Mein Blick auf den Journalismus

Im Zweifel für den Zweifel

11.05.2020

In unserer Serie "Mein Blick auf den Journalismus" befasst sich Ingrid Brodnig mit der Frage, warum es gerade in Krisenzeiten so wichtig ist, das Wirrwarr an Information und Desinformation zu entflechten. Sie sagt: Qualitätsvoller Journalismus zeichne sich dadurch aus, dass er offenlegt, wenn es keine gesicherten Informationen gibt.

"Wir sehnen uns nach Gewissheit - auch dort, wo diese nur ein trügerisches Gefühl ist", sagt Ingrid Brodnig. (Foto: Ingo Pertam)


Zu Beginn der Corona-Krise legte ich eine E-Mail-Adresse an und bat Leserinnen und Leser darum, mir an coronavirus@brodnig.org Falschmeldungen, Gerüchte oder auch positive Aktionen zu senden, die sie auf sozialen Medien beobachten. Dieser Aufruf war nötig, weil sich viel Kommunikation in geschlossene Gruppen verlagert hat: Einiges wird nicht öffentlich sichtbar auf Facebook gepostet, sondern in kleinen WhatsApp-Zirkeln weitergeleitet. Auch die gute alte E-Mail wird weiterhin für Kettenbriefe genutzt.

Bei den Nachrichten, die ich seither erhalte, fällt mir immer wieder auf, wie schwer es für viele ist, in ihrer Familie und im Bekanntenkreis mit Fakten durchzudringen. Oder auch wie verunsichert manche klingen. Eine Bayerin schreibt mir beispielsweise: „Ich kann überhaupt nicht mehr einschätzen, was wahr ist, was übertrieben oder untertrieben ist.“ Sie verweist in ihrer E-Mail auf fragwürdige Quellen im Netz, bei denen beispielsweise die Gefährlichkeit des Virus angezweifelt wird, oder es heißt, 40 Grad Fieber seien ein „Zeichen von Gesundheit“.

Gerade spekulative und spektakuläre Behauptungen, die aber selbstsicher in YouTube-Videos vorgetragen werden, schaffen es, Menschen zu verunsichern. Wir sind weit von dem entfernt, was der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen als Utopie der redaktionellen Gesellschaft für unsere Zukunft empfiehlt. Das ist eine Gesellschaft, in der das Handwerk und die Maximen des guten Journalismus zum Allgemeinwissen geworden sind. Bisher kann man nicht davon ausgehen, dass alle Menschen das Wirrwarr an Meinungen, Information und Desinformation im Internet selbstständig feinsäuberlich entflechten. Stattdessen tritt bei einigen ein Gefühl der Überforderung ein – sie fühlen sich erschlagen von der Wucht und Masse der unterschiedlichen Behauptungen online und offline.

241 Eilmeldungen

Schon 2018 sagte mehr als die Hälfte der weltweit Befragten im Rahmen des Edelman Trust Barometer, dass es zunehmend schwerer zu erkennen sei, ob eine Meldung von einer renommierten Nachrichtenorganisation oder von jemand anderem stamme. Die Coronavirus-Pandemie verstärkt auch noch das ohnehin schon existente Gefühl des informationellen Dauerhagels – aktuell vermischt sich eine Vielzahl von Breaking News etablierter Medien (allein dpa versendete im März 241 Eilmeldungen) mit eilig klingenden WhatsApp-Nachrichten, die „Blitzinfos“ versprechen.

Die Frage ist: Kann man aus diesem Ausnahmezustand als Medienmensch etwas lernen? Gibt es etwas, das man aus dem, was die WHO als „Infodemie“ einstuft, trotzdem im konstruktiven Sinne mitnehmen kann? Ich denke: ja. Die Corona-Krise verdeutlicht, wie Desinformation und Spekulation online wirken. Das lässt wiederum Rückschlüsse zu, wie sich gerade qualitätsvoller Journalismus hervortun kann – beispielsweise durch die Fähigkeit, Ungewissheit als solche einzugestehen.

Emotionaler Ausnahmezustand

Gehen wir kurz auf die Anziehungskraft unbelegter, spekulativer oder gar erfundener Behauptungen ein: Auf YouTube erzielen manche solcher Videos enorme Abrufzahlen. In diesen Aufnahmen heißt es beispielsweise, dass es „Panikmache“ sei, was die Weltgesundheitsorganisation oder etablierte Medien über das Coronavirus sagen. Oder es wird behauptet, dass die Aufregung rund um das Coronavirus der „Enteignung“ von Bürgern dienen würde – dieses spekulative Video erzielte zwei Millionen Abrufe auf YouTube. Die Anziehungskraft solcher Behauptungen lässt sich meines Erachtens auf drei Faktoren zurückführen: erstens die Emotionalität, die diese Videos auslösen; zweitens die Feindbilder, die sie bedienen. Und drittens bieten solch steile Thesen wohl auch das wohltuende Gefühl, endlich eine simple Erklärung bekommen zu haben.

 

„Bisher kann man nicht davon ausgehen, dass alle Menschen das Wirrwarr an Meinungen, Information und Desinformation im Internet selbstständig feinsäuberlich entflechten.“

 

Offensichtlich befinden wir uns derzeit in einem emotionalen Ausnahmezustand: Viele Menschen sitzen seit Wochen vor allem zu Hause und sind beunruhigt – sie haben Angst vor dem Erreger oder Angst vor dessen gesellschaftlichen Folgewirkungen. Solche Sorgen gleichen einem Nährboden, auf dem wilde Spekulationen gedeihen. Selbst in normalen Zeiten lässt sich beobachten, dass emotionalisierende Nachrichten eine höhere Viralität aufweisen, also messbar öfter von Menschen weitergeleitet werden. Die Forscher Katherine Milkman und Jonah Berger untersuchten schon vor Jahren die Webseite der New York Times und welche Artikel dort massenweise per Mail weitergeleitet wurden. Ein Ergebnis: Artikel, die Besorgnis auslösten, hatten um 21 Prozent eine höhere Chance, zu den viralen Texten zu zählen. Selbst in einem äußerst renommierten und seriösen Medium ist deutlich erkennbar, dass Emotion, wie die Amerikaner sagen, „Eyeballs“ generiert.

In unserer digitalen Medienwelt stellt sich zusätzlich die Frage, ob die Algorithmen mancher Plattformen zusätzlich Emotionalität belohnen. Nach dieser Überlegung steigen zuerst Menschen auf emotionale Inhalte ein – lesen, kommentieren, liken sie –, und dann verstärkt die Software die Reichweite dieser Nachrichten womöglich, weil sie potenziell so gebaut ist, dass sie die Zahl der Likes und Kommentare als ein wichtiges Signal dafür wertet, was relevant ist, was dem Publikum eingeblendet werden sollte. Zumindest ist das eine These. Während der Einfluss der Software ein Streitthema ist, ist relativ unumstritten: Wir Menschen sind ein wesentlicher Faktor beim Verbreiten unseriöser Inhalte, gerade wenn sie unsere Erwartungshaltung erfüllen.

Einige der vielfach geteilten Meinungsstücke sprechen Ängste und Feindbilder in der Bevölkerung an – darin ist oft die Rede von angeblich dunklen Machenschaften der Pharmaindustrie oder der Finanzwirtschaft; bei vielen Menschen sind das nicht gerade Sympathieträger. Im Sinne des Confirmation Bias, des Bestätigungsfehlers, hören Menschen eher dann zu, wenn sie das Gefühl bekommen, das Gesagte entspricht ihren Erwartungen.

Ohne mit der Wimper zu zucken

Und was mich selbst immer wieder am meisten an diesen Videos fasziniert, ist die Selbstsicherheit, mit der viele dieser Akteurinnen und Akteure auftreten: Ohne mit der Wimper zu zucken, wird sinngemäß erklärt, dass die staatlichen Gesundheitseinrichtungen, die Weltgesundheitsorganisation falsch lägen oder gar korrupt seien. Von Zweifeln keine Spur. Solche spekulativen Videos sind womöglich auch deshalb so nachgefragt, weil sie in einer ungewissen Zeit die ersehnte Gewissheit liefern. Das ist übrigens auch generell ein Erkläransatz, warum Verschwörungstheorien so gut funktionieren: Sie bieten eine simple Deutung, oft einen klaren Sündenbock, in einer komplex wirkenden Welt. Man kann dies wahrscheinlich auch als das bezeichnen, was der Psychologe Philip Tetlock ein „unkontrollierbares Bedürfnis, an eine kontrollierbare Welt zu glauben“ nennt.

Für uns Journalistinnen und Journalisten ist es sinnvoll, Anziehungskraft und Muster von Desinformation oder Meinungsmache im Netz zu verstehen, weil es hilft, diese rasch zu erkennen. Aber darüber hinaus bietet dieses Wissen auch die Möglichkeit der Reflexion – konkret darüber nachzudenken, wo wir Medien Komplexität scheuen oder die Unübersichtlichkeit einer Situation stärker betonen sollten. Der schon zitierte Psychologe Philip Tetlock hat ein berühmtes Buch unter dem Titel Expert Political Judgment publiziert: Er hat in einer umfassenden Studie Fachleute befragt, sogenannte „Pundits“, die zu politischen oder ökonomischen Trends ihre Einschätzung abgeben – beispielsweise im Fernsehen erklären, wie sich die Zukunft entwickeln wird.

 

„Es ist eine gesellschaftliche Herausforderung, dass wir Menschen uns nach Einordnung, nach Gewissheit sehnen – auch dort, wo diese nur ein trügerisches Gefühl ist. Die Corona-Krise ist auch hierfür ein Paradebeispiel: Wir wissen vieles nicht.“

 

Tetlock verglich Prognosen von ihnen mit tatsächlich eingetretenen Ereignissen: Die Expertinnen und Experten lagen in ihren Vorhersagen nicht wesentlich besser als die Durchschnittsbevölkerung. Ein Detail finde ich an der Studie ebenfalls interessant: Jene Fachleute, die besonders oft um ihre Meinung gefragt wurden, neigten dazu, ihre eigenen Prognosefähigkeiten zu überschätzen. Wohingegen Expertinnen und Experten, die nuancierter sprachen, die „einerseits“ und „andererseits“ sagten, weniger stark die eigene Vorhersagekraft überschätzten – aber auch weniger im Rampenlicht standen. Neben der Frage, ob die griffigen „Pundits“ einfach besser zur Aufmerksamkeitsökonomie passen, man somit mit ihnen also besser Quote machen kann, scheint mir auch eine gesellschaftliche Herausforderung zu sein, dass wir Menschen uns nach Einordnung, nach Gewissheit sehnen – auch dort, wo diese nur ein trügerisches Gefühl ist. Die Corona-Krise ist auch hierfür ein Paradebeispiel: Wir wissen vieles nicht.

Die „Truth-Sandwich“-Taktik

Wer Gewissheit liefert, macht es sich und seinem Publikum leicht. Dort, wo wir tatsächlich über gesicherte Information verfügen, ist es ja absolut sinnvoll, dies anschaulich verständlich zu machen. Bei Faktenchecks zum Beispiel rät der Linguist George Lakoff zur Taktik des „Truth Sandwich“: Wenn etwas nachweisbar Falsches behauptet wurde und man das richtigstellen will, sollte man zuerst mit dem wahren Sachverhalt beginnen, dann auf die falsche Ausführung hindeuten und schließlich wieder mit etwas Richtigem schließen. Das Ziel dahinter ist, die korrekte Information prominenter sichtbar (und geistig leichter abrufbar) zu machen.

Mit solchen „Truth Sandwiches“ kann man auch Menschen antworten, die verunsichert sind, die aber nachfragen, was an einer falschen Meldung dran ist. Nur in Fällen, wo wir kein gesichertes Wissen zur Verfügung haben, zeichnet sich gerade qualitätsvoller Journalismus dadurch aus, zum jetzigen Wissensstand inklusive seiner Lücken zu stehen. Zu betonen, was wir nicht wissen. Die Ungewissheit ist dem Menschen zumutbar – denn so unangenehm es sich anfühlen mag, in manchen Fragen keine klare Antwort parat zu haben, gehört dieses Eingeständnis zu einer aufgeklärten Gesellschaft dazu.

Auch in der Debatte über das Coronavirus gibt es solche Ansätze bereits – Medien listen mittlerweile auch auf, was sie nicht wissen. Oder nehmen wir den vielzitieren NDR-Podcast mit Christian Drosten: Der Virologe fällt ja nicht nur mit seinem Fachwissen und der profunden Kenntnis neuer Studien auf, sondern auch dadurch, dass er oft betont, was man nicht weiß. In einer Hintergrundfolge erzählt das Team hinter dem Podcast, dass sich Drosten sehr zurückhält, Dinge auch nur ansatzweise zu kommentieren, mit denen er sich nicht beschäftigt hat. Deshalb sind Medienprodukte wie dieses ein Hoffnungsschimmer. Weil sie sehr gute Zugriffszahlen haben und weil sie darauf hindeuten: Ein Teil des Publikums weiß diese Fähigkeit, zu differenzieren und zu zweifeln, sehr wohl zu schätzen.

Ingrid Brodnig ist österreichische Journalistin und Autorin – sie hat unter anderem die Bücher „Lügen im Netz“, „Hass im Netz“ und „Übermacht im Netz“ verfasst und beschäftigt sich darin mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft. Für das Nachrichtenmagazin Profil schreibt sie eine wöchentliche IT-Kolumne. Twitter: @brodnig

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland
Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin
Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds
Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine
Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de
Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur
Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler
Teil 8: Julia Bönisch, Chefredakteurin von sz.de
Teil 9: Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin
Teil 10: Barbara Hans, Spiegel-Chefredakteurin
Teil 11: Sascha Borowski, Digitalleiter Augsburger Allgemeine
Teil 12: Richard Gutjahr, freier Journalist, Start-up-Gründer und -Berater
Teil 13: Benjamin Piel, Chefredakteur Mindener Tageblatt
Teil 14: Josef Zens, Deutsches GeoForschungsZentrum
Teil 15: Christian Lindner, Berater "für Medien und öffentliches Wirken"
Teil 16: Nicole Diekmann, ZDF-Hauptstadtjournalistin
Teil 17: Carsten Fiedler, Chefredakteur Kölner Stadt-Anzeiger
Teil 18: Stella Männer, freie Journalistin
Teil 19: Ingrid Brodnig, Journalistin und Buchautorin

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