Mein Blick auf den Journalismus

Wie wir die Welt sehen

22.07.2020

In unserer Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ berichtet Ronja von Wurmb-Seibel aus Ihrer Zeit als Reporterin in Kabul – umgeben von Armut, Gewalt und Krieg. Wie schafft man es, in so einem schier ausweglosen Umfeld Geschichten zu schreiben, die nicht voller Leere und Zerstörung sind? Geschichten zu schreiben, die Mut machen. Und was hat das alles mit uns in Deutschland zu tun?

"Die Welt in unseren Köpfen ist gefährlicher als die Welt da draußen", sagt Ronja von Wurmb-Seibel. (Foto: Niklas Schenck)

Vergangenen Sommer ist meine Oma gestorben. Sie wurde 91 Jahre alt und hat ihr ganzes Leben in einem kleinen Städtchen verbracht, Haltern am See. Es ist ein beschaulicher Ort. Heute leben dort etwas mehr als 38.000 Menschen. Von dort, wo ich aufgewachsen bin, in einem Vorort im Westen von München, bis nach Haltern waren es acht Stunden. Als Kind habe ich meine Oma also vor allem in den Ferien gesehen und von einem Treffen bis zum nächsten vergingen oft Monate. Jedes Mal, wenn wir sie besuchten, berichtete meine Oma, was in der Zwischenzeit passiert war: in ihrer Großfamilie, in ihrem Bekanntenkreis, in dem kleinen Städtchen. Und jedes Mal waren die Neuigkeiten schrecklich: Jemand war ausgeraubt worden, an Krebs erkrankt, hatte eine Fehlgeburt erlitten, einen Job verloren, war spielsüchtig geworden oder viel zu früh gestorben. Obwohl es mehr als zwei Jahrzehnte her ist, kann ich mich noch genau an den Tag erinnern, an dem ich dachte: die armen Menschen in Haltern. Ständig passiert irgendein Unglück! Das Leben dort ist viel gefährlicher als bei uns zu Hause. Was haben die nur für ein Pech! Erst viele Jahre später verstand ich, dass das nicht stimmte. Denn neben den beunruhigenden Neuigkeiten, die meine Oma zu berichten hatte, gab es natürlich auch andere – bloß erschienen die eben nicht berichtenswert, oder vielleicht: nicht spannend genug, nicht außergewöhnlich. Als ich diese Tatsache verstand, war ich bereits Journalistin geworden und mein Blick, vor allem mein beruflicher, hatte sich dem meiner Oma angenähert. Mein Job war es, nach Neuigkeiten zu suchen, und weil ich hoffte, die Welt mit meiner Arbeit ein bisschen besser machen zu können, waren die Neuigkeiten oft: Ungerechtigkeiten. Missstände. Ich berichtete über den katastrophalen Zustand des griechischen Gesundheitssystem während der Finanzkrise 2012. Ich besuchte Apotheken in Athen, die kaum noch Medikamente zu verkaufen hatten, sprach mit Wartenden in Arztpraxen, die Angst hatten, nicht mehr behandelt zu werden, und besuchte ein Krankenhaus, in dem Patient*innen auf den Fluren aneinandergereiht in ihren Betten lagen. Ich schrieb über die mangelnde Versorgung traumatisierter Bundeswehrsoldaten, ließ mir die Bilder zeigen, die sich in ihre Herzen eingebrannt hatten – blutige Körper, abgerissene Beine, ein von einer Bombe zerfetzter Bus – und las die Beurteilungen vonseiten der Regierung, denen zufolge die Traumata der Soldaten nicht auf den Afghanistan-Einsatz, sondern auf eine schwierige Kindheit zurückzuführen waren. Ich recherchierte über Kinderarmut in Hamburg, traf Schüler*innen, die zu Hause weder Frühstück noch Mittagessen bekamen, und sprach mit einem Sozialarbeiter, der erzählte, dass viele Jugendliche außer „arbeitslos“ und „Superstar“ keine Visionen für ihre Zukunft kennen würden. Probleme suchen und finden – das war nicht etwas, das zu meinem Beruf gehörte. Es war das, was meinen Beruf ausmachte. Jedenfalls so wie ich ihn damals verstand. Das änderte sich im Herbst 2013, als ich beschloss, nach Kabul zu ziehen. Ich war damals 27, hatte kein finanzielles Polster und keine Vorstellung davon, wie ich für meine Sicherheit sorgen würde. Aber ich wusste auch: Wenn ich das wirklich will – in Afghanistan leben – dann würde ich es schon hinkriegen.

 

"Ich wollte zeigen, dass es für jeden Missstand einen Ausweg gibt. Dass wir jede, wirklich jede Geschichte so erzählen können, dass sie uns Mut macht."

 

Vor meiner Abreise hatte ich in Gedanken einige Worst-Case-Szenarien durchgespielt: Wenn ich mich nicht wohlfühlen würde oder unsicher, würde ich sofort wieder abreisen – ich versprach mir selbst, nicht unnötig Heldinnenmut zu beweisen. Wenn ich verletzt oder angeschossen würde, wüsste ich, wie ich mich selbst notdürftig erstversorgen könnte. Wenn ich entführt werden sollte, würde meine Familie schnell davon erfahren, weil ich mich alle paar Stunden bei meinem Bruder meldete. Er hatte eine Liste von Kontakten, die alles Notwendige in die Wege leiten würde, wenn er länger nicht von mir hören sollte. Ich hatte eine Versicherung, die Lösegeld bis zu einer halben Millionen Euro bezahlen würde. Und auch für den Fall, dass ich sterben sollte, war alles geregelt. Ich hatte ein Testament geschrieben und meine Beerdigung geplant. Sogar die Einladung hatte ich vorbereitet, „Meine allerletzte Party“ stand vorne drauf. Ich hatte an alles gedacht. Jedenfalls glaubte ich das Die erste Geschichte, die ich in Kabul recherchierte, handelte von drogensüchtigen Kindern. Ich fuhr in eines der vielen Armenviertel und besuchte eine Familie, in der zuerst der Vater, dann die Mutter drogensüchtig geworden waren und deren vier Kinder nun auch alle abhängig waren. Eine andere Frau, die ich im Büro einer NGO traf, hatte acht Kinder. Sie alle waren abhängig, auch der Jüngste, ein Baby, gerade mal ein Jahr alt. Als mir die älteste Tochter die Geschichte ihrer Familie erzählte, fühlte es sich an, als zerbräche mein Herz in tausend Stücke. „Ich heiße Faima und bin 14 Jahre alt. Ich nehme vier oder fünf Mal am Tag Drogen: Marihuana, Opium, Heroin. Meine Geschwister auch. Meine Mutter bettelt, mein Vater ist den ganzen Tag zu Hause und raucht. Gerade hat er geschlafen, wir haben ihn eingesperrt und uns weggeschlichen. Wenn er bemerkt, dass wir hier sind, verprügelt er uns.“

„Bist du gerade high?“

„Ja. Als die Frau von der NGO uns fragte, ob wir mitkommen können, war ich dabei, Heroin zu nehmen.“

„Was hältst du von den Drogen?“

„Sie sind gut.“

„Warum?“

„Ich fühle mich ruhig, wenn ich sie nehme. Ich habe keine Schmerzen mehr.“

„Weißt du, wann du angefangen hast?“

„Ich war hungrig und wir hatten nichts zu essen. Da hat mein Vater mir Opium gegeben und gesagt: Hier, danach wirst du dich besser fühlen. Meine Geschwister und ich verkaufen Plastiktüten in der Stadt, um Geld für meinen Vater zu verdienen. Dann kaufen wir Drogen und bringen sie nach Hause. Ich bin verlobt. Mein Vater hat gesagt: Wir haben kein Geld, du solltest heiraten.“

„Wie findest du das?“

„Ich hoffe, ich kann dann aufhören. Ich werde nicht mehr daheim wohnen und nicht mehr so arm sein, das macht es leichter. Aber ich werde meine Geschwister vermissen.“

„Fühlst du dich für sie verantwortlich?“

„Klar, ich bin die Älteste. Ich kümmere mich um sie. Bald muss meine Schwester Shila das machen, sie ist zwölf Jahre alt. Ich bringe ihr schon alles bei, was wichtig ist.“

„Was heißt alles?“

„Wie man Drogen zubereitet. Das mache sonst immer ich.“

„Und was denkst du über deinen Vater?“

„Ich bin wütend auf ihn. Wegen der Drogen. Und weil er uns nicht zur Schule gehen lässt. Wir müssen jetzt gehen. Ich will zu Hause sein, bevor er aufwacht.“ Ihre Mutter saß während des Gesprächs daneben. Sie sagte mir, es mache sie traurig, wenn sie ihre Kinder so sehe. „Es erinnert mich an die Zeit, als ich so alt war wie sie. Daran, wie ich angefangen habe.“ Als ich der Tochter dabei zuhörte, wie sie über ihre Zukunft sprach, fühlte ich eine Ohnmacht, wie ich sie nie zuvor und nie danach wieder erlebt habe. Am Abend nach diesem Gespräch konnte ich nicht aufhören zu denken. Egal, in welche Richtung ich mir das Schicksal dieser Familie ausmalte, ich sah keinen Ausweg. Mir wurde schlecht, ich bekam Kopfweh und merkte, dass ich irgendetwas Positives an dieser Geschichte finden musste, damit ich es überhaupt schaffen würde, weiter an ihr zu arbeiten. Aussichten auf Besserung gab es im Grunde nicht. Die Helfer*innen, die versuchten, den Familien zur Seite zu stehen, waren vollkommen unterfinanziert, und Drogensüchtige wurden in der Gesellschaft extrem stigmatisiert. Ein Mitarbeiter der UN erzählte, dass in vielen Orten nicht mal die Leichen der Süchtigen auf dem Friedhof begraben werden dürfen. Und die Drogen waren nur eins von vielen Problemen, vielleicht sogar nur: das Symptom. Armut, Gewalt, Hunger, Krieg. Alles Dinge, die sich nun mal nicht einfach so ändern ließen. Ich fand bei meiner Suche nach etwas Gutem also nur etwas Winziges, noch kleiner als ein Hoffnungsschimmer: die Liebe, die die Familien trotz allem verband. Als ich die Mutter, die ich zu Hause besucht hatte, fragte, wie sie begonnen hatte, Drogen zu nehmen, erzählte sie, dass ihr Mann ihr das erste Mal Opium gegeben habe, als sie starke Schmerzen hatte. Und dass auch sie selbst angefangen hatte, ihrer Tochter Drogen zu geben, um deren Schmerz zu stillen. Am Ende schrieb ich: „Es gibt in dieser Geschichte wenig, was Mut macht. Vielleicht sind es die beiden Töchter, die versuchen, sich gegen das Erbe ihrer Eltern zu wehren. Faima, die wütend ist auf ihren Vater, weil er ihr verbietet, sich behandeln zu lassen. Die zur Schule gehen will und sich um ihre Geschwister kümmert. Und Sorman, die versucht, sich der Droge zu verweigern, die seit acht Jahren ihr Leben bestimmt. Indem sie immer wieder sagt, sie wolle kein Opium nehmen. Viele der Menschen, die in Afghanistan süchtig werden, nehmen die Drogen als selbst verordnete Medikamente gegen die Härten des Lebens, heißt es in einem UN-Bericht von 2009. Opium als Antwort auf den Schmerz einer ganzen Nation. An dem, was es betäuben hilft, kann man ablesen, worunter die Menschen leiden: zu wenig Jobs, zu wenig Essen, zu wenig Ärzte, zu viel harte Arbeit, zu viele Krankheiten, zu viel Angst. Nadia verteufelt ihren Mann dafür, dass er ihr Opium gegeben hat, aber bei ihren Kindern macht sie dasselbe. Die 14-jährige Faima verflucht ihre Eltern für ihre Sucht, aber wenn sie an ihre Hochzeit denkt, ist ihre größte Sorge, wer danach den Geschwistern die Drogen zubereiten soll. Alle wollen den Schmerz der anderen betäuben. Und verstärken ihn nur." Nachdem ich den Text abgeschickt hatte, fühlte ich mich erschöpft, vollkommen ausgelaugt und leer. Ich dachte, es läge an meinem Arbeitspensum, am Schlafmangel, am Kulturschock – schließlich war ich erst zwei Wochen zuvor in Kabul angekommen. Aber es war etwas anders: Ich fühlte mich leer, weil die Geschichten mir jegliche Lebenskraft entzogen hatten.

 

"Die 14-jährige Faima verflucht ihre Eltern für ihre Sucht, aber wenn sie an ihre bevorstehende Hochzeit denkt, ist ihre größte Sorge, wer danach den Geschwistern die Drogen zubereiten soll. Alle wollen den Schmerz der anderen betäuben. Und verstärken ihn nur."

 

Während der nächsten eineinhalb Jahre, die ich in Kabul verbrachte, erlebte ich das immer wieder: Wenn um mich herum zu viel Negatives passierte, wenn ich zu viele aussichtslose Geschichten hörte, zog es mir den Boden unter den Füßen weg. Mit der Zeit gewöhnte ich mir an, in solchen Momenten eine Vollbremsung zu machen. Ich sagte alle Termine ab, ging für ein paar Tage nicht aus dem Haus, spielte Brettspiele, schaute Naturdokus – solange bis es mir besser ging und ich wieder für eine Weile an das Gute in der Welt glauben konnte. Nach einigen Monaten begann ich gezielt nach Geschichten zu suchen, die Mut machten – nicht aus einer politischen oder journalistischen Agenda heraus, sondern weil ich Angst hatte, sonst komplett durchzudrehen. Ich brauchte die Geschichten, ich brauchte den Mut und die Zuversicht, die sie mir gaben. Was ich fand, waren nicht: Geschichten ohne Probleme. Es waren Geschichten, in denen es um mehr ging als nur um ein Problem. Problem plus X. Im besten (und im seltensten) Fall war das X die Lösung des Problems. Deutlich öfter war es eine Person, die alles dafür gab, damit sich Dinge ändern, die damit anderen Zuversicht schenkte; eine Idee – auch wenn sie noch weit weg erschien; Menschen, die nicht aufgaben. Ich wollte zeigen, dass es für jeden Missstand einen Ausweg gibt. Dass wir jede, wirklich jede Geschichte so erzählen können, dass sie uns Mut macht. Daran glaube ich bis heute, aus ganzem Herzen: Es gibt in jeder Situation einen Lichtblick. Manchmal müssen wir nur sehr lange und sehr genau danach suchen. Als ich zurück nach Deutschland zog, begannen mein Partner und ich, einen Dokumentarfilm zu planen. Wir wollten mit Überlebenden eines Selbstmordanschlags in Kabul sprechen. Wir dachten, es würde ein Film über die Folgen des Kriegs werden; das Trauma, dass die, die ihn erleben müssen, noch jahrzehntelang begleitet. Am Ende wurde es ein Film über das Weitermachen, das Nicht-Aufgeben; nicht nur eine Geschichte über das Überleben, sondern über das Leben selbst. Für den Film beschäftigte ich mich, über die konkrete Geschichte hinaus, mit Terror und mit der Angst, die er auslöst. Dabei stieß ich auf das Buch The Psychology of Terrorism Fears von Samuel Justin Sinclair und Daniel Antonius. Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie sich die Angst vor Terroranschlägen auf unsere Gesellschaft auswirkt. „Obwohl sich die Raten psychischer Beeinträchtigung in den Monaten und Jahren nach einem Terroranschlag wieder normalisieren, gibt es Fakten, die nahelegen, dass Ängste vor künftigen Bedrohungen die Menschen auch weiterhin auf signifikante Weise beeinträchtigen.” Die Autoren beschreiben, dass die andauernden Nachrichten über mögliche Bedrohungen nach dem Anschlag vom 11. September 2001 den gleichen Effekt gehabt hätten „als wenn jemand dir entgegen schreien würde, dass du nur zeitlich begrenzt und vergänglich bist“. Mit der Zeit könne dieses Dauerfeuer an Warnungen zu einem apathischen Gefühl führen. Was mich am meisten überraschte: Die Forscher hatten herausgefunden, dass davon nicht nur diejenigen betroffen waren, die Terrorismus tatsächlich erlebt hatten, sondern auch diejenigen, die ständig Berichte und Warnungen über Terrorismus hörten oder sahen. Mit anderen Worten: Nachrichtenkonsum kann dazu führen, dass wir uns ähnlich fühlen und verhalten wie jemand, der tatsächlich einen Terroranschlag erlebt hat.

Der Traumaforscher Dr. Philip Zimbardo hat in diesem Zusammenhang sogar einen neuen Begriff geprägt. Er spricht vom „Pre-Traumatic Stress Syndrome“. Anders als beim „Post-Traumatic Stress Syndrome“ entsteht der Stress nicht, nachdem das traumatische Ereignis passiert ist, sondern bevor es passiert. Und in vielen Fällen sogar: ohne, dass es überhaupt jemals passiert. Das gilt nicht nur für Terror, sondern für alles, was uns in Angst versetzen kann. Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen, Flugzeugabstürze,  eine Pandemie. Je mehr Warnungen wir über eine Bedrohung hören, desto mehr Angst haben wir, dass wir selbst davon betroffen sein könnten. Das, was uns eigentlich schützen soll – Informationen, Warnungen, Sicherheitshinweise – macht uns kaputt, wenn wir es zu oft hören. The Perils of Perception, also „Tücken der Wahrnehmung“, heißt eine britische Studie, die Unterschiede zwischen Wahrnehmung und Realität untersucht. Seit 2012 haben die Forscher*innen mehr als 200.000 Interviews in mehr als 40 Ländern geführt. Ihr Ergebnis: „We’re wrong about nearly everything.” Wir halten die Welt für schlechter als sie ist – über alle Alters-, Kultur- und nationalen Grenzen hinweg. In jedem Land dachten die Befragten, dass mehr Leute an Terrorismus sterben als es tatsächlich der Fall war. Das Gleiche galt für Gewalt und Drogensucht. Wir halten die Mordrate für höher als sie ist, schätzen soziale Ungleichheit stärker ein als sie tatsächlich ist und Arbeitslosigkeit höher. Die Welt in unseren Köpfen ist gefährlicher als die Welt da draußen. Je mehr ich mich mit Angst und ihren Folgen beschäftigte, desto besser verstand ich, warum sich meine Art, Geschichten zu erzählen, so grundlegend verändert hatte: Ich sah keinen Grund dafür, die Welt noch negativer darzustellen, als sie ohnehin schon ist. Noch negativer, als wir sie ohnehin schon sehen. Bis heute schreibe ich meine Texte in dieser Haltung. Und ich habe angefangen, anderen davon zu erzählen. Seit einem Jahr gebe ich Seminare für konstruktiven Journalismus an Journalistenschulen und in Redaktionen. Es geht mir nicht darum, Negatives auszusparen, nur noch Wohlfühlgeschichten zu erzählen oder Recherchen auf irgendeine Weise „weicher” zu machen. Im Gegenteil: Gerade politische, kritische, hart recherchierte und investigative Geschichten profitieren davon, dass wir als Berichterstatter*innen auch einen Ausweg zeigen.

Zahlreiche Studien haben inzwischen erforscht, welche Effekte der dauerhafte Konsum von negativen Nachrichten auf uns hat. Wir haben Angst. Wir schämen uns. Wir haben Schuldgefühle, weil wir nicht noch mehr tun, um die Welt zu verbessern. Wir verlieren Antriebskraft, wir werden zynisch, gestresst, verhalten uns passiv. Wir sind weniger motiviert, Dinge zu verändern. Wir betrachten Missstände als unveränderlich und nicht als temporäre, änderbare Zustände. Irgendwann stecken wir in einem Zustand „gelernter Hilflosigkeit“ fest: Wir haben das Gefühl, dass wir nichts ändern können – nicht, weil das so ist, sondern weil wir es so beigebracht bekommen haben. Wenn sowieso alles den Bach runter geht, warum sollten wir uns überhaupt noch darum bemühen, dass sich die Dinge ändern? Das gilt auch für meinen Beruf: Missstände aufzudecken ist deutlich einfacher als zusätzlich Lösungswege zu beschreiben. Dass wir die Welt so negativ beurteilen, liegt nicht an schlechten Nachrichten alleine. Unser Gehirn ist evolutionsbedingt stark auf Gefahren fokussiert: 60 bis 70 Prozent der Gedanken eines erwachsenen Menschen sind negativ. In einem gewissen Rahmen ergibt das ja auch Sinn: Wenn wir auf einer Wiese stehen, auf der hundert Schafe und ein Tiger laufen, kann es uns helfen, wenn wir uns auf das Raubtier fokussieren.

Anders ist es, wenn wir irgendwann nichts anderes mehr sehen als die Gefahr. Die meiste Zeit in unserem Leben ist der Tiger ja gar nicht da. Trotzdem verbringen wir Stunden, Tage, manchmal sogar Nächte damit, uns auszumalen, was passiert, wenn er eines Tages einmal kommen sollte. Seit ich weiß, dass mein Gehirn negative Gedanken quasi magisch anzieht, fällt es mir leichter, nicht zu sehr auf diese Gedanken zu hören. Wenn ich doch einmal merke, dass ich mich in düsteren Visionen darüber verzettele, versuche ich, die Dinge um mich herum leiser zu schalten. Ich lege das Handy weg,  erinnere mich an das Gute in meinem Leben und suche nach kleinen Dingen. Jemanden zum Lachen zu bringen, einen Baum zu pflanzen oder einfach nur dafür zu sorgen, dass es mir heute, in diesem Moment, ein klein wenig besser geht. Früher hätte ich mich dafür verurteilt. „Du verschließt die Augen vor dem Leid der Welt!“, hätte ich mir gesagt. „Du lässt zu, dass diese schlimmen Dinge, von denen wir uns alle geschworen haben, dass sie nie wieder passieren sollten, Tag für Tag geschehen. Du lässt die anderen gewinnen.“ Heute denke ich: Es ist das Beste, was du tun kannst. Du kannst nicht jeden Kampf gewinnen, und wenn du kämpfen willst, dann brauchst du Kraft. Die Welt verändern – das geht nur in kleinen Schritten.

 

Ronja von Wurmb-Seibel war Redakteurin im Politik-Ressort der Zeit, bevor sie 2013 mit 27 Jahren als freie Reporterin nach Kabul ging. Inzwischen arbeitet sie als Autorin, Filmemacherin und Journalistin in Hamburg. Über ihre Zeit in Afghanistan hat Ronja von Wurmb-Seibel das Buch "Ausgerechnet Kabul" geschrieben.

 

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland

Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin

Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds

Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine

Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de

Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur

Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler

Teil 8: Julia Bönisch, Chefredakteurin von sz.de

Teil 9: Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin

Teil 10: Barbara Hans, Spiegel-Chefredakteurin

Teil 11: Sascha Borowski, Digitalleiter Augsburger Allgemeine

Teil 12: Richard Gutjahr, freier Journalist, Start-up-Gründer und -Berater

Teil 13: Benjamin Piel, Chefredakteur Mindener Tageblatt

Teil 14: Josef Zens, Deutsches GeoForschungsZentrum

Teil 15: Christian Lindner, Berater "für Medien und öffentliches Wirken"

Teil 16: Nicole Diekmann, ZDF-Hauptstadtjournalistin

Teil 17: Carsten Fiedler, Chefredakteur Kölner Stadt-Anzeiger

Teil 18: Stella Männer, freie Journalistin

Teil 19: Ingrid Brodnig, Journalistin und Buchautorin

Teil 20: Sophie Burkhardt, Funk-Programmgeschäftsführerin

Teil 21: Ronja von Wurmb-Seibel, Autorin, Filmemacherin, Journalistin

Teil 22: Tanja Krämer, Wissenschaftsjournalistin

 

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