. Ich gebe keinen Leser und keine Leserin auf. Auch die Leser*innen der Bild-Zeitung sind bedeutsam. Die muss man versuchen zu erreichen. Was wäre die Alternative? Wir können nicht jeden Tag in bestimmten Zeitungen lesen, dass alles umsonst gewesen ist, dass wir uns die Maßnahmen hätten sparen können, dass sich jetzt herausstellen würde, dass Covid nicht so gefährlich gewesen wäre. Es werden dort ja Legenden geboren, die in Konflikt zu dem stehen, was die Realität beschreibt. Dem muss man sich stellen. Stellen Sie sich vor, niemand würde das tun, dann stünde es alles unwidersprochen dort.

 

Wie lange halten Sie das durch? Bis das gesamte griechische Alphabet durch ist?

 

Mal schauen. Ich glaube nicht, dass ich an der beruflichen Herausforderung scheitern werde. Ich mache weiter. Ich finde den Stoff faszinierend, wenn auch tragisch, und halte da eine Balance. Ich bin mit vielen Leuten in Kontakt, die wirklich schwer erkrankt sind. Ich habe selbst viele Jahre auf der Intensivstation gearbeitet und kann so eine Krankheit einschätzen. Ich glaube nicht, dass das, was Melanie Brinkmann, Christian Drosten, Michael Meyer-Hermann oder ich machen, vergebens ist. 

 

Sie sind sehr viel in sozialen Medien unterwegs, twittern nachts und im Urlaub. Warum? 

 

Ich versuche, Botschaften zu setzen, weil ich eine große Reichweite in den sozialen Medien habe. Für mich ist es auch wichtig, Argumente zu testen beziehungsweise Positionen zu vertreten, die dann aufgegriffen und diskutiert werden. 

 

"Ich versuche, Botschaften zu setzen, weil ich eine große Reichweite in den sozialen Medien habe. Für mich ist es auch wichtig, Argumente zu testen."

 

Es gibt viele Politiker, die ein Team haben, das dies für sie übernimmt. Sie machen alles selbst. Haben Sie schon mal überlegt, diesen Teil Ihrer Arbeit abzugeben?

 

Das möchte ich nicht. Ich bin ja daran interessiert, meine eigene Stimme zu nutzen und auch die Resonanz darauf zu sehen. Ich möchte die Studien selbst interpretieren. Ein Team-Account ist mir nie in den Sinn gekommen. Ich mache das gern selbst, und ich habe das in meinen Alltag integriert. Ich mache so etwas auch sehr schnell. Normalerweise lese ich auch sehr schnell. Und kann Studien sehr gut verwerten. Somit sieht das nach mehr Belastung und Arbeit aus, als es ist. 

 

Lassen Sie uns über Hass im Netz sprechen. Was glauben Sie, kann man tun, damit sich grundlegend etwas ändert? Derzeit wird viel über Medienkompetenz gesprochen, zum Beispiel als einzuführendes Fach in der Schule. Gibt es auch andere Lösungen?

 

Es geht ja meist darum zu beleidigen, jemanden zu diskreditieren, zu diffamieren. Es geht darum, Gerüchte zu streuen, Fake News zu verbreiten und auch abzuschrecken. Das geschieht alles mit großem Geschick. Da würde Medienkompetenz nichts helfen. Aus meiner Sicht ist es so, dass man versuchen muss, da durchzukommen. Das ist tatsächlich etwas, das mich zum Teil sehr gekränkt hat. Es sind sehr niederträchtige Äußerungen, die man dort lesen muss. Ich habe auch viele Hater und Querdenker blockiert. Aber im Vergleich zu Drohungen im realen Leben sind diese Hater dann doch Gott sei Dank zwar nicht harmlos, aber nicht das Allerschlimmste.

 

Warum, glauben Sie, sind die Menschen zum Teil so hass- und wuterfüllt?

 

Ich glaube, die Gesellschaft ist in vielerlei Hinsicht in den Vereinigten Staaten, aber auch bei uns gespalten. Es gibt eine kleine Gruppe, die ein kategorisches Problem mit dem Staat hat, Querdenker zum Beispiel. Dann gibt es Leute, die Wissenschaft ablehnen. Dann gibt es Leute, die sich über die Expertise von Experten hinwegsetzen und glauben, sie selbst wüssten es besser. Ich nenne das mal die große Rubrik der Selbstgerechten. Und es gibt Menschen, die sind mit ihrem Leben frustriert, mit dem, was sie erreichen konnten. Die sind ganz grundsätzlich negativ. Ich persönlich habe keine gute Idee, wie man dem begegnen kann. Denn die Quellen, aus denen sich der Hass, das Negative, die Kritik und auch die Beleidigungen und Diffamierungen speisen, sind doch vielfältiger, als man gemeinhin denkt und als auch ich gedacht habe, bevor ich in die sozialen Medien eingestiegen bin. 

 

Wie gehen Sie damit um, wenn jemand aus Ihrem privaten Umfeld in Richtung Querdenker abdriftet? Gibt es für solche Fälle Überzeugungsstrategien, die Sie anwenden? 

 

Ich beobachte das eine gewisse Zeit. Ich unternehme noch einen Versuch zu überzeugen. Wenn das nicht geht, dann muss man sich auf Zeit, vielleicht aber auch auf immer trennen. Ein guter Freund von mir hat das gut auf den Punkt gebracht. Wir haben vor kurzem mal verglichen, wie wir es machen. Und da kamen wir zum Ergebnis, wir machen das eigentlich gleich. Wir beenden die Freundschaft. 

 

„Mir ist aufgefallen, dass der Wissenschaftsjournalismus nicht nur an Bedeutung gewonnen hat, sondern dass er auch ständig besser geworden ist.“

 

Im Grunde leben Sie die Grundsätze von New Work vor. Sie stehen zu Fehlern, führen Gespräche auf Augenhöhe und pflegen den wertschätzenden Umgang auch mit kontroversen Personen. Haben Sie sich mit solchen Themen befasst, oder haben Sie schon immer so gehandelt?

 

Das ist ein Umgang, den ich immer schon gepflegt habe. Schon als Arzt. Menschen, die mir begegnen, respektiere ich. Und wenn ich einen Fehler gemachte habe, räume ich ihn ein. Ich schreibe nicht bei anderen ab. Ich versuche auch nicht, mehr zu scheinen, als ich bin. Wenn zum Beispiel andere die Dinge besser sehen als ich, dann nehme ich das sehr gerne an. Ich werde nicht müde, Leute zu zitieren, von denen ich etwas gelernt habe. Ich möchte mich nicht mit den üblichen Rangeleien aufhalten. Ich versuche auch, nicht in irgendeiner Weise herablassend aufzutreten, trotz meiner Titel. Mir geht es um effiziente und bescheidene Arbeit im Verbund.

 

Gibt es einen Leitsatz oder eine Philosophie, der Sie folgen? 

 

Einen Leitsatz habe ich auf keinen Fall. Aber ich bin sehr stark beeinflusst worden durch die Philosophen Amartya Sen und John Rawls von der Harvard-Universität. Der Grundsatz, dass man das, was man tut, immer so ausrichten sollte, dass es denjenigen am meisten hilft, denen es am schlechtesten geht, hat mich geprägt. Nach diesem Motto gehe ich im Großen und Ganzen immer vor. Ich war an vielen Gesetzen maßgeblich beteiligt. Ich habe immer überlegt, wie man die Qualität verbessern, wie man die Schwächsten schützen kann. Und wie man die Einkommensschwachen in eine medizinische Versorgung bringen kann. 

 

Hat sich der Journalismus aus Ihrer Sicht in den letzten zwei Jahren verändert? 

 

Mir ist aufgefallen, dass der Wissenschaftsjournalismus nicht nur an Bedeutung gewonnen hat, sondern dass er auch ständig besser geworden ist. Er hat in Deutschland eine sehr hohe Qualität erreicht, wie ich sie noch vor einigen Jahren nur aus den Vereinigten Staaten kannte. Ich lese Wissenschaftsjournalismus vor allem in zwei Bereichen – Covid und Klimawandel. Meine Tochter ist Fridays-for-Future-Aktivistin. 

 

Wenn Sie Gesundheitsminister werden würden, was wären Ihre drei Topthemen?

 

Die deutliche Stärkung der Vorbeuge­medizin. Da haben wir viel zu wenig gemacht. Dann, dass die Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhausärzten verbessert, also entbürokratisiert wird. Und wir brauchen deutlich mehr Medizinstudierende, weil wir sonst in zehn Jahren einen massiven Ärztemangel haben werden. 

 

Ute Korinth arbeitet als Journalistin und Kommunikationsexpertin in Dortmund und leitet im DJV den Bundesfachausschuss Online. 

 

Programm: Besser Online

 

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