Wie machen wir den Journalismus widerstandsfähiger?

Lob des Zweifels

23.08.2021

Braucht es noch einen weiteren Besserwisser-Text zur Zukunft des Journalismus? Nein, findet WELT-Medienredakteur Christian Meier. Er hat dann aber doch die Einladung angenommen, sich hier zu äußern. Weil ihn besonders eine Sache bewegt: Das Selbstverständnis von einigen Journalisten. Diese von Matthias Daniel und Stephan Weichert herausgegebene Reihe "Wie wir den Journalismus widerstandsfähiger machen" ist eine Kooperation von Vocer und dem journalist. Text: Christian Meier.

"Der Zweifel, ein so wichtiges journalistisches Werkzeug, scheint mir grundsätzlich und generationenübergreifend in Verruf gekommen zu sein", sagt Christian Meier.

„Wie wir den Journalismus besser machen“ – so lautete der Titel des erfolgreichen Vorläufers dieser Reihe. Ich fand, dass dieser Titel ziemlich besserwisserisch daherkam. Als ich nun von den Herausgebern gefragt wurde, ob ich einen Beitrag für diesen zweiten Bessermachen-Band beisteuern wolle, war ich zurückhaltend. Hier sollten also Menschen aus der Kommunikationsbranche über „die“ Zukunft „der“ Medien nachdenken, Essays absondern und das veröffentlichte Ergebnis dann – am besten noch nach 10 Punkten gegliedert – vertwittern. Sicher, ich zähle mich irgendwie auch zu dieser Gruppe, bin wohl deshalb gebeten worden, hatte dann aber zunächst abgesagt. Keine Lust, anderen Besserwissern, so ernst und gut gemeint ihre Ratschläge sein mögen, auch noch meine 5 Cents zu übermitteln.

 

Wobei ich natürlich gar nicht denke, dass sich nichts verbessern ließe im Journalismus. Wir, in der Besserer-Journalismus-Blase, reden halt nur gern drüber, um in irgendeinem Fachdienst abgedruckt zu werden, was der eigenen Karriere ja behilflich sein könnte. Ich habe lange für Fachdienste gearbeitet und halte solches Vorgehen für legitim, wenn damit auch Substanz verbunden ist. Und Medienmacher, die wissen, wovon sie reden, gibt es im deutschen Medienmarkt natürlich. Aber müssen wir uns alle noch gegenseitig erzählen, wie „unser“ Journalismus besser wird?

 

Journalisten sollten niemals Change Agents sein

 

Warum ich hier nun doch schreibe – und gleich noch eine Anregung formulieren werde? Vielleicht, weil ich es kann, weil ich ja gefragt wurde. Weil ich eben auch ein Besserwisser bin. Vielleicht, weil ich auch mal wieder in einem Buch veröffentlicht werden möchte, wo ein Artikel nicht schon wieder nach ein bis zwei Tagen im Orkus der digitalen Welt verschwunden ist (die Kurzlebigkeit nicht nur von tagesaktuellen Meldungen, sondern auch die großer Reportagen und Essays ist beachtlich, was viel mit der Kurzatmigkeit von Medien selbst zu tun hat – immerhin sind diese Texte, anders als vergriffene Bücher, auffindbar).

 

Wahrscheinlich schreibe ich diesen Beitrag aber vor allem, weil mich doch ein Thema beschäftigt. Ich denke, dass Journalisten zwar eine Meinung bei Themen haben sollten, über die sie berichten, ja sogar haben müssen, um sich ein Urteil bilden zu können. Doch niemals sollten sich Journalisten als Change Agents begreifen, die einer Agenda folgen. Was etwas anderes ist, als mit einem journalistischen Beitrag eine Wirkung zu erzielen, die wiederum auch gesellschaftlichen Wandel bewirken kann. Die Zukunft gehört nicht dem folgenlosen Journalismus. Aber die Zukunft gehört sicherlich auch nicht dem Journalismus, der nur entsteht, weil ein Journalist eine bereits vor seiner Recherche gefasste Meinung veröffentlicht sehen will.

 

"Die Zukunft gehört nicht dem folgenlosen Journalismus. Aber die Zukunft gehört sicherlich auch nicht dem Journalismus, der nur entsteht, weil ein Journalist eine bereits vor seiner Recherche gefasste Meinung veröffentlicht sehen will."

 

Das ist ein schmaler Grat, keine Frage. Und allein durch die Auswahl unserer Themen bestätigen wir alle zu einem Teil bereits unsere Positionen. Ich nehme mich da keineswegs aus. Wie häufig lassen wir uns alle noch durch unsere eigenen Rechercheergebnisse überraschen? Wie häufig wählen wir unsere Gesprächspartner aus, weil wir in etwa wissen, was sie uns sagen werden? Wie oft haben wir uns zuletzt durch Argumente überzeugen lassen, deren Aussage unseren eigenen Überzeugungen entgegenstehen? Ich glaube, zu selten.

 

Anonymes „Recherchenetzwerk Antischwurbler“

 

Vielleicht helfen einige Beispiele. Zum Beispiel die „Tagesspiegel“-Recherche zur Corona-Aktion #allesdichtmachen von ursprünglich mehr als 50 Schauspielern. Bereits in der Überschrift wurde angekündigt, dass in diesem sehr langen Artikel der Nachweis erbracht werde, dass hinter der Aktion ein „antidemokratisches Netzwerk“ stünde. In der Recherche wurden dann zwar einige interessante Aspekte (und manche Banalitäten) zutage gefördert – einen Nachweis, dass es sich um ein a) Netzwerk handelt, das b) antidemokratische Ziele hat, wurde nicht erbracht. Später entschuldigte sich die Chefredaktion für „handwerkliche Fehler“. Dazu gehörte auch, dass zentrale Personen der Geschichte nicht sauber mit den Vorwürfen konfrontiert wurden.

 

Neben zwei „Tagesspiegel“-Autoren war ein anonym agierendes „Recherchenetzwerk Antischwurbler“ an dem Artikel beteiligt gewesen, deren Ziele und Mitglieder den Lesern aber nirgends näher erklärt wurden. Später hieß es, die Personen wollten aus Angst vor Racheakten anonym bleiben, diese Personen hätten 2020 selbst Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen besucht, seien aber erschrocken gewesen über die Zusammensetzung der Teilnehmer. Der Artikel zeigt exemplarisch, wie fließend die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus sind, dass aber in dieser Grauzone selbstverständliche Prinzipien wie die Konfrontation von Personen, die im Text eines Vergehens bezichtigt werden, aufgegeben wurden, um an einem Narrativ festhalten zu können.

 

Anders, aber nicht weniger problematisch ist die vom NDR mitfinanzierte Dokumentation „Lovemobil“. Eine Regisseurin hatte über mehrere Jahre an einem Film gedreht, mit dem sie das „echte“ Leben einer Gruppe Prostituierter zeigen wollte, die ihre Freier in Wohnmobilen am Rande einer Bundesstraße empfangen. Der fertige Film wurde gefeiert und erhielt den Deutschen Dokumentarfilmpreis. Erst wenige Monate später stellte sich heraus, dass der Film fast ausnahmslos aus Szenen besteht, die mit Darstellern gedreht wurden. Die Regisseurin beteuerte zunächst, das Ergebnis sei womöglich sogar authentischer als ein Film, der mit echten Prostituierten und Freiern gedreht worden wäre. Schließlich gab sie ihren Preis zurück und entschuldigte sich.

 

„Die Zeit der Neutralität ist vorbei“

 

Eine weniger beachtete Rolle spielte der NDR als Sender, der die Dokumentation beauftragt und über die Jahre hinweg dessen Fortschritte begleitet hatte. Eine journalistische Prüfung der Echtheit des Films und seiner Protagonisten fand demnach nur unzureichend statt. Stattdessen vertraute der Sender der Regisseurin weitgehend. Sicherlich auch – aber das ist eine Vermutung – weil das Ergebnis so sehr der Vorstellung entsprach, die man sich schon bei der Beauftragung von dem Film gemacht hatte. Erwartungsmanagement schlug saubere journalistische Kontrolle.

 

Eine neue journalistische Schule, die vom Ergebnis her denkt und sich mit dem Weg dahin nur noch untergeordnet zu beschäftigen scheint, entsteht hier. Im „Spiegel“ schrieb der Journalist Philipp Oehmke: „Die Zeit der Neutralität ist vorbei.“ An den Methoden von Donald Trump sei der Ausgewogenheitsanspruch der Medien zerschellt. Darum sei es an der Zeit, eine wie auch immer geartete, aber auf jeden Fall überflüssige Neutralität über Bord zu werfen. Wer heute noch das Prinzip verfolge, auch Gegenargumente aufzuzeigen, sei „selbstgefällig und denkfaul“. Es gehe darum, Farbe zu bekennen. Der Versuch, Gegenpositionen aufzuzeigen, wird von Verfechtern dieser neuen „Journalismusschule“ häufig mit dem Verweis auf eine angebliche „false balance“ kritisiert ­– der Versuch, mehrere Seiten zu hören, simuliere eine Ausgewogenheit nur, weil er Positionen berücksichtige, die per se nicht akzeptabel seien. Dabei zeigen Umfragen, etwa vom Reuters Institute, dass eine Mehrheit von Bürgern es weiterhin bevorzugt, wenn Journalisten bei der Nachrichtenvermittlung weiter den Maßstab der Objektivität anlegen. Was natürlich auch bedeutet, dass Kommentare und Meinungen immer zu erkennen sein müssen und auch die größtmögliche Transparenz hergestellt werden muss, wenn diese Neutralität – oder nennen wir sie besser Ausgewogenheit – nicht zu leisten sein sollte oder nicht geleistet werden soll.

 

"Der Zweifel, ein so wichtiges journalistisches Werkzeug, scheint mir grundsätzlich und generationenübergreifend in Verruf gekommen zu sein. Wer als Journalist zweifelt, auch mal eine unentschiedene Position einnimmt, gilt schnell als schwach, weil er keine klare Position beziehen wolle."

 

Ein weiteres Beispiel liefert der „Stern“, der sich mit voller Absicht in eine Zeitschrift verwandelt, die sich nicht von Journalismus, sondern von Aktivismus leiten lässt. Teils vielleicht aus Überzeugung, teils aber sicherlich aus einem strategischen Kalkül, weil der Verlag Gruner + Jahr neue junge Zielgruppen für sich gewinnen will. „Was wäre so schlimm, wären wir eine journalistische Hilfsorganisation“, fragten die beiden „Stern“-Chefredakteure in einem Interview mit der Fachzeitung „Horizont“. Denn: „Der Stern möchte sich für das Gelingen unserer Gesellschaft einsetzen. Dafür wollen wir uns nicht nur einmischen, sondern mitmischen. Missstände möchten wir nicht nur aufdecken und analysieren, sondern auch bekämpfen und verändern, gern gemeinsam mit unseren Lesern.“ Das Konzept empfinde man als „aktivierenden Journalismus“.

 

Corona als große Chance zur Weltverbesserung?

 

Mit den Klimaaktivisten von „Fridays for Future“ produzierte der „Stern“ eine ganze Ausgabe. Was auch intern nicht allen Redakteuren gefiel. Über den Klimawandel und dessen Folgen für die Menschheit berichten, auch kommentierend – das ist dringend geboten. Eine komplette Ausgabe einer Interessengruppe überlassen – das ist höchst problematisch (völlig unabhängig davon, für welche Ziele eine Lobbygruppe steht). Der „Stern“ war es auch, der während der ersten Corona-Welle einen Essay veröffentlichte, der die Welt in graue, vergiftete Städte und blühende, autofreie Landschaften einteilte und Corona als große Chance zur Weltverbesserung betrachtete.

 

Es ist natürlich, wie fast immer, nicht so einfach. Viele Kolleginnen und Kollegen wollen den Mächtigen auf die Finger schauen, die vierte Gewalt mit Verantwortung ausfüllen, beispielsweise mit Sozialreportagen die Leser erschüttern, Umdenken befördern – ohne gleich damit eine Agenda zu verfolgen. Kann es also sein, dass es von dieser Motivation, diesem Selbstverständnis, nur ein kleiner Schritt zum Aktivismus ist (das Wort ist ja schon zu einem Kampfbegriff geworden)? Mit anderen Worten: Ist Journalismus, der in erster Linie etwas bewirken will, das bereits bei seiner Entstehung geplant war, noch Journalismus?

 

Dazu kommt ein weiterer Aspekt: viele angestellte Journalisten wollen sich verständlicherweise mit ihrem eigenen Medium identifizieren. Dass sie aber auch Binnenpluralismus aushalten müssen, wird auf Journalistenschulen nicht gelehrt. Selbstverwirklichung und Selbstbestätigung sind wichtig – dabei stören aber Beiträge und Positionen, die das eigene Weltbild infrage stellen oder sogar angreifen. Die erbittert geführten Kämpfe, die vor allem um Meinungstexte ausbrechen – Carolin Emckes Rede auf dem Parteitag der Grünen sei nur als ein bekanntes Beispiel genannt – zeigen, wie sich auch im Journalismus unterschiedliche Lager herausgebildet haben, die differenzierte Betrachtungen fast schon gar nicht mehr zulassen.

 

Der Zweifel, ein so wichtiges journalistisches Werkzeug, scheint mir grundsätzlich und generationenübergreifend in Verruf gekommen zu sein. Wer als Journalist zweifelt, auch mal eine unentschiedene Position einnimmt, gilt schnell als schwach, weil er keine klare Position beziehen wolle. Die Grauzonen der meisten komplexen Themen werden darum immer häufiger ausgeblendet, um mit einer starken Meinung zu glänzen.

 

"Ist Journalismus, der in erster Linie etwas bewirken will, das bereits bei seiner Entstehung geplant war, noch Journalismus?"

 

Die schöne Regel, dass man bei jedem Thema für einen Moment davon ausgehen sollte, dass die „andere Seite“ (schon wieder so ein problematischer Begriff, denn auf welcher Seite sollte ein Journalist überhaupt stehen?) Recht haben könnte – gilt sie noch? Ist sie in den Redaktionen akzeptiert? Und wie selbstverständlich ist es, eine auch in der eigenen Redaktion unpopuläre Position zu vertreten, notfalls gegen Kritik und Widerstände? Ich glaube, der Zweifel sollte unser ständiger Begleiter sein. Und das ist, ich merke es schon beim ersten Nachlesen, schon wieder so ein Besserwissersatz. Ich kann nur um Verzeihung bitten, wir sitzen alle im Glashaus.

 

Christian Meier (geboren 1971) ist Medienredakteur der Tageszeitung WELT. Zusammen mit Stefan Winterbauer produziert er den Podcast „Die Medien-Woche“. Meier hat bei der Bundeszentrale für Politische Bildung volontiert und hat als freier Journalist für Medien wie „Zeit“, „NZZ“ und „Medium Magazin“ gearbeitet. Er war Ressortleiter des Fachdienstes „kressreport“ und war mehrere Jahre Mitglied der Chefredaktion von „Meedia“.

 

Dieser Beitrag ist in einer Kooperation von Vocer und dem journalist entstanden.Vocer ist eine gemeinnützige Organisation für Medieninnovation und journalistische Bildungsprogramme. Der Beitrag wird in dem Buch "Wie wir den Journalismus widerstandfähiger machen" erscheinen. Herausgeber sind Vocer-Mitgründer Stephan Weichert und journalist-Chefredakteur Matthias Daniel.

 

Übersicht: Alle Folgen

 

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