Peter Frey

„In demokratischen Verhältnissen sollte das die Ausnahme sein“

10.12.2020

Hat das ZDF zu viel über die Corona-Pandemie berichtet? Im journalist spricht ZDF-Chefredakteur Peter Frey über den außergewöhnlichen Redaktionsalltag während der Krise, über Diversität im Sender und die Frage, wie Journalisten bei Drehs geschützt werden können. Interview: Catalina Schröder.

ZDF-Chefredakteur Peter Frey (Foto: ZDF/Laurence Chaperon)

Für viele Journalist*innen sind Interviews per Videoschalte inzwischen Alltag. Und auch dieses Gespräch hat nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern von Bildschirm zu Bildschirm stattgefunden.

 

journalist: Herr Frey, als ZDF-Chefredakteur sind Sie für mehr als 1.100 Mitarbeiter zuständig, die in sechs Hauptredaktionen, 16 Landesstudios und 17 Auslandsstudios, beim Morgenmagazin, beim Mittagsmagazin, bei Frontal 21 oder ZDFinfo arbeiten. Wie hat die Corona-Pandemie Ihren Führungsstil verändert?

 

Peter Frey: Kommunikation ist noch wichtiger geworden, auch wenn sich die Plattformen geändert haben. Der Kern meines Gesprächs mit den Redaktionen ist und bleibt unsere tägliche Schaltkonferenz um 12 Uhr. Alle Programmbereiche, alle Inlandsstudios, mit den Hauptplayern in Mainz und Berlin, schalten sich um 12 Uhr zusammen. Früher per Video- und Telefonkonferenz, mit 20 Leuten rund um einen Tisch in der Zentrale. Jetzt treffen wir uns via Microsoft Teams und jeder sitzt an seinem Rechner. Das ist anders geworden. Aber geblieben ist: Wir sprechen über das Programm des laufenden Tages, beschließen Sondersendungen, vor allem aber machen wir uns immer die Mühe, die Sendungen des vergangenen Tages zu kritisieren oder auch mal strategisch wichtige Fragen anzutexten. Länger als eine Dreiviertelstunde soll das nicht dauern.

 

Wie viele Leute sitzen da zusammen?

 

In der Regel sind wir zwischen 50 und 60 Personen, und mein Gefühl ist, dass die Qualität der Diskussion dadurch keinen Schaden genommen hat, im Gegenteil: Manches kommt mir konzentrierter vor, sogar demokratischer, weil die üblichen gruppendynamischen Prozesse oder Profilierungsspiele wegfallen. Es reden nicht mehr immer die Gleichen, manche Kolleginnen und Kollegen, die sonst eher still sind, blühen auf oder die Jungen, die sich in der Versammlung der Silberrücken der Chefredaktion bisher nicht so richtig zu widersprechen trauten, setzen vom eigenen Schreibtisch aus ihre eigenen Themen. Die neue Technologie sorgt zwar für mehr Distanz, bringt aber gleichzeitig alle mehr auf Augenhöhe.

 

Das klingt, als hätte sich für Sie persönlich nicht viel verändert.

 

Doch – die zufällige persönliche Begegnung fällt weg. Und dabei erfährt man ja auch sehr viel über Diskussionen in den Redaktionen, Befindlichkeiten, Ideen. Auch geplante Redaktionsgespräche sind weniger geworden, und damit zufällige Kommunikation, Meinungsverschiedenheiten, aus denen heraus kreative Anstöße entstehen. Das ist schade. Es gibt aber auch Überraschungen. Zum Beispiel mein Gesprächs-Format Open CR, eine offene Diskussion, zu der der Chefredakteur zweimal im Jahr alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier in Mainz in ein großes Studio einlädt, kann jetzt nicht wie gewohnt stattfinden. Aber statt 200 Leute im Studio waren bei der ersten virtuellen Open CR fast 500 Kolleginnen und Kollegen dabei. Ein Gewinn! 

 

Waren Sie die ganze Zeit im Sender, oder haben Sie auch mal von zu Hause gearbeitet?

 

Natürlich bin ich Homeoffice-fähig, ich habe es zwei Tage ausprobiert, muss aber sagen, dass ich mich im Büro viel wohler fühle – natürlich mit Abstandsregeln zu meinen engsten Mitarbeitern. Ich habe einfach ein besseres Gefühl, wenn ich im Büro bin.

 

Weil es Ihnen das Gefühl gibt, einen besseren Überblick zu haben?

 

Vielleicht das altmodische Gefühl: Der Kapitän muss auf der Brücke sein. Da muss man sehen, wie lange das Licht brennt. Vielleicht ist es aber auch viel privater: Ich fühle mich wohler, wenn der berufliche und der private Bereich ein Stück weit getrennt sind. An den zwei Tagen, an denen ich im Homeoffice war, habe ich mich mit meiner Frau eine halbe Stunde zum Mittagessen hingesetzt, und ich muss sagen: Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen. Blöd. Wenn ich in die Kantine gehe und dort Kolleg*innen treffe, ist das anders. Unterm Strich: Ich komme mit dem Arbeiten im Büro besser zurecht. 

 

Wie ist in den Redaktionen aktuell die Situation? Arbeiten noch viele im Homeoffice?

 

Ja, 50 bis 70 Prozent der Kolleginnen und Kollegen arbeiten noch regelmäßig im Homeoffice. Ich spüre aber eine Tendenz, zurückzukommen. Eigentlich wollen die Leute sich wieder treffen, sie wollen den direkten Austausch. Wir sind aber vorsichtig. Mit den aktuellen Infektionszahlen, die wir im Moment beobachten, sowieso. Wir halten erst mal am mobilen Arbeiten fest. Das geht bis hin zur praktischen Arbeit: Leute liefern von zu Hause Texte zu, schneiden Nachrichten, nehmen Filme ab. Ich bin sehr verblüfft darüber, wie sehr Microsoft Teams Teil und Werkzeug unseres Arbeitens geworden ist. In den Auslandsstudios, beispielsweise in Israel, das ja deutlich stärker vom (teilweisen) Shutdown betroffen war beziehungsweise ist als Deutschland, sitzt dann der Cutter in seinem Homeoffice, die Korrespondentin arbeitet im Homeoffice, sie schicken sich gegenseitig Dateien zu, und am Ende entsteht ein Produkt. Das dauert natürlich länger, aber es ist möglich. Nur so können wir unseren Betrieb ohne Einbußen am Laufen halten. 

 

In vielen Unternehmen soll das Homeoffice künftig Teil der Normalität sein. Wie ist das im ZDF?

 

Langfristig glaube ich nicht, dass Homeoffice die Standard-Arbeitsform im ZDF sein wird. Redaktion heißt eben: Menschen sitzen an einem Tisch, diskutieren, treffen sich in der Teeküche und erfinden ein Thema. Die Zukunft, denke ich, werden Mischformen sein.

 

Ist das ZDF auch finanziell von Corona betroffen? Beispielsweise dadurch, dass die Olympischen Spiele und andere Veranstaltungen verschoben wurden oder sogar ausfallen?

 

Ja, auf der Haushaltsseite ist da sehr viel passiert. Wir mussten Mittel, die für das Jahr 2020 vorgesehen waren, in den Haushalt 2021 überführen. Betroffen sind wir insofern als manche Sendeformen erheblich teurer geworden sind. In den Bereichen Dokumentationen und Fiktion ist der Aufwand, den die Kollegen vor Ort leisten müssen, um die Hygienemaßnahmen zu gewährleisten, größer geworden. Darüber sind wir auch im Gespräch mit den Produzenten. Es gibt auch Ersparnisse, da die Zahl der Dienstreisen deutlich gesunken ist. Unterm Strich ist die Krise eine finanzielle Belastung, auch durch Einbußen bei der Werbung.

 

Gab es dadurch personelle Einschnitte?

 

Nein.

 

Es gab kürzlich eine Studie von zwei Medienwissenschaftlern, die ARD und ZDF kritisiert haben, weil sie der Ansicht waren, dass beide Sender im Frühjahr und Sommer gesellschaftlich relevante Themen jenseits von Corona ausgeblendet haben. Wie sehen Sie das?

 

"In den ersten sechs Wochen der Pandemie, etwa von Mitte März bis Ende April, gab es in der Tat eine gewisse Übereinstimmung zwischen politischer und medialer Landschaft."

 

Ich habe ehrlich gesagt den Ansatz der Studie nicht wirklich verstanden. Wenn man nur Spezial- und Sondersendungen betrachtet und dann zu dem Schluss kommt, dass Corona das beherrschende Thema war, ist das eine Art Zirkelschluss. Ich kann nur sagen, dass das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit von März bis Mai so eindeutig war, dass wir darauf reagiert und uns auch durch Einschaltquoten beziehungsweise Abrufzahlen bestätigt gefühlt haben. Im Sommer wurden auch andere Themen prominent, oder Themen, die eher mittelbar mit der Pandemie in Zusammenhang stehen, zum Beispiel die wirtschaftlichen Konsequenzen. Das Thema Rassismus in den USA hat uns sehr beschäftigt, wir sind jetzt stark auf den amerikanischen Wahlkampf eingestiegen. Also, den Vorwurf „zu viel Corona“ kann ich nicht nachvollziehen. 

 

Die Kritik bestand allerdings nicht darin, dass in Sondersendungen nur über Corona berichtet wurde, sondern darin, dass Sondersendungen zum Normalfall geworden sind.

 

Intellektuell betrachtet kann ich die Frage nachvollziehen. Wenn man in so einer Krise steckt, ist es immer ganz schwierig, den Ausstiegspunkt zu finden, weil natürlich ein Spezial oder ein Brennpunkt die Annonce einer ganz besonderen Situation ist. Zumal wenn sie wochenlang andauert. Wir haben darüber sehr intensiv diskutiert und dann im Mai den Punkt gefunden, wo wir aus diesem täglichen Spezial-Modus ausgestiegen sind. Ich glaube, das war nicht zu spät, nicht zu früh, sondern hat dem Zuschauerinteresse und der Entwicklung der Corona-Krise entsprochen. Nach dem Sommer sind wir bei markanten Daten wieder eingestiegen, zum Beispiel als die Infektionszahlen im September die 2.000er-Marke überstiegen oder im Oktober die 4.000er-Marke erreicht haben. Ob wir jetzt zurückkehren zu täglichen Sondersendungen, hängt unter anderem von den Infektionszahlen und der Belastung des Gesundheitswesens ab. Und vor allem davon, ob die Zuschauerinnen und Zuschauer diese Informationen nachfragen. 

 

Journalisten sind dafür da, Dinge zu hinterfragen. Beispielsweise, ob Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Pandemie richtig sind. Glauben Sie, dass das ZDF dieser Aufgabe in den vergangenen Monaten gerecht geworden ist? Oder haben Sie häufig auch im Einvernehmen mit den Maßnahmen der Regierung berichtet?

 

In den ersten sechs Wochen der Pandemie, etwa von Mitte März bis Ende April, gab es in der Tat eine gewisse Übereinstimmung zwischen politischer und medialer Landschaft, wie sie in demokratischen Verhältnissen der Ausnahmefall sein sollte: Politiker, Experten, Journalisten – die meisten waren sich einig, dass die Pandemie außergewöhnliche Maßnahmen erfordert. Ich selbst habe in einem Kommentar im heute-journal gesagt: „Wir müssen uns selbst beherrschen, damit uns das Virus nicht beherrscht!“ Ich glaube aber, dass sich das verändert hat, denn spätestens seit Mai spürte man ja auch, wie die Meinungen wieder

 

"Wenn das ZDF einen Fernsehfilm sendet oder den Bergdoktor, erreichen wir vier bis acht Millionen Zuschauer. Netflix muss in Deutschland für solche Werte lange streamen."

 

auseinandergingen: unter Politikern, zwischen Ministerpräsidenten und Bundesregierung, auch zwischen den Experten. Diese Meinungsunterschiede bilden wir pluralistisch ab, übrigens auch diejenigen an den Rändern des politischen Spektrums. So haben sich beispielsweise Dunja Hayali oder Jochen Breyer im Talk oder in Dokumentationen sehr intensiv mit den zahlreichen Demonstranten in Berlin oder anderswo auseinandergesetzt und sie im ZDF sprechen lassen. 

 

Gerade bei den Nachrichten- und Informationssendungen sind die Zuschauerzahlen während der Pandemie durch die Decke gegangen. Kann man sagen, dass in der Krise auch eine Chance liegt, gerade jüngere Zuschauer stärker an das ZDF zu binden? 

 

„Durch die Decke gegangen“ ist ehrlich gesagt ein bisschen übertrieben, aber wir sehen auf jeden Fall einen deutlichen Zuspruch. So hat die heute-Sendung um 19 Uhr im Vergleich zum vergangenen Jahr von Januar bis September zwei Prozent an Marktanteil zugelegt. Das ist für Fernsehverhältnisse sehr viel. Das heute-journal hat 1,4 Prozent zugelegt. Wir haben in der heute-19-Uhr-Ausgabe bei den unter-50-Jährigen bis zu 50 Prozent zugelegt. Die digitalen Plattformen kommen ja noch dazu: Wir haben mitten in der Krise aus dem Homeoffice heraus unsere ZDFheute-App relauncht, mit einer Verdopplung bis Verdreifachung der durchschnittlichen Besuchszahlen. Zu Corona-Spitzenzeiten waren es sogar fünf- oder sechsmal so viele User wie gewohnt. Dazu kommen hunderttausende Abrufe bei Youtube, Facebook oder Instagram. Kann schon sein, dass viele Junge der Marke ZDF so zum ersten Mal begegnet sind.

 

Dann ist „durch die Decke gegangen“ doch nicht übertrieben.

 

Wir sind da etwas bescheidener. (lacht)

 

Bei Serien und Filmen gucken gerade jüngere Zuschauer eher Netflix und Amazon Prime als das ZDF. Was haben die, was Ihnen fehlt? 

 

Also ehrlich gesagt müssten Sie dazu eher den für diesen Bereich hauptsächlich zuständigen ZDF-Programmdirektor befragen. Aber ich möchte trotzdem davor warnen, diese Video-on-Demand-Plattformen zu euphorisch zu beschreiben. Ihr Erfolg spielt sich in sehr kleinen Nischen ab. Ich habe jetzt auch immer wieder gehört: So langsam habe ich Netflix leer geguckt! Wenn das ZDF am Montag um 20.15 Uhr einen Fernsehfilm sendet oder am Donnerstag den Bergdoktor, dann erreichen wir mit so einer Produktion leicht zwischen vier und acht Millionen Zuschauer. Anfang Oktober hatten wir am Montag einen Krimi aus der Reihe Nord Nord Mord mit rund 8,5 Millionen Zuschauern und 27 Prozent Marktanteil. Netflix muss in Deutschland lange streamen, um solche Werte zu erreichen. Mit dem ZDF-Programm versuchen wir die Gesellschaft als Ganzes zu erreichen. Was uns übrigens auch mit unserer Mediathek und täglich etwa vier Millionen Abrufen gelingt. 

 

Wenn man sich anschaut, wer den Bergdoktor guckt, dann sind das nicht die 20- oder 25-Jährigen. 

 

Auch solche Filme erreichen im Segment der unter-50-Jährigen zweistellige Marktanteile. Das trifft übrigens auch auf das Auslandsjournal oder Maybrit Illner zu, obwohl Talkshows bisher eher von über-50-Jährigen geguckt wurden. Ob das dauerhaft bleibt, werden wir sehen. 

 

Welche ZDF-Serie ist Ihr persönlicher Hoffnungsträger, um junge Zuschauer zu erreichen?

 

Bad Banks hat natürlich viele Junge erreicht, ich bin aber auch ein Fan von Soko Leipzig. Im Bereich der Chefredaktion staune ich über den Erfolg von ZDFinfo, dem erfolgreichsten Dokumentationssender in Deutschland, den am Tag oft um die vier Millionen Menschen einschalten und der auch bei den unter 50-Jährigen beachtliche Akzeptanzwerte erzielt. Wir steuern da auf zwei Prozent Marktanteil zu, mit reiner Informationsware – damit hätten wir nie gerechnet!

 

Immer mehr Redaktionen klagen darüber, dass sie zu wenige Volontäre finden. Wie ist die Situation beim ZDF? 

 

Im Oktober hat ein neuer Volontärskurs begonnen, nachdem wir uns im Auswahlprozess etwa 1.600 Leute angeguckt haben. Am Ende haben wir 16 Kolleginnen und Kollegen zur Ausbildung reingeholt, und sie haben gute Chancen zu bleiben, weil wir dringend auf sie angewiesen sind. Das ZDF hat seit 2011 auf Drängen der KEF Personal abgebaut – insgesamt habe ich auch im Kernbereich der Journalistinnen und Journalisten knapp zehn Prozent meiner Belegschaft abbauen müssen, das traf vor allem junge freie Mitarbeiter. Das war ein sehr schmerzhafter Prozess, der dazu geführt hat, dass das Durchschnittsalter der ZDF-Redakteure deutlich gestiegen ist. Die Folge ist, dass wir bald einen massiven Generationen-Umbruch haben werden und in den nächsten zehn Jahren viele qualifizierte Leute reinholen beziehungsweise ausbilden müssen. 

 

Aber an Volontären gibt es keinen Mangel?

 

Nein, das ZDF ist attraktiv. Es gibt eine sehr große Nachfrage, beeindruckende Lebensläufe. Die waren im Ausland, haben eine Vielzahl von Praktika gemacht. Sorgen macht mir allerdings, dass

 

"Insgesamt habe ich im journalistischen Kernbereich knapp zehn Prozent meiner Belegschaft abbauen müssen, das traf vor allem junge freie Mitarbeiter."

 

bestimmte Gruppen in unserer Gesellschaft den Weg zum ZDF nicht mit Selbstverständlichkeit finden. Das betrifft zum Beispiel junge Kollegen mit Migrationshintergrund. Es betrifft auch Ostdeutsche. Das ZDF muss vielfältiger und diverser werden, daran müssen wir noch arbeiten.

 

Wie arbeitet man denn an sowas?

 

Da muss man mehrere Schritte gehen: Der erste ist, ein Programm zu machen, von dem sich diese Gruppen angesprochen fühlen. Zweitens werden wir uns mit gezielten Werbemaßnahmen um diese Gruppen kümmern und abseits des Volontariats Angebote machen müssen – wie Trainee-Programme oder eine Vorstufe zum Volontariat. Für Studenten mit schmalem Geldbeutel ist es schwer geworden, neben dem Studium die ersten Schritte im Journalismus zu gehen, so wie das früher war. Da fällt mancher und manche raus, die wir eigentlich brauchen.

 

Kürzlich haben Sie auch darüber gesprochen, dass Sie gerne mehr Frauen in Führungspositionen befördern würden und dass mehr Menschen aus Ostdeutschland im ZDF arbeiten sollen. Warum ist es so schwierig, mehr Frauen und Ostdeutsche in entsprechende Positionen zu bekommen?

 

Der Anteil von Frauen in Führungspositionen hat sich auf jeden Fall verbessert. In unserer Verwaltungsdirektion beträgt er jetzt über 50 Prozent. In der Chefredaktion ist er noch nicht bei 50 Prozent, aber auch deutlich besser als früher. Wir haben jetzt Gott sei Dank eine stellvertretende Chefredakteurin, Bettina Schausten, die unseren Nachrichtenbereich leitet, und eine weitere Hauptabteilungsleiterin. Wir sind bei der Anzahl der Auslandskorrespondentinnen und Büroleiterinnen fast bei 50 zu 50. In den Moderatorenrollen haben die Kolleginnen mit Maybrit Illner, Ilka Brecht oder Antje Pieper in wichtigen Talks oder Magazinen sogar die Nase vorne. Es gehört aber auch zur Realität, dass Frauen vielleicht ein Stück mehr als Männer gebunden sind an Familienstrukturen und dass sie deshalb manchmal Angebote, die man ihnen macht, nicht annehmen können. 

 

Dann ist es Ihnen also schon öfter passiert, dass Frauen aus diesem Grund eine Leitungsposition abgelehnt haben?

 

Ja, das ist schon öfter passiert. Ich habe auch erlebt, dass Frauen sich einen Job nicht zugetraut haben. Da sagt man als Chef: Ich beobachte dich seit so langer Zeit, wir arbeiten sehr gut zusammen, spring bitte! Aber wenn dann der Sprung nicht möglich ist – sei es, weil das Zutrauen zu sich selbst fehlt, sei es aufgrund von anderen Konstellationen, dann muss ich das auch akzeptieren. Manchmal ist es traurig.

 

Wenn Sie Männer fragen, passiert das nicht?

 

Das passiert bei Männern seltener, aber öfter, als es früher der Fall war. Insgesamt ist die Mobilität gesunken. Die ist aber in einem Sender, der an so vielen Standorten arbeitet wie das ZDF, sehr wichtig. Wer Karriere machen will, muss bereit sein, sich zu bewegen: Von Mainz nach Magdeburg, von Magdeburg nach Berlin, von Berlin nach Tel Aviv und zurück nach Mainz. Das ist nicht immer einfach. Ich bin in meinem Berufsleben 14-mal umgezogen und weiß: Das hat auch einen Preis für die Familie. Die meisten Familienkonstellationen beruhen heute natürlich auf Partnerschaft und Gleichberechtigung. Sie beruhen oft auch auf zwei Einkommen. Wenn der Zweite oder die Zweite keinen Job an dem Standort findet, an dem es das ZDF-Angebot gibt, dann ergeben sich schwierige Fragen. Das ist nicht nur ein Männer-Frauen-Problem. 

 

Und dieses Problem ist heute größer als vor zehn Jahren?

 

So beobachte ich das. 

 

Lassen Sie uns über Sicherheit von Journalisten sprechen: Dunja Hayali musste vor einigen Monaten einen Dreh aus Sicherheitsgründen abbrechen. Ein Team der heute-show wurde bei einem Dreh angegriffen. Wie beurteilen Sie die Sicherheitslage von Journalisten in Deutschland, und was kann das ZDF tun, um seine Mitarbeiter zu schützen?

 

Es ist sehr bedauerlich, dass sich diese Frage überhaupt stellt. Es gibt bei uns einen Sicherheitsbeauftragten, der sich mit Fragen dieser Art auseinandersetzt. Und natürlich ist es so, dass wir Teams in besonderen Lagen von Sicherheitspersonal schützen lassen. Das ist für uns natürlich nur ein Notfall, denn zum Journalismus gehört es unbedingt dazu, sich frei zu bewegen, mit einer Kamera und ohne Sicherheitskorridor mit Menschen zu sprechen. Das ist zum Beispiel eine besondere Fähigkeit von Dunja Hayali: Menschen zu öffnen und Meinungen ins Programm zu holen, die wir sonst nicht so hören. Aber wir haben einfach die Erfahrung gemacht, dass es besser ist, wenn da jemand steht, der im Notfall eingreifen kann.

 

Catalina Schröder arbeitet als Wirtschaftsjournalistin in Hamburg.   

 

ZDF-Chefredakteur

Peter Frey, 63 ist seit 2010 Chefredakteur des ZDF. Er arbeitet seit 1981 für den Sender, zunächst als freier Mitarbeiter, dann als Redakteur und später als Referent für den damaligen Chefredakteur Klaus Bresser. Danach war er unter anderem Korrespondent in Washington, leitetet und moderierte das Morgenmagazin, leitete die Außenpolitik-Redaktion und moderierte das Auslandsjournal. Er war Autor zahlreicher Auslandsreportagen und leitete das Hauptstadtbüro.

 

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