Wirtschaftliche Lage von freien Journalist*innen

Systemrelevante Existenzangst

28.04.2021

Corona offenbart die Misere vieler freiberuflicher Journalisten: wenig Rücklagen, wenig Sicherheit, wenig staatliche Hilfe. Eigeninitiative ist mehr denn je gefragt. Und Idealismus. Text: Caroline Lindekamp

Die Corona-Pandemie trifft freie Journalist*innen besonders hart: Aufträge und Einnahmen brechen weg. (Bild: Frank Rumpenhost/pa/dpa)

Besser hätte die Sache nicht laufen können. Die Zahlen des RKI einordnen, den neuesten Impfstoff erklären, Infektionsverläufe nachzeichnen. „Vor der Pandemie habe ich noch nie in dieser engen Taktung so viele Artikel geschrieben. Das läuft in einem Riesentempo“, sagt Linda Fischer, die freiberuflich Tagesberichterstattung zu Corona macht. Als Wissenschaftsjournalistin ist sie auf ein Ressort spezialisiert, dessen Relevanz das Virus eindrücklich vorgeführt hat – und das im Fokus steht wie nie zuvor: Die Krise hat neue Bedürfnisse nach Qualitätsjournalismus und glaubwürdiger Berichterstattung erzeugt, und die Nachrichtenlage hat Fischer zur Krisengewinnerin gemacht. „Das zeigt sich nicht nur in meiner Auftragslage, ich bekomme auch mehr Aufmerksamkeit. Mit der Arbeit kommen automatisch neue Kontakte, und ich habe mein Portfolio ausgebaut. Die Redaktionen wissen eher, wer ich bin und was sie von mir erwarten können.“

 

Doch Profiteurin Fischer ist eine Ausnahmeerscheinung unter den freiberuflichen Journalisten. Denn auch wenn die Pandemie einen Nachfrageboom nach einschlägigen journalistischen Inhalten ausgelöst hat, hat sie die Branche zugleich in eine tiefe Krise gestützt. Bei vielen Medienhäusern sind die Einnahmen mit den Anzeigenbuchungen im Jahresverlauf eingebrochen. Verlage stellen Titel ein, legen aus Sparzwang Redaktionen zusammen oder weichen auf Wiederholungen und Mehrfachverwertungen aus. Stellenstreichungen und Kurzarbeit sind in Redaktionen nicht bloß Berichterstattungsthema. Diese Krise der Auftraggeber kommt auch bei den Zulieferern an.

 

Nur fünf Prozent der freiberuflichen Journalisten hatten im Frühjahr 2020 wie Fischer „mehr Aufträge im Bereich redaktioneller Zuarbeit erhalten“. Rund ein Drittel verzeichnete immerhin genauso viele Aufträge wie zuvor – der Rest klagt über teils herbe Verluste. Das zeigen drei Befragungen des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) seit dem Pandemieausbruch. Bereits im Mai, mitten in der ersten Pandemie-Welle, war das monatliche Durchschnittseinkommen der Befragten von 2.470 Euro auf 780 Euro gesunken – unter das Existenzminimum. Eine DJV-Erhebung in Nordrhein-Westfalen bestätigte im August die Ergebnisse und zeigte zudem: Die Auftragseinbrüche hielten an. Im Februar bestätigten nun rund zwei Drittel der Freien diesen Trend. Etwa ein Drittel von ihnen berichtete von besonders schweren Verlusten. Fast jede zehnte Person hat sogar keine Aufträge mehr bekommen.

 

Weniger betroffen sind freiberufliche Rundfunkjournalisten, besonders hart trifft es Fotojournalisten. Ähnlich ergeht es seit nunmehr einem Jahr den Kulturberichterstattern, denen in einer Zeit fast ohne Veranstaltungen die Termine fehlen. Anderen Freien bescheren normalerweise Messen oder große Sportevents ein Absatzhoch. Doch auch diese wurden erst verschoben, dann abgesagt und ins Netz verlegt. Vielleicht finden manche 2021 statt. Vielleicht auch nicht.

 

Soloselbstständige fängt das System kaum auf

 

Die Unsicherheit zehrt an den Nerven. „Ich gehöre zu den Journalisten, die Ressorts bestücken, die nicht an die Aktualitätslage von Corona geknüpft sind, aber von den ganzen Maßnahmen betroffen sind. Wir gucken in die Röhre“, sagt Michael Neher, der seine Nische als Autojournalist mit Fokus auf Norddeutschland gefunden hat – und damit viele Jahre gut gefahren ist. Er sei mit verschiedenen Auftraggebern breit aufgestellt, zählt sich gar zu den reichweitenstarken Journalisten seiner Region in seinem Themenbereich. „Aber Corona hat mich ausgebremst und deutlich getroffen. Meine Arbeit ist lokalspezifisch. Der Shutdown raubt mir die Themen und Anlässe für die Berichterstattung.“

 

Neher spricht offen über den Verlust in seiner Bilanz – und das Loch auf dem Konto: Im April 2020 war sein Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 49 Prozent eingebrochen. Im Mai waren es minus 44 Prozent, im August 47 Prozent weniger. Zwischendurch rettete ihn ein verzögerter Zahlungseingang aus den starken Monaten vor dem Pandemie-Ausbruch. „In jedem kleinen Unternehmen klingeln schon bei minus zehn Prozent alle Alarmglocken. Ich hatte über das Gesamtjahr einen Rückgang von 28 Prozent zu verkraften“, sagt Neher. Was ihn dabei doppelt frustriert: „Ich erfülle trotzdem bisher für keine Überbrückungshilfe die Kriterien.“

 

Eigentlich hat die Regierung die unverschuldete wirtschaftliche Not vieler Unternehmen und Arbeitnehmer anerkannt, springt mit Subventionen ein. Auch Soloselbstständigen stellt sie Gelder in Aussicht: Soforthilfen, Grundsicherung, Novemberhilfe – schließlich die sogenannte Neustarthilfe als vermeintlicher Hoffnungsschimmer zum Jahresstart. Neher schaltete sich bei einem Webinar zur Antragsberatung zu – und verließ die Infoveranstaltung frustriert. Warum, das erklärt Michael Hirschler, DJV-Referent für freien Journalismus: Der kreative Mittelstand fällt einmal mehr aus dem System effektiver Hilfen. 

 

Während nämlich anderswo unbürokratische Unterstützung angelaufen ist, machen die Deutschen es kompliziert. „In England haben sie beispielsweise Selbstständigen pauschal 80 Prozent des Durchschnittsverdienstes der vergangenen drei Jahre ausgezahlt, gedeckelt bei 2.800 Euro monatlich“, sagt Hirschler. Und bei uns? Die sogenannte Neustarthilfe, die zunächst auf 5.000 Euro gedeckelt war und im Lauf des Januars auf 7.500 Euro aufgestockt wurde, ist ein bürokratisches Monster: Es gibt als Zuschuss höchstens ein Viertel des Umsatzes aus den ersten sieben Monaten des Jahre 2019 ausgezahlt, also 25 Prozent von sieben Zwölfteln des Vorjahresumsatzes. Umgerechnet bedeutet das, dass man 2019 pro Monat mindestens 4.285 Euro verdient haben muss, um nun einmalig 7.500 Euro Staatshilfe zu erhalten. 

 

Jedenfalls theoretisch. Denn die Hilfe ist wiederum als Einkommen zu versteuern. Und weil der Staat nicht diejenigen subventionieren will, die es gar nicht nötig haben, sind später die Umsätze im ersten Halbjahr 2021 nachzureichen. Liegen diese dann höher als zuvor, verlangt der Staat Geld zurück. Autojournalist Neher findet nicht nur die Regeln kompliziert, sondern auch die Botschaft dahinter fatal: „Womöglich unterstellen sie im Nachhinein noch, dass man sich Subventionen erschleichen wollte“, sagt er. Das schreckt viele Selbstständige ab: Fast drei Viertel haben der aktuellen DJV-Umfrage zufolge keine der Sofort- oder Überbrückungshilfen in Anspruch genommen.

 

"Besonders hart trifft es Foto- und Kulturjournalisten, denen ohne Veranstaltungen die Termine fehlen."

 

Die staatliche Hilfe hält sich in engen Grenzen – und verursacht auch noch jede Menge Papierarbeit. Und die Enttäuschung ist symptomatisch für das, was die Regierung bislang alles nicht für journalistische Freiberufler mit Corona-Blues geleistet hat. Schon bei der Soforthilfe im Frühjahr 2020 war die Freude über etwas Überbrückungsgeld beim Blick auf die Details schnell vergangen. Damals erstattete der Staat nämlich nur betriebliche Fixkosten, also Mieten oder Reisekosten. Die sind bei freiberuflichen Journalisten aber meist denkbar gering – vor allem während einer Auftragsflaute. Für Lebenshaltungskosten oder Honorarausfälle griff das Hilfspaket nicht. Wer es damals in der irrigen Annahme beantragte, ihm stünde das Geld zu, muss es inzwischen oft zurückzahlen, berichtet DJV-Experte Hirschler. 

 

Verlage begegnen Umsatzeinbrüchen

 

Es ist nicht sonderlich erfolgversprechend, in der Krise auf öffentliche Unterstützung zu bauen – und freiberufliche Journalisten tun gut daran, alternative Einnahmequellen zu suchen. Manche überwinterten mit PR-Jobs, andere versuchen es mit verstärkter Neukunden-Akquise. Dafür allerdings sind die Zeiten auch nicht gerade rosig – denn die Budgets für Freie gehen in der Tendenz zurück. Beispiel Spiegel-Gruppe: Die hatte im Dezember einen sogenannten „sozial verträglichen“ Stellenabbau angekündigt. In einer solchen Lage gilt es nicht als opportun, verstärkt Aufträge rauszugeben. „Um den coronabedingten Umsatzeinbrüchen zu begegnen, hat auch die Spiegel-Gruppe intensiv an Kosteneinsparungen gearbeitet“, teilt der Verlag auf Anfrage mit: „Bei Honorarbudgets wurde dabei sehr maßvoll gegengesteuert.“

 

Heißt im Klartext: Die Töpfe schrumpfen. Mit Ausnahme für jene, die eben zum Thema der Stunde schreiben: „Gerade das erheblich gestiegene Informationsbedürfnis bei den Lesern – nach Ressorts natürlich unterschiedlich – hat es in den meisten Fällen ermöglicht, an der Partnerschaft mit den freien Mitarbeitern festzuhalten. Sie liegt auch im Interesse des Spiegels.“ 

 

Eine Akquise-Welle freiberuflicher Journalisten auf der Suche nach neuen Auftraggebern hat der Spiegel aber nicht erlebt. „In den Ressorts, in denen wir viel mit Freien arbeiten, sind das meist langjährig gewachsene Beziehungen“, heißt es auf Anfrage. „Grundsätzlich sind wir aber immer offen, wenn neue Kollegen und Kolleginnen ihre Texte anbieten.“

 

„Es war auch vor Corona nicht einfach“

 

Autojournalist Neher hat auch keine neuen Redaktionen als potenzielle Auftraggeber kontaktiert. Die Chancen auf eine Festanstellung – ein weiterer möglicher Ausweg aus der Krise – schätzt er ebenfalls schlecht ein. „Es ist nicht einfach, und es war auch schon vor Corona nicht einfach. In meinem Bereich wird nicht händeringend gesucht, eigentlich wartet niemand auf mich.“ Manchmal hätten sich neue Kontakte bei Veranstaltungen ergeben. „Das findet jetzt während Corona aber alles nicht statt.“ So bleibt der Beruf auf Sparflamme: Neher liefert noch ein paar Servicethemen, schreibt zudem auf seiner eigenen Website, einem Branchenportal. „So finde ich immerhin statt“, sagt er. „Aber meinen Lebensunterhalt kann ich damit nicht finanzieren.“ Auch im Frühjahr, eigentlich seine erfolgreichste Jahreszeit, ist bisher keine Änderung in Sicht. Im Gegenteil: In den ersten Monaten des Jahres gingen die Einnahmen weiter Richtung null.

 

Am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität München forscht aktuell ein Wissenschaftler-Team um Thomas Hanitzsch zu den Prekarisierungstendenzen im Journalismus. Eine erste Befragung innerhalb des Projekts bestätigt: Die Situation hat sich seit Corona verschärft. Im vergangenen Winter berichteten fast 80 Prozent der befragten freien Journalisten von Honorareinbußen seit dem Pandemieausbruch. Und bei weit mehr als der Hälfte von diesen sorge das für Existenzängste, zeigen die Studienergebnisse aus München.

 

Die Angst ist begründet: Der DJV-NRW-Umfrage zufolge konnten schon im August 38 Prozent der Kollegen den eigenen Angaben zufolge Defizite nicht mehr auffangen, weil ihre Rücklagen so gut wie aufgebraucht seien. Laut der DJV-Befragung im Februar musste jeder Fünfte bereits seine Altersvorsorge auflösen. „Natürlich musste ich immer mal eine Delle in der Auftragslage hinnehmen“, sagt Neher. „Aber Corona ist ein Brandbeschleuniger. An den verschiedensten Stellen zeigt sich plötzlich, wie dünn das Eis ist, auf dem Freie stehen.“

 

Die Rücklagen neigen sich dem Ende

 

Der Brandbeschleuniger wurde zusammen mit dem Brennglas aus der Metaphernkiste gekramt und in der Corona-Krise immer wieder angewandt. Tatsächlich legt die Pandemie strukturelle Missstände offen, die schon lange zuvor nach Veränderung riefen. Fehlende Rücklagen freiberuflicher Journalisten sind so ein Dauerthema. Jeder Dritte hatte schon im Frühjahr 2020 keine nennenswerten Ersparnisse ; bei rund 40 Prozent belief sich das Sparvermögen auf weniger als 60.000 Euro. 

 

Angesichts der prekären Einkommenslage vieler Freiberufler ist das keine Überraschung. „Die Krise muss allen klar gemacht haben, dass für einen großen Teil der Selbstständigen alles nicht stimmt – ob es das Einkommen oder das Absicherungssystem ist“, sagt Hirschler. „Ich sehe nicht, dass daraus auch strukturelle Lehren gezogen werden.“ Im Gegenteil: In Gesprächen mit der Politik stoße er zwar immer wieder auf Verständnis und offene Ohren, aber nie auf nennenswerte Zugeständnisse. So ist das Leben vieler freier Journalisten in der Krise nicht prekär geworden – sondern geblieben.

 

Prekäre Zahlen

 

Wie prekär geht es im deutschen Journalismus zu?

Die Frage ist mit der Corona-Krise brisanter denn je, doch sie ist eben auch nicht neu. Jana Rick und Thomas Hanitzsch vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München gehen ihr in einem DFG-geförderten Forschungsprojekt nach. Es ist im Oktober 2020 mit einer standardisierten Online-Befragung gestartet. Bis 2022 wollen die Wissenschaftler auf die Strukturen ebenso wie auf die subjektive Wahrnehmung der einzelnen Journalist*innen schauen.

 

Die ersten Ergebnisse zeigen das Ausmaß der Prekarisierungstendenzen im Journalismus und wie sich diese mit der Pandemie verschärft haben. „Das sind in der Tat keine guten Nachrichten“, schreibt Projektleiter Hanitzsch auf Twitter und stellt die zentrale Frage: „Was macht das mit unserer Gesellschaft, wenn ein Pfeiler der Demokratie durch zunehmende Prekarisierung erodiert?“ Neben den Unsicherheiten und dem Niedrigverdienst der Journalist*innen droht Qualitätsverlust. Fast 60 Prozent der befragten Journalistinnen und Journalisten in Deutschland sehen in prekären Arbeitsverhältnissen eine Gefahr für die Qualität des Journalismus.

 

Weitere Daten dazu sollen demnächst folgen, kündigen die Wissenschaftler aus München an. Der ausführliche Forschungsbericht findet sich hier.

 

Bei einer aktuellen Umfrage des DJV unter 1.090 freien Journalist*innen kam heraus, dass mehr als zwei Drittel von ihnen im Jahr 2020 einen Rückgang von Aufträgen verzeichnet haben, knapp ein Drittel traf es dabei besonders hart (mehr als 50 Prozent Auftragsrückgang). Fast jeder zehnte Freie hat sogar keine Aufträge mehr bekommen.

 

Fast jeder fünfte der Befragten musste Altersvorsorgevermögen auflösen. Von staatlichen Finanzspritzen oder Sozialleistungen haben die meisten freien Journalist*innen seit Beginn der Krise dagegen nichts gesehen. Die komplette Auswertung.

 

Caroline Lindekamp ist Redakteurin in der Kölner Wirtschaftsredaktion Wortwert. 

 

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