Redaktionswerkstatt

Was Sie noch nicht über Twitter wussten

21.12.2020

Twitter ist längst zum wichtigsten Kommunikationstool für Journalist*innen geworden. Während die Basics der Bedienung den meisten bekannt sind, gibt es ein paar Finessen und Tricks, die viele nicht kennen. Von Sebastian Pertsch

Vom breitenlosen Leerzeichen über das Media Studio bis hin zur User-ID: Tipps, die Journalist*innen die Arbeit mit Twitter erleichtern

Hashtags

 

Hashtags werden heutzutage glücklicherweise nicht mehr so massenhaft benutzt wie noch vor einigen Jahren. Damals war es allein aus grafischen Gründen fast schon eine unwürdige Selbstverständlichkeit, dass es mehr als drei Hashtags pro Tweet gab. Sie störten den Lesefluss massiv. Auch weil Twitter die Trends und Suchen anders gestrickt hat, sind reguläre Wörter als Hashtag kaum oder nicht mehr notwendig. Nur für Veranstaltungen oder bei besonderen Ereignissen sind sie immer noch sinnvoll – oder ein, zwei Schlagworte als Eyecatcher.

 

Breitenlose Leerzeichen

 

Eine besondere Herausforderung ist es, Hashtags und Handles im Deutschen stets grammatikalisch sauber darzustellen und dabei den Unique Link zu erhalten. Konstrukte wie ein zusätzliches Leerzeichen (Freu Dich des #Leben s), gesonderte Zeichen wie ein senkrechter Strich (@JoeBiden|s Wahl) oder ein falscher Apostroph (#Impfstoff'e) wirken bei s-Genitiv oder Plural wenig elegant.

 

Hier hilft das breitenlose Leerzeichen, ein unsichtbares Steuerzeichen, das dieses Kunststück ermöglicht: Link und Grammatik sind korrekt (Freu Dich des #Lebens, @JoeBidens Wahl, #Impfstoffe). Das breitenlose Leerzeichen gibt es allerdings auf keiner Tastatur, und es lässt sich auch nicht per Shortcut herbeizaubern. Es gibt aber zahlreiche Websites, die das unsichtbare Zeichen zum Kopieren anbieten, zum Beispiel: cutt.ly/leerzeichen.

 

So geht’s: Den vermeintlich leeren Text im Feld Input test markieren, kopieren und dann in den gewünschten Text einfügen. Legen Sie die Seite als Lesezeichen im Browser ab, oder kopieren Sie das Steuerungszeichen in einen unformatierten Texteditor und speichern Sie die Datei lokal ab. Auch für Smartphones gibt es Lösungen: Virtuelle Tastaturen wie SwiftKey für Android erlauben auch benutzerdefinierte Zwischenablagen, sodass dieses Zeichen mit nur drei Klicks in einen Tweet eingefügt werden kann.

 

Kurzlinks

 

Kurz-URL-Dienste wie bit.ly, ow.ly oder TinyURL sind seit 2011 aus drei Gründen ein No-Go auf Twitter, denn erstens spielt es seitdem keine Rolle mehr, wie lang ein Link in einem Tweet ist – jeder Link benötigt dank des damals eingeführten Twitter-Shorteners t.co exakt 23 Zeichen. Um in einem Tweet Zeichen zu sparen, werden URL-Shortener also nicht mehr gebraucht. Zweitens werden URLs im Tweet textlich abgekürzt oder verschwinden gar am Ende eines Tweets vollständig, sodass die Links auch nicht mehr das Lesen stören. Und drittens gibt Twitter nur den eingegebenen Kurzlink des URL-Shorteners, nicht aber den Link des Ziels aus. Das birgt, vom Tracking einmal abgesehen, ganz reelle Gefahren: Der Nutzer kann das eigentliche Ziel des Links nicht erkennen. Ist es die Domain eines seriösen Nachrichtenmagazins oder eine dubiose und gefährliche Website? Welches Ziel hat der Kurzlink cutt.ly/journalist? Ein weiteres Risiko: Die Weiterleitung kann auch nachträglich verändert werden. So könnte sie beispielsweise tagelang zu einer seriösen Quelle führen, während sich der Kurzlink stark verbreitet – und plötzlich wird sie manipuliert und führt zu einer anderen Website.

 

Retweets

 

Schon seit mehr als vier Jahren können eigene Tweets retweetet werden. Machen Sie davon Gebrauch bei erfolgreichen Tweets und bei Inhalten, die Sie noch einmal pushen möchten, ohne einen neuen Tweet aufzusetzen. Aber gehen Sie dennoch sparsam mit dieser Funktion um. Die Nachrichtenagentur Reuters übertreibt es beispielsweise mit den Retweets und neuen Tweets bereits veröffentlichter Videos – da vergeht den Nutzern die Lust.

 

Barrierefreiheit

 

Alle Menschen sollen an Ihrem Tweet teilhaben dürfen! Videos müssen Untertitel besitzen (siehe auch den Punkt Media Studio), aber als gesonderte Text-Datei und nicht als im Video eingebettete Grafik, damit sie stattdessen individuell dargestellt beziehungsweise ausgelesen werden können. Schwieriger wird es auf Pressekonferenzen und bei Live-Berichten. Im Idealfall bieten Sie ergänzend einen Gebärdensprachdolmetscher und/oder Manuskripte an.

 

Alle Bilder müssen mit dem Alt-Text, also mit einer Bildbeschreibung versehen werden, für die Twitter mittlerweile etwas prominenter wirbt. 1.000 Zeichen können Sie nutzen, um zu beschreiben, was das Bild zeigt. Was einige Kolleg*innen verwechseln: Der Alternativtext ist keine reguläre Bildunterschrift wie in Print- und Onlinemedien! Stellen Sie sich einfach vor, Sie würden jemandem am Telefon ein Foto beschreiben und ausführlich alles aufzählen, was zu sehen ist. Auch Instagram bietet seit ein paar Monaten den Alt-Text an.

 

Auch wenn Twitter die Barrierefreiheit deutlich verbessert hat, monieren Vereine und Organisationen, dass einige Funktionen immer noch nicht elegant gelöst sind: blindleben.wordpress.com empfiehlt beispielsweise als Zwischenlösung, immer ein !B ans Ende eines Tweets zu setzen, sofern ein Bild mit Beschreibung folgt, damit auch sehende Twitter-Nutzer, die keinen Screenreader benutzen, erkennen können, ob es für das Bild einen Alternativtext gibt.

 

Audio-Tweets, wie sie Twitter seit Juni für iOS-Nutzer ausprobiert, schließen viele Menschen aus, weil eine textliche Ergänzung zur Sprachnachricht fehlt. Seien Sie außerdem sparsam mit Sonderzeichen, Hashtags, Mentions und Emojis. Screenreader lesen sie teils ausführlich, teils ungenau vor – das stört den Lesefluss.

 

Wussten Sie übrigens, dass die Web Content Accessibility Guidelines in der Europäischen Union seit September 2020 für Websites und ab Juni 2021 für Apps öffentlicher Stellen verbindlich sind?

 

Media Studio

 

Nutzen Sie das Twitter Media Studio (studio.twitter.com), um Videos professionell zu publizieren. Darüber können Sie zum Beispiel das Vorschaubild ändern, einen zusätzlichen Titel und eine Beschreibung unter dem Video platzieren und einen Call-to-action-Button einfügen, der in einer Ecke innerhalb des Videos auftaucht und die Zuschauer*innen auf Ihre Website führt.

 

Ferner können Sie bestimmen, dass das Video nicht in eingebetteten Tweets abgespielt werden soll. Auch ein Regio-Lock ist einstellbar. Für Medien sollten immer auch Untertitel verpflichtend sein, die sich über das Media Studio als SRT-Datei hochladen lassen. Auch für Live-Sessions führt kein Weg am Media Studio vorbei. Übrigens: Während die Länge für alle Twitter-User grundsätzlich auf zwei Minuten und 20 Sekunden reduziert ist, stehen manchen größeren Accounts und Werbekunden sogar zehn Minuten zur Verfügung – manchmal gelingt die Freischaltung auch nur über einen Accountmanager.

 

Wer schon häufiger Videos auf Twitter veröffentlicht hat, wird ein leidiges Problem kennen: Die Qualität ist deutlich schlechter als beispielsweise auf Facebook oder Instagram. Die Videos werden teils drastisch komprimiert, selbst wenn die Vorgaben zu Codec und Auflösungen perfekt eingehalten werden.

 

Juristisches

 

Lassen Sie sich als Journalist*in, Redakteur*in und auch als Medium nicht alles gefallen. Hass und Hetze sind nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt. Suchen Sie sich Unterstützung! Gibt es einen Hausjustiziar? Besprechen Sie Grundsätze mit dem Social-Media-Team, der Redaktionsleitung und den Ressorts – und stellen Sie gemeinsam Regeln beziehungsweise eine Netiquette auf.

 

Das Melden eines Tweets oder Accounts dauert im Idealfall nur wenige Sekunden. Wird urheberrechtlich geschütztes Material von Ihnen oder Ihrem Medium geklaut, handelt Twitter nach der Meldung einer Urheberrechtsverletzung zumeist recht zuverlässig und schnell (help.twitter.com/forms/dmca). Auf online-strafanzeige.de erfahren Sie, wo und wie Sie eine Anzeige bei der Polizei stellen können. Hilfe bekommen Sie auch unter hassmelden.de oder hateaid.org.

 

User-ID

 

Während das @Handle jederzeit geändert werden kann, bleibt die Twitter-User-ID einmalig. Gerade bei der Recherche oder bei juristischen Auseinandersetzungen beziehungsweise der Strafverfolgung ist es ratsam, immer auch diese Unique ID zu notieren. Über die Schnittstelle von Twitter oder über öffentliche Webdienste wie tweeterid.com können Sie die ID eines Nutzers erfahren. Mit dem Link twitter.com/i/user/101472891 (die Zahl steht für die User-ID und in diesem Fall für den Twitter-Account des journalists) verweisen Sie immer auf den gewünschten Twitter-Account, auch wenn der User sich mittlerweile umbenannt hat.

 

Verifizierte Accounts

 

Von Twitter bestätigte Accounts verlieren für kurze Zeit ihren blauen Haken, wenn sie ihr Handle geändert haben. Meist wird er nach einer Überprüfung erneut vergeben, aber dafür gibt es keine Garantie. Das Formular zum Verifizieren des eigenen Accounts hat Twitter weltweit vor drei Jahren geschlossen. Ein Antrag ist nicht mehr möglich. Neuere blaue Haken, die deutschsprachige Accounts seitdem erhielten, hat das Twitter-Deutschland-Team manuell und auch nur bei bedeutenden und/oder größeren Accounts vergeben. Für das Frühjahr 2021 plant Twitter übrigens ein Comeback, sodass Nutzer ihre Accounts selbst wieder per Antrag verifizieren lassen können.

 

Programmierschnittstelle

 

Wenn Sie sich als Journalist*in professionell mit Twitter beschäftigen und möglicherweise für ein Medium einen großen Account betreuen, sollten Sie sich unbedingt auch mit der Programmierschnittstelle, der API von Twitter vertraut machen, die Sie unter developer.twitter.com finden. Die Möglichkeiten, die sich einem eröffnen, sind einerseits gigantisch und andererseits sehr hilfreich für die redaktionelle und journalistische Arbeit.

 

Tweets ausblenden

 

Seit November 2019 erlaubt es Twitter, Tweets in den Kommentaren auszublenden. Machen Sie davon Gebrauch, wenn beispielsweise Hasstrolle versuchen, eine Debatte zu zerstören. Leider ist die Funktion noch immer etwas verbuggt, gerade über die Apps, und die Umsetzung ist nicht ideal. Aber sie können zumindest ein Stück weit toxisches Verhalten reduzieren.

 

Emojis

 

Die beliebten Piktogramme, die es erst seit der Einführung von Unicode 6 2010 gibt, sind Fluch und Segen zugleich. Mal unterstützen sie einen Tweet, mal sind sie einfach too much. Ungeachtet der Stilfrage bedenken Sie immer, dass Emojis nicht überall gleich aussehen: Je nach Betriebssystem, App, Browser, Hersteller oder Webdienst werden sie ganz unterschiedlich dargestellt, wie Sie unter emojipedia.org oder unicode.org für jeden Emoji einsehen können.

 

Direktnachricht-Button im Tweet

 

Gelegentlich bietet es sich an,  mit Ihren Leser*innen in einen privaten Kontakt zu treten, ohne die öffentlichen Replys zu nutzen. Mit dem nachfolgenden Link können Sie einen Call-to-Action-Button direkt in einen Tweet einbauen, der besonders aufmerksam macht: twitter.com/messages/compose?recipient_id= Unmittelbar nach dem Gleichheitszeichen folgt die eigene Twitter-ID (bei fremden IDs wird weder ein Button noch eine URL ausgegeben). Der Link muss am Ende eines Tweets stehen, und die Option „Nachrichten von jedem erhalten“ muss aktiviert sein.

 

Sebastian Pertsch ist Journalist, Nachrichtenredakteur, Sprecher und Sachbuchautor.

 

Newsletter

Cookie Einstellungen

Statistik-Cookies dienen der Analyse und helfen uns dabei zu verstehen, wie Besucher mit unserer Website interagieren, indem Informationen anonymisiert gesammelt werden. Auf Basis dieser Informationen können wir unsere Website für Sie weiter verbessern und optimieren.

Anbieter:

Google

Datenschutz