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Klima als Dimension sichtbar machen – aber wie?

Fünf Schritte, wie Klima als Querschnittsthema in Redaktionen etabliert werden kann. (Illustration: Zsuzsanna Ilijin)

Die Klimakrise muss als Querschnittsthema berichtet und in allen Redaktionen mitgedacht werden, fordert das Netzwerk Klimajournalismus Deutschland. Mitgründerin Sara Schurmann erklärt in fünf Schritten, wie das funktionieren kann. Hands on! Text: Sara Schurmann, Illustration: Zsuzsanna Ilijin

12.09.2023

Hitzewellen, Waldbrände, Dürren, Stürme und Überflutungen weltweit könnten seit Wochen Newsticker füllen. Neue Studien über ein mögliches Versiegen der Atlantischen Umwälzströmung, der sprunghafte Rückgang des Meereises und der Anstieg der Meerestemperatur wären Aufmacher, Brennpunkte und Sondersendungen wert. Stattdessen wird vor allem dann berichtet, wenn deutsche Urlaubsgebiete betroffen sind.

Das CO2-Budget für 1,5 Grad ist, wenn es so weitergeht wie jetzt, in sechs Jahren aufgebraucht. Danach wird es immer wahrscheinlicher, Kipppunkte anzustoßen, die einerseits Ökosysteme unwiederbringlich zerstören und andererseits die Erderhitzung weiter vorantreiben. Mit jedem Zehntelgrad werden die Auswirkungen heftiger und häufiger. Selbst 70-Jährige, die heute gute Chancen haben, 90 Jahre alt zu werden, werden viele dieser Veränderungen noch spüren.

Die Klimakrise ist längst so dringlich, dass sie überall mitgedacht werden muss. Journalist*innen – und nicht nur die – müssen sich bei jedem Thema zwei Fragen stellen:

1) Welchen Einfluss hat mein Thema auf die Klimakrise?

2) Und welchen Einfluss hat die Klimakrise auf mein Thema?

Warum passiert das bisher nicht oder jedenfalls nicht genug? Es geht hier nicht um das Versagen einzelner Journalist*innen. Es gibt strukturelle Gründe dafür, dass wir stehen, wo wir stehen, und wir sehen die gleiche Verdrängung auch in anderen Branchen.

Journalist*innen sind gesellschaftlich jedoch in einer diffizilen Doppelrolle: Einerseits spiegelt unsere Berichterstattung die individuelle und gesellschaftliche Ignoranz der Klimakrise, andererseits reproduzieren und zementieren wir sie. Indem wir wesentliche Fragen nicht stellen, die vorhandenen Verbindungen nicht sichtbar machen, indem wir unterschiedliche valide Meinungen gleichberechtigt nebeneinander abbilden, verzerren wir die wissenschaftlich messbare Realität.

Wie also kann das gehen: Klimazusammenhänge konsequent sichtbar zu machen?

Um das zu tun, muss das Wort Klima gar nicht unbedingt immer im Titel vorkommen. Die Zusammenhänge können – und müssen, wenn nötig – innerhalb jeder Berichterstattung eingeordnet werden. Mal schafft das ein Halbsatz, mal braucht es ein oder zwei Kontextabsätze, mal wird es dazu führen, dass Reporter*innen andere Fragen stellen, andere Expert*innen befragen oder andere Schwerpunkte in der Berichterstattung setzen, wenn sie sich und ihrem Publikum die Zusammenhänge und die Dringlichkeit bewusst machen. Egal ob in den Sport-, Kultur- oder Lokal-Redaktionen.

1 Klima überall mitdenken

Aber wenn schon Deutschland angeblich nur so einen kleinen Einfluss auf die Erderhitzung hat, warum sollte man Klima dann auf allen Ebenen mitdenken, auch auf der Lokalen?

Weil hier die Auswirkungen von verschlepptem Klimaschutz spürbar sind.

Weil hier dringend Klima-Anpassungen vorgenommen werden müssen.

Weil hier Klimaschutz umgesetzt wird. Oder eben nicht.

Und weil für ernsthaften Klimaschutz nicht Emissionen eingespart, sondern komplett gestoppt werden müssen. Überall. So schnell wie möglich.

Daher müssen sich Journalist*innen zum Beispiel bei jedem neuen Bauprojekt fragen, welchen Einfluss dieses aufs Klima hat und welchen Einfluss das Klima auf das Projekt. Wie also steht es um die Klimabilanz eines Gebäudes? Alles, was heute gebaut wird, steht länger als 30 Jahre und muss damit schon heute möglichst den Standards entsprechen, die wir dann brauchen – oder es muss so einfach und kostengünstig wie möglich umrüstbar sein.

Mit Blick auf den Flächen- und Ressourcenverbrauch, das Artensterben, die Oberflächenversiegelung und die derzeit noch unvermeidlichen Emissionen aus der Produktion von Beton und Stahl ist eine nicht unwesentliche Frage außerdem: Ist ein Neubau überhaupt notwendig?

Aber auch: Wie gut wird sich das Gebäude im Klima von 2030, 2040, 2050 oder später nutzen lassen? Hat es eine komplett verglaste Fassade? Das könnte in den kommenden Sommern ganz schön heiß werden. Ist es überflutungssicher? Welche Gefahren gibt es am geplanten Standort? Was gibt es für Vorkehrungen gegen starken Hagel, Stürme oder Hitze?

2 Die Klimakrise greifbar machen

Um die vermeintlich abstrakte und entfernte Klimakrise greifbarer und verständlicher zu machen, ist es sinnvoll, die räumliche und zeitliche Nähe aufzuzeigen. Die Klimakrise hat schon heute massive Auswirkungen, auch in Deutschland: Dürren, Waldsterben, Hitzetote, Sturmschäden, Überflutungen. Diese Zusammenhänge erscheinen noch immer abstrakt, also können wir der Frage nachgehen: Was bedeutet das denn konkret für das Leben unserer Zuschauer*innen, Zuhörer*innen und Leser*innen?

„Journalist*innen sind in einer diffizilen Doppelrolle: Einerseits spiegelt unsere Berichterstattung die gesellschaftliche Ignoranz der Klimakrise, andererseits zementieren wir sie.“

Dürren gefährden schon heute Lebensmittelpreise und Trinkwasserversorgung; das Waldsterben unter anderem den Lieblingsspazierweg und Forstbetriebe; Hitzewellen die eigene Gesundheit oder die der Eltern, aber auch Bäume in der Stadt und den Wald; Stürme, Fluten, Waldbrände potenziell das eigene Zuhause.

Die Klimakrise können und müssen wir begreifbar machen anhand von Themen wie Rente, Kinderkriegen und Hauskauf statt durch Eisbären, Gletscher oder wissenschaftliche Studien allein. All diese persönlichen Entscheidungen haben einen Horizont von mehr als 30 Jahren und in dieser Zeit wird sich unsere Welt auf eine Weise und mit einer Geschwindigkeit verändern, in der wir es noch nie gesehen haben.

3 Verdrängung erschweren

Unser Gehirn ist gut darin, uns vor Belastendem zu schützen, und setzt Informationen, die wir aus unterschiedlichen Quellen grundsätzlich kennen, nicht unbedingt selbstständig zusammen. Neue Informationen werden von unserem Gehirn so interpretiert, dass sie in unser bestehendes Weltbild passen – auch wenn diese dazu geeignet wären, eben dieses Weltbild zu erschüttern. Das nennt sich Confirmation Bias und ist nur eine der kognitiven Verzerrungen, die uns als Individuen den Alltag kurzfristig leichter machen, unsere Zivilisation mittlerweile aber akut gefährden (zusammen mit den Verzögerungsnarrativen der Fossil-Lobby, die diese geschickt ausnutzen).

Um Informationen schwerer verdrängen und gemäß des eigenen Weltbilds interpretieren zu können, müssen Beiträge über die Klimakrise idealerweise drei Fragen beantworten. Erstens: Welche Auswirkungen der Klimakrise sind heute schon sichtbar in dem Bereich, über den ich berichte? Zweitens: Wie wird die Welt, wie wird dieser Bereich in 10, 30, 50 Jahren aussehen, wenn wir jetzt nicht ausreichend effektive Maßnahmen umsetzen? Und drittens: Wie könnte sie aussehen, wenn wir es doch tun?

Mit griffigen Beispielen gelingt auch das in einem Halbsatz oder einem Absatz – wie genau, erklärt das Netzwerk Klimajournalismus regelmäßig in Workshops. Lässt man eine dieser Komponenten weg, kann unser Gehirn die Informationen wahlweise als utopisch, dystopisch oder unveränderbar abtun.

4 Handlungsmöglichkeiten und Lösungen aufzeigen – und deren Grenzen

Wenn man sich das Ausmaß der Klimakrise klarmacht, kann das emotional erschlagen und lähmen. Probleme können überwältigend erscheinen, weil sie so komplex und groß sind. Aber die Wissenschaft, zusammengefasst im Bericht des Weltklimarats (IPCC), ist eindeutig: Die Lage ist extrem ernst, aber nicht aussichtslos. Wir können die Erderhitzung auf einem Level stoppen, an das wir uns als Menschheit noch einigermaßen gut anpassen können. Dafür braucht es jedoch massiven strukturellen Wandel – und einen wesentlichen Teil davon innerhalb dieses Jahrzehnts!

Es braucht also Technologien und Maßnahmen, die direkt umgesetzt werden können. Alles, was wir zusätzlich erfinden, ist super und wird gebraucht. Wir können uns nur nicht darauf verlassen, dass es unsere Lebensgrundlagen retten wird. Journalistisch ist es daher wichtig, klare Zeiträume zu benennen, die sich etwa anhand des sogenannten CO2-Budgets messen lassen, und Maßnahmen daran abzugleichen.

Wer nur Probleme aufzeigt, zeigt damit auch nur einen Teil der Realität. Ein reiner Problemfokus lässt die Krise unlösbar erscheinen, dabei gibt es Lösungen – und Abwägungen, die wir als Gesellschaft treffen müssen.

Nur Lösungen aufzuzeigen, reicht alleine aber ebenso wenig aus. Damit erreicht man oft vor allem die bereits Überzeugten. Menschen, denen das Ausmaß und die Zusammenhänge der Klimakrise nicht ausreichend bewusst sind, erschließt sich daraus nicht, warum Maßnahmen innerhalb weniger Jahre umgesetzt werden müssen, wenn wir unsere Lebensgrundlagen schützen wollen.

Es geht nicht darum, positiv zu kommunizieren oder bestimmte Lösungen zu bewerben, sondern darum, konstruktiv Lösungen aufzuzeigen. Dafür braucht es eine kritische und informierte Berichterstattung – und ein gewisses Vorwissen, um Greenwashing und Scheinlösungen zu erkennen und einzuordnen. Journalistisch müssen nicht nur das zu lösende Problem und die Zusammenhänge klar umrissen werden, sondern auch kritisch Beschränkungen der Lösungsansätze klargemacht und eventuelle Alternativen abgewogen werden.

5 Strukturelle Hürden in den Redaktionen beseitigen

Es ist ähnlich wie in der Klimakrise insgesamt: Im Endeffekt werden alle Journalist*innen die Klimakrise als Dimension in ihrer Berichterstattung mitdenken und wo nötig transparent machen müssen, wenn wir zu einer angemessenen und klimarealistischen medialen Abbildung der Situation und Zusammenhänge kommen wollen. Gleichzeitig reicht es nicht (mehr), dass einzelne Kolleg*innen anfangen, dies in ihrer eigenen Berichterstattung zu tun.

Wir brauchen auch hier umfassende, strukturelle Lösungen, damit Ausmaß und Geschwindigkeit der Veränderung ansatzweise mit der Eskalation der Klimakrise Schritt halten. Der wichtigste Schritt dafür: Schulungen für alle. Und zwar schnell.

„Journalist*innen müssen sich bei jedem Thema zwei Fragen stellen: Welchen Einfluss hat mein Thema auf die Klimakrise? Und welchen Einfluss hat die Klimakrise auf mein Thema?“

Es mangelt an Faktenwissen zur Klimakrise in der Breite der Redaktionen, auch dafür gibt es strukturelle Gründe. Lange war Klimaberichterstattung ein Thema für Fachjournalist*innen, in Ausbildung und Studium wurden die Zusammenhänge nicht behandelt.

Sich neben der eigentlichen Arbeit noch in ein weiteres, extrem komplexes Fachgebiet einzuarbeiten, ist nur sehr schwer möglich. Fast alle Journalist*innen arbeiten unter Zeitdruck, der Workload ist riesig.

Nur wenige können daher heute den genauen Unterschied zwischen 1,2, 1,5 und 2 Grad Erderhitzung erklären – oder wie CO2-Budget und Kipppunkte zusammenhängen und was dies für unsere Lebensgrundlagen bedeutet. Das ist ein Problem.

Denn Menschen orientieren sich an anderen Menschen, um Situationen einzuordnen. Nachgewiesen wurde das etwa in der sogenannten Rauchstudie. Dort wurde geschaut, wie Personen reagieren, wenn gefährlich aussehender Rauch in einen Raum eindringt, in dem sie auf etwas warten sollen. Waren sie allein, meldeten 75 Prozent den Rauch, saßen sie zusammen mit anderen Wartenden im Raum, waren es nur noch 38 Prozent. Warteten sie zusammen mit eingeweihten Testpersonen, die den Rauch bewusst ignorierten, reagierten nur noch 10 Prozent.

Das Experiment machte klar: Wir orientieren uns in unserem Verhalten an dem Verhalten anderer – und wenn die meisten anderen ruhig bleiben, bleiben wir es auch. Selbst wenn es rational betrachtet gar keinen Grund dazu gibt.

Dieser Mechanismus ist im Journalismus nicht nur beobachtbar, sondern institutionalisiert. Wenn wir uns zum Beispiel auf eine Redaktionskonferenz vorbereiten, dann tun wir dies, indem wir uns andere Medien anschauen. Wir hören am Morgen die Nachrichten im Radio, schauen in die Agenturmeldungen und gucken, welche Themen die Konkurrenz behandelt.

Wenn niemand die Studien zum möglichen Zusammenbruch der Atlantischen Umwälzströmung, dem Erreichen von klimatischen Kipppunkten oder die Messungen zu Meerestemperatur und Meereisverlust auf die Titelseite packt, wenn niemand die täglichen Klimakatastrophen der vergangenen Wochen in einem Newsticker abbildet – dann kann es ja gar nicht so schlimm sein.

Journalist*innen orientieren sich an anderen Journalist*innen, und an deren Berichterstattung orientieren sich Politik und Gesellschaft. Dass ein Großteil der Journalist*innen diese Entwicklungen nur gar nicht einzuordnen vermag und sie deswegen ignoriert oder mit Einzelmeldungen auf den hinteren Plätzen abspeist – das scheint offenbar auch heute noch für viele Kolleg*innen unvorstellbar.

Die Suche nach dem U-Boot, das mit Touristen auf dem Weg zum Wrack der Titanic verschwand, löste im Juni 2023 nicht deswegen eine rollende Berichterstattung aus, weil es relevanter für die Gesellschaft und das Leben des Publikums war als die genannten Studien und Messungen, sondern weil mehr Journalist*innen deren Bedeutung verstanden hatten und ihnen immer neue Fragen und Ansätze für eine weitere Berichterstattung einfielen.

Journalist*innen müssen weder Klimawissenschaften studieren, noch den Journalismus neu erfinden, um gut und angemessen über die Klimakrise berichten zu können. Es reicht, sich die wichtigsten Zusammenhänge und unseren journalistischen Umgang damit tiefergehend bewusst zu machen. Und dann Kolleg*innen zu haben, mit denen man dies im redaktionellen Alltag diskutieren und abwägen kann.

Das ist möglich, wenn man begriffen hat, warum es nötig ist. Auch in vergleichsweise kurzer Zeit.

Sara Schurmann ist freie Journalistin und hat unter anderem den SWR in Sachen Klimaberichterstattung beraten. Sie ist Mitgründerin des Netzwerks Klimajournalismus. Im vergangenen Jahr erschien ihr Buch Klartext Klima. Zusammenhänge verstehen und effektiv handeln (Brandstätter).

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