SWR-Podcast "Sack Reis"

Strafbar schlechter Journalismus

20.07.2022

In einer Folge des SWR-Podcasts Sack Reis zur Situation in Bosnien treffen sich falsche Fakten, Genozidleugnung und Kritikresistenz. Melina Borčak hat sich die Fehler genauer angesehen. Borčak berichtet seit über zehn Jahren über den Genozid an Bosniaken und musste selbst davor flüchten. Ein wütender Faktencheck.

SWR-Podcast Sack Reis zur Situation in Bosnien. Ein wütender Faktencheck von Melina Borčak.

Im SWR-Podcast Sack Reis geht es in jeder Folge um ein Auslandsthema. Jemen, Iran, Kolumbien, Südafrika. Dazu wird immer ein Gesprächspartner aus dem jeweiligen Land interviewt. Die Hosts Malcolm Ohanwe und Merve Kayikci berichten dabei jedoch meist von Deutschland aus, ihre Expertise über die jeweiligen Länder und Orte ist sehr unterschiedlich. Klassischer Fallschirmjournalismus, bei dem Fehler und Ungenauigkeiten vorprogrammiert sind.

Die Podcast-Folge zur politischen Situation in Bosnien („Kurz vor Krieg? Der zerbrechliche Frieden in Bosnien-Herzegowina“) eskalierte zu einem Beispiel dafür, was bei unsauberer journalistischer Arbeit schieflaufen kann und wie Redaktionen nicht mit Kritik umgehen sollten. Um das Chaos zu verstehen, arbeiten wir uns chronologisch durch die Fehler und fangen mit den „kleineren” an.

Vorab die Fakten: Der Genozid an Bosniaken, verübt von serbischen Truppen, gilt als eines der schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. In vier Jahren Genozid und Angriffskrieg starben mehr als 100.000 Menschen: in der Belagerung Sarajevos, den Konzentrationslagern Prijedors, den Vergewaltigungslagern Fočas oder den Massenexekutionen Srebrenicas. Der Genozid prägte Land und Leute und ist aus der Berichterstattung über das heutige Bosnien nicht wegzudenken.

„Der Genozid an Bosniaken gilt als eines der schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. In vier Jahren Genozid und Angriffskrieg starben mehr als 100.000 Menschen.“

Schon der Instagram-Post, der die Folge bewarb, steckte voller Fehler. Genau genommen war kein Satz in dem Post richtig. Dort hieß es etwa, Bosnien habe drei Parlamente und drei Regierungen – jeweils für jede Ethnie. Erst nach tagelangem Druck hat der SWR diese Fehler in einem Statement korrigiert. Auch die Podcast-Folge wurde später überarbeitet, eine vermeintlich korrigierte Version veröffentlicht. Auf Nachfrage erklärte der SWR, wie er die Folge vorbereitet hat. Dabei wird klar: Es gab keine Primärquellen, keine Recherche vor Ort, keinen Faktencheck der abgeschriebenen Inhalte, keine thematische Expertise. Sondern: Die Redakteure lasen ein paar Texte anderer deutscher Journalisten und schusterten etwas zusammen. Meiner Einschätzung nach sind solche Methoden für ein Schulreferat genügend, nicht aber für öffentlich-rechtlichen Journalismus.

In einem weiteren Post zu der Podcast-Folge wurde ein Foto der Ferhadija-Moschee in der Stadt Banja Luka gezeigt – eines der Symbole des Genozids und Angriffskriegs. Alle Muslime und Katholiken der Stadt wurden ermordet, vertrieben oder ins Konzentrationslager Manjača deportiert – ein Schlachthof für Tiere, der zum Schlachthof für Menschen umfunktioniert wurde. Alle Moscheen und katholischen Kirchen wurden zerstört, darunter auch die jahrhundertealte Unesco-Welterbe-Moschee Ferhadija.

Als Vertriebene nach dem Krieg versuchten, die Ferhadija wieder zu erbauen, wurden sie von einem Mob hunderter lokaler Serben gejagt und angegriffen, bis ein Mann, Murat Badić, durch Steinigung starb. Der SWR dagegen schrieb über die Ferhadija und die anderen zerstörten Moscheen und katholischen Kirchen der Stadt: „In Banja Luka stehen orthodoxe Kirchen, katholische Kirchen und Moscheen nah beieinander.“ Das ist ungefähr so, als hätten US-Medien ein Stasi-Foltergefängnis oder ein Konzentrationslager als „schönes Museum, in dem sich Menschen aus aller Welt treffen“ beschrieben, ohne dabei ein Wort zur Realität dieses Ortes des Grauens zu verlieren.

Im Podcast selbst kommt ausschließlich eine Person zu Wort: die 22-jährige ethnisch serbische Politikstudentin Milica.

Der Genozid an Bosniaken wird von der Genozidforschung als solcher eingestuft und von mehreren Ländern anerkannt, darunter die gesamte EU. Er ist einer der sehr wenigen Genozide weltweit, die sogar gerichtlich dokumentiert wurden – mehrfach. Er ist mit dem größten forensischen DNA-Identifikationsprojekt der Weltgeschichte belegt und auf Millionen Seiten durch Zeugenaussagen und Expertenanalysen dokumentiert.

Doch Milica sagt im Podcast, sie wisse nicht, ob es einen Genozid an Bosniaken gab. Sie sei ja nicht persönlich vor Ort gewesen, als es geschah. Und da gebe es sowieso immer zwei Seiten. Das ist Genozidleugnung, in Bosnien mit bis zu fünf Jahren Haft strafbar. Milica verbreitet typische ultranationalistische und rassistische Framings. Mehr als 40 Minuten lang, ohne adäquate Einordnung oder Widerspruch – abrufbar in der ARD-Audiothek. Da der Podcast auch in Bosnien verfügbar ist, kann die SWR-Redaktion gerichtlich zur Verantwortung gezogen werden, betont die Juristin Azra Berbić, die oft Anzeigen wegen Genozidleugnung stellt und bereit wäre, den Fall anzunehmen.

Genozidrelativierung

Nicht nur Milica, auch die Redaktion selbst verbreitet Genozidrelativierung und geschichtsrevisionistische Mythen. In der Podcastbeschreibung steht – auch nach der „Korrektur” – folgendes: „Damals haben sich Menschen wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit bekämpft.” Fakt ist aber: Damals wurde ein Genozid an Bosniaken verübt, und Menschen aller Ethnien und Religionen kämpften in der Armee Bosniens gemeinsam gegen die Völkermörder. Mehr als 90 Prozent der Kriegsverbrechen wurden von der serbischen Seite verübt, 6 Prozent von der kroatischen und 4 Prozent von allen anderen zusammengezählt. Den Krieg und Genozid als ethnischen Konflikt darzustellen, an dem alle Seiten gleichermaßen beteiligt waren, ist geschichtsrevisionistisch, falsch und gefährlich. Genozidleugnung ist keine bloße Meinung, sondern die zehnte Stufe eines jeden Genozids, ein Bestandteil davon. Leugnung ist Mittäterschaft – und deshalb ist in Deutschland die Leugnung des Holocausts und in Bosnien die Leugnung des Genozids an Bosniaken zu Recht strafbar.

„Die Protagonistin Milica verbreitet typische ultranationalistische und rassistische Framings. Mehr als 40 Minuten lang, ohne adäquate Einordnung oder Widerspruch – abrufbar in der ARD-Audiothek.“

Es dauerte lange, bis die SWR-Redaktion überhaupt auf diesen Kritikpunkt einging. Und dann reagierte sie nicht etwa mit einer Entschuldigung oder Löschung des gefährlichen Inhalts, sondern sie leugnete die Leugnung. Milica habe nichts geleugnet, und man müsse ja auch mit Menschen sprechen, die andere Meinungen haben.

Bis heute bleibt der SWR bei seiner Position, in dem Podcast habe es keine Genozidleugnung gegeben und beruft sich dabei auf die Einschätzung ihres Justiziariats. Weiß das Justiziariat, was Načertanije, das Memorandum SANU oder Direktiva 7 sind? Die Einstufung von Genozidleugnung steht nur Genozidexperten zu, Justiziare des SWR dürften eher nicht dazugehören.

Emir Suljagić ist Genozidexperte. Er promovierte an der Universität Hamburg zum Genozid an Bosniaken, ist Autor mehrerer Bücher zum Thema und Leiter der Srebrenica-Gedenkstätte. Auf unsere Anfrage zu dem Podcast schreibt Suljagić: „Das ist zweifellos Genozidleugnung.“ Und er fragt, warum der SWR einer Leugnerin ohne Expertise überhaupt eine Plattform zu diesem empfindlichen Thema gibt. „Weiß sie auch, ob in Auschwitz ein Genozid verübt wurde? Und würde die Redaktion das fragen?”

Emir Suljagić spricht einen wichtigen Punkt an: Natürlich haben Deutsche ein besonderes Bewusstsein für den von Deutschland verübten Genozid. Doch warum fehlt der Redaktion das bisschen Transferleistung zu erkennen, dass Aussagen, die bei diesem Genozid inakzeptabel wären, dies auch bei anderen sind? Egal ob Ruanda, Bosnien oder Deutschland. Nachdem die Instagram-Seite von Sack Reis mit öffentlicher Kritik überhäuft wurde, löschte die Redaktion nach wenigen Stunden alle Posts zu Bosnien. Doch die Podcast-Folge mit Faktenfehlern und Genozidleugnung war tagelang danach unverändert online.

Immer noch online

Auch zwei Monate später ist die Folge noch online. Zwar wurden mittlerweile einige der falschen Fakten aus dem Podcast rausgeschnitten, doch passierte das erst nach einer Welle von Kritik. Und die Genozidleugnung blieb unverändert. Zu dieser „korrigierten” Folge postete die Redaktion eine Stellungnahme, die, schon wieder, alles noch schlimmer machte. Genozidleugnung wurde als „Meinung“ bezeichnet. Indirekt wurde Toleranz für solche „Meinungen” gefordert.

„Genozidleugnung ist keine bloße Meinung, sondern die zehnte Stufe eines jeden Genozids, ein Bestandteil davon. Leugnung ist Mittäterschaft.“

Die Menschen, die diese retraumatisierenden „Meinungen” aushalten müssen, sind Überlebende des Genozids. Menschen, die in Konzentrationslagern gefoltert wurden, vor den Augen ihrer Familien vergewaltigt wurden, ihre Kindheit unter Todesangst in Luftschutzbunkern verbrachten. Das SWR-Statement hat inzwischen mehr als 300 Kommentare – so gut wie alle kritisch. Sogar Überlebende des Genozids, die davon berichten, wie respektlos diese Folge ist oder dass sie ihren ermordeten Vater nie kennenlernen konnten, bekommen von der Sack-Reis-Redaktion die gleiche Copy-Paste-Ausrede wie alle anderen.

Statt Verständnis oder Reue gegenüber den Genozid-Opfern zu zeigen, wurde im SWR-Statement Podcast-Host Merve Kayikci als wahre Leidtragende geframed, weil ihre Arbeit kritisiert wurde. Kayikci selbst erzählte uns, sie teile die Kritik, sagte aber auch, sie habe auf Zwischenmoderationen, Protagonistenauswahl und vieles mehr gar keinen Einfluss. Die zuständigen Redakteurinnen für diese Folge sind Paula Kersten und Karin Feltes. Ob Kayikci die vermeintliche Machtlosigkeit bloß als Ausrede nutzen wollte, ist unklar. Tatsächlich zeigte Kayikci wenig Einsicht, ebenso Kersten und Feltes.

Der zweite Host, Malcolm Ohanwe, distanzierte sich zwar von der Folge, aber ich finde, das reicht nicht aus: Wer mit einer Redaktion arbeitet, die Genozidleugnung und Desinformationen verbreitet – der hat auch Verantwortung, seine Kollegen zum Umdenken und Handeln zu bringen. Besonders wenn er so laut behauptet, sich dem Kampf gegen Rassismus zu widmen.

Justiziare, Fallschirmjournalisten, Genozidleugner – bei Sack Reis wurde zum Thema Genozid vielen zugehört, nur nicht Experten und Überlebenden.

Als ich einem SWR-Journalisten erklärte, dass Genozidleugnung strafbar ist, war seine Reaktion nur lapidar: „Aber nicht in Deutschland?” Ja, da kann ich entwarnen. Es wird wohl niemand aus der SWR-Redaktion in einem bosnischen Gefängnis landen. Doch ist der journalistische Anspruch so tief gefallen? Dass man gefährliche, strafbar schlechte Arbeit macht und sich zurücklehnt, weil es ja nur armen, machtlosen Menschen schadet? Weil es nur die Traumata und Wunden machtloser Minderheiten wieder öffnet?

Am 11. Juli war der Jahrestag des Genozids in Srebrenica. Auch da war die „korrigierte” Version der Podcast-Folge noch über die ARD-Audiothek abrufbar.

Melina Borčak ist Journalistin und Filmautorin für CNN, Deutsche Welle, Funk. Ihre Schwerpunkte sind antirassistische Medienkritik, Genozide und Flucht.

Update: Nach der journalist-Veröffentlichung hat der SWR reagiert und hat eine Sonderausgabe "Sack Reis" zu dem Thema angekündigt.

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