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"Werkzeuge wie Chat-GPT werden wir irgendwann so selbstverständlich nutzen wie Google"

Christian Stöcker (Foto: Maxim Sergienko)

Christian Stöcker: "Ich brauche kein Gerät, das Texte schreibt, das mache ich lieber selbst." (Foto: Maxim Sergienko))

Die exponentielle Entwicklung von KI erfordert nicht nur ein geändertes Mindset bei Journalisten – wir brauchen auch eine exponentiell mitgehende Regulierung, sagt Christian Stöcker. Am 16. September hält der Spiegel-Kolumnist und Professor für Digitale Kommunikation bei der DJV-Tagung Besser Online in Wuppertal die Keynote. Interview: Ute Korinth, Fotos: Dinny Stöcker, Maxim Sergienko

12.09.2023

journalist: Wie nutzt du KI beruflich?

Christian Stöcker: Ich gebe relativ viel Geld aus für Abos. Ich habe einen GPT-Pro-Account, einen Midjourney-Pro-Account und so weiter. Das ist aber überwiegend Spielerei. Die KI, die ich in meiner journalistischen Arbeit weiter am häufigsten einsetze, heißt, wie schon seit vielen Jahren, Google. Google ist im Zweifel für jemanden, der weiß, wie man recherchiert und Quellen beurteilt, nach wie vor wesentlich mächtiger als eine Maschine, die intransparente Antworten gibt. Ich brauche kein Gerät, das Texte schreibt, das mache ich lieber selbst.

Warum ignorieren immer noch so viele Menschen, dass KI unser Leben verändern wird?

Wir haben seit mindestens 50 Jahren eine exponentielle technologische Entwicklung im Bereich der Digitalisierung. Sie wird immer schneller. Das Gleiche gilt für die KI. KI-Systeme werden seit spätestens 2012 exponentiell besser. Beschleunigte Entwicklungen überfordern Menschen. Das ist eine psychologisches Grundkonstante. Hinzu kommt, dass es eine Wechselwirkung mit der wirtschaftlichen Situation im Journalismus gibt. Medienschaffende stehen enorm unter Druck. Und wenn man unter Druck steht, fällt es besonders schwer, sich auf veränderte Gegebenheiten einzustellen. Da trifft eine exponentielle Entwicklung auf ein erschöpftes Publikum. Dass das zu Abwehrtendenzen führt, ist erwartbar.

Wo kann KI tatsächlich unterstützen oder sogar ersetzen? Wo kommt sie an ihre Grenzen?

Alles, was ich sage, sage ich mit dem Hinweis, dass das eine exponentielle Entwicklung ist und meine Worte in einem Jahr vielleicht nicht mehr wahr sind. Ich habe GPT-4 mal gebeten, 30.000 Zeichen über die Geschichte der Hackerkultur zu schreiben. Dabei kam ein generischer Text heraus, der für irgendeine Linkfängerseite geeignet ist. Je klarer das Prompt ist, desto besser ist natürlich das Ergebnis. Aber der Text war meilenweit davon entfernt, geeignet zu sein, ihn als mein Werk abzugeben. Korrekte Grammatik reicht nicht für einen journalistisch guten Text. Im Moment ist die Bedrohung für weite Bereiche der journalistischen Arbeit überschaubar. Im Moment. Wie bei jeder technischen Veränderung ist es so: Je generischer eine Aufgabe ist, desto schneller lässt sie sich wegautomatisieren. KI ist eine weitere Disruptionsmacht, aber sie ist natürlich auch ein potenziell mächtiges Werkzeug für journalistische Arbeit.

Gibt es Dinge im Journalismus, die auf jeden Fall in Menschenhand bleiben?

Bei der KI-Texterstellung geht es immer um die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wort auf ein anderes folgt. Das ist etwas anderes als „ein weiser Roboter, der Texte liest und daraus Antworten ableitet“. Die KI kann Texte erzeugen, die so aussehen, als ob sie von Menschen geschrieben wären, weil sie aus Texten, die von Menschen geschrieben worden sind, gelernt hat. Das bedeutet aber nicht, dass es auch nur einen Funken von Verständnis oder Einsicht gibt. Generische Aufgaben werden verschwinden. Leute, die Katalogtexte schreiben oder Stock-Fotografie machen, sehen schweren Zeiten entgegen. Das bedeutet aber auch: Man hat mehr Zeit für urjournalistische Aufgaben. Die KI wird nicht zur Pressekonferenz gehen, sie redet nicht mit Whistleblowern und stellt keine Vertrauensbeziehungen her. Diese Aufgaben werden weiterhin von Menschen erledigt werden müssen.

Wenn wir über KI und Journalismus reden, müssen wir auch über Kennzeichnungspflicht, Regeln und das Urheberrecht reden …

Ich glaube – und habe das auch schon 2017 geäußert –, dass man Unternehmen, die KI-Systeme betreiben, verpflichten muss, Menschen mitzuteilen, wenn sie mit einer KI interagieren. Es wird schon bald KI-Systeme geben, die klingen wie ein Mensch. Die zweite Sache ist die Kennzeichnungspflicht von durch KI erzeugten Inhalten. Hier brauchen wir zeitnah eine Lösung. Der dritte Aspekt, und den finde ich wichtiger als alles andere, ist die Transparenz der Trainingsdatensätze. Die Unternehmen, die die großen KI-Systeme betreiben, müssen verpflichtet werden, die Daten vollständig offenzulegen. Wenn eine Maschine etwas erfindet, und ich nicht weiß, auf welcher Datengrundlage sie das getan hat, ist das höchst problematisch. Ich möchte wissen, was sie gelesen hat, ob sie zum Beispiel Mein Kampf gelesen hat. Und wenn ich ein Verlagshaus bin, möchte ich wissen, ob die KI mein Archiv gelesen hat und manche Fragen nur deshalb so gut beantworten kann, weil sie alles weiß, was meine Redaktion im Laufe der letzten 50 Jahre zusammengetragen hat.

„Die KI, die ich in meiner journalistischen Arbeit weiter am häufigsten einsetze, heißt, wie schon seit vielen Jahren, Google.“

Worüber genau müssen wir reden?

Ich bin bekannterweise kein Fan des Leistungsschutzrechts. Aber im Zusammenhang mit KI wird die Diskussion darüber, wer eigentlich was dafür bekommt, dass Material genutzt wird, um einen Wert daraus zu schöpfen, eine ganz andere Dynamik bekommen. Im Moment versuchen sich die Unternehmen mit Händen und Füßen dagegen zu wehren, ihre Trainingsdatensätze offenzulegen. Open­AI sagt: „Data are Technology.“ Und das ist ziemlich unverschämt denjenigen gegenüber, die diese Daten erzeugt oder deren Erzeugung finanziert haben.

Geht der AI Act der Europäischen Union da weit genug?

Im AI Act ist generative KI im Prinzip noch gar nicht mitgedacht. Das Gesetz betrifft andere Anwendungsfälle, der Themenkomplex der Text- und Bilderzeugung kommt da höchstens in ganz abstrakter Form vor. Das ist kein Gesetz, das geeignet ist, GPT-4 zu regulieren. Das ist genau das Problem. Wir haben eine exponentielle Entwicklung. Das bedeutet, wir bräuchten auch exponentiell mitgehende Regulierung. Leider sind unsere Regulierungssysteme eher ungeeignet für exponentielle Beschleunigung. Das Problem hatten wir bei der Digitalisierung schon. Jetzt potenziert sich das.

Würde es uns allen zum Verständnis der Entwicklungen helfen, ein wenig mehr Zeit in die Lektüre von Science Fiction zu investieren?

Leute, die Zukunftstechnologien entwickeln, lesen gern Science Fiction, also Bücher, in denen über die Zukunft nachgedacht wird. Iain M. Banks gilt als Lieblingsautor von Elon Musk, Mark Zuckerberg und Demis Hassabis von Google Deepmind. Es ist auf jeden Fall interessant, diese Bücher zu lesen, weil man sich dann ein bisschen besser vorstellen kann, was in den Köpfen dieser Leute vorgeht.

Welche Werkzeuge brauchen Medienschaffende für den Umgang mit KI?

Wir werden Werkzeuge wie Chat-GPT irgendwann so selbstverständlich nutzen wie heute Google. Wir werden sie dann nicht mehr explizit KI nennen. Datenjournalismus wird zeitsparender werden. Wir brauchen professionelle Interaktion mit der Software und gute Kenntnisse im Prompting. Ziel sollte ein effektiverer Umgang sein, um Zeit zu sparen.

Wir brauchen auch ein geändertes Mindset. Wo siehst du hier die Verpflichtung von Medienschaffenden?

Der Journalismus sollte es als seine Verpflichtung wahrnehmen, die Veränderungen, die sich auf diesem Planeten abspielen, so weit wie möglich zu durchdringen, verständlich zu machen und Entwicklungslinien aufzuzeigen. All das, was Journalismus sowieso machen soll, wird dringlicher im Zeitalter exponentieller Veränderung. Der Einzelne wird sich vor allem mit dem Gedanken auseinandersetzen müssen, dass es keinen Status quo gibt. Wir hätten es gern gemütlich und wünschen uns, dass es bleibt, wie es ist. Aber so ist es halt nicht.

Christian Stöcker ist Spiegel-Kolumnist und Professor für Digitale Kommunikation an der HAW Hamburg. Am 16. September hält er bei der DJV-Tagung Besser Online in Wuppertal die Keynote.

Ute Korinth ist Journalistin und Kommunikationsexpertin und leitet im DJV den Bundesfachausschuss Online.

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