Mein Blick auf den Journalismus

Zeit, Verantwortung zu übernehmen!

09.09.2022

In unserer Serie "Mein Blick auf den Journalismus" erzählt Ellen Heinrichs, Gründerin des Bonn Institute, wie sie konstruktiven Journalismus versteht und wie Journalist*innen mit dem Problem umgehen können, dass immer mehr Menschen Nachrichten aus dem Weg gehen.

Ellen Heinrichs: "Journalismus, der auf Zuhören basiert, wird an Glaubwürdigkeit gewinnen." (Foto: Florian Görner)

Die Nacht auf den 15. Juli 2021 habe ich etwas oberhalb des Sahrbachtals in einem Ferienhäuschen verbracht. Der Sahrbach ist normalerweise ein Rinnsal, das in die Ahr mündet, und ich weiß noch, wie ich nach einer Wanderung am späten Nachmittag versuchte, über Twitter und Radio an Infos über den zu erwartenden Starkregen zu kommen – aber da war nichts. Und so bin ich einfach ins Bett gegangen. Ich habe nicht mitbekommen, wie unter mir in der Nacht fast ein ganzer Ort und kilometerweise Straßen von den Wassermassen weggerissen wurden. Am nächsten Morgen konnte ich die Katastrophe hören und riechen: Es stank nach Öl und Benzin, und der von 25 Zentimeter auf sechs Meter angeschwollene Sahrbach verbreitete ein Getöse, das bis auf meinen sicheren Hügel hinauf zu hören war. 

Fahren Sie mal ins Ahrtal. Schauen Sie sich an, wie es noch heute dort aussieht. Und machen Sie sich klar, dass diese Art von Zerstörung uns immer häufiger heimsuchen wird. 

Ich selbst habe viel zu lange die Augen verschlossen. Als alleinerziehende und berufstätige Mutter fand ich mein Leben he­rausfordernd genug und habe die Klimakrise lange recht gut verdrängt. Das klappt nun nicht mehr.

Schon ein paar Jahre vor der Hochwasserkatastrophe war ich ins Grübeln gekommen. Meine Tochter hatte zeitweise Symptome von Klimaangst ausgebildet, und ich tat mich schwer, ihren Sorgen angemessen zu begegnen. Schließlich hatte sie ihre Informationen aus gesicherten Quellen, wie der abendlichen Nachrichtensendung, die ich damals noch regelmäßig mit meinen Kindern schaute. Sie war also gut informiert. Die Medien sagten lediglich, wie es ist. Meine Tochter sah das anders: "Glauben die, dass man so was wirklich sehen will? Dauernd Kriege, Katastrophen und schlechte Nachrichten", schnaubte die damals 12-Jährige und schaut seitdem nur noch selten Nachrichten. Damit ist sie eine typische Vertreterin ihrer Generation. 

Immer mehr Menschen in Deutschland vermeiden den Nachrichtenkonsum. Vor allem junge Leute vertrauen darauf, dass wichtige Nachrichten den Weg schon irgendwie zu ihnen finden – sei es über Familie und Freunde, sei es über Messengerdienste oder über Influencer auf den sozialen Plattformen. Mit ein Grund für diese sogenannte News Avoidance: Nachrichten schlagen aufs Gemüt, und vielen ist nicht klar, was sie überhaupt mit ihrem eigenen Leben zu tun haben. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier über die Generation, die es mit immensen Herausforderungen zu tun bekommen wird – von der Anpassung an die Klimakrise bis hin zur Verteidigung unserer Demokratie wird es auf sie ankommen. Wünschen wir uns da nicht handlungsfähige, gut informierte Bürgerinnen und Bürger?

"Fahren Sie mal ins Ahrtal. Schauen Sie sich an, wie es noch heute dort aussieht. Und machen Sie sich klar, dass diese Art von Zerstörung uns immer häufiger heimsuchen wird."

Doch das Phänomen der Nachrichtenvermeidung erstreckt sich nicht nur auf die junge Generation. Der Reuters Institute Digital News Report 2022 hat erst vor ein paar Wochen wieder belegt, dass auch die Zahl der erwachsenen Menschen beständig steigt, die großes Unwohlsein beim Nachrichtenkonsum verspüren und ihn deshalb gerne mal vermeiden. 

Hand aufs Herz: Wie viele Menschen kennen Sie, die Ihnen im Sommer 2022 schon gesagt haben, dass sie die vielen schlechten Nachrichten nicht mehr aushalten – sei es der furchtbare Krieg in der Ukraine, seien es die Brände in Ostdeutschland, in Ferienregionen am Mittelmeer oder der Aufstieg von Feinden der Demokratie in vielen Ländern weltweit? Gehören Sie als Leserin des journalists möglicherweise sogar selbst zu der wachsenden Gruppe der sogenannten Nachrichtenvermeider? 

Die US-Journalistin Amanda Ripley hat gerade einen aufsehenerregenden Artikel in der Washington Post veröffentlicht, in dem sie zugab, nur noch selten Nachrichten zu verfolgen. Als sie daraufhin einen Therapeuten aufgesucht habe, habe der ihr angeraten, die Nachrichten doch besser zu meiden. Ripley beschreibt, wie ihr immer mehr Kolleginnen gestanden hätten, sich ebenfalls vor den Nachrichten zu drücken. Die Geständnisse "wurden immer geflüstert, als seien sie ein schmutziges kleines Geheimnis. Es erinnerte mich an die Szene in der Netflix-Doku The Social Dilemma, als all diese Tech-Manager zugaben, dass sie ihre Kinder nicht die Produkte benutzen ließen, die sie doch selber geschaffen hatten." Ripley begann der Frage nachzugehen, die auch mich seit einigen Jahren beschäftigt: Wer hat hier eigentlich ein Problem? Das Publikum oder die Nachrichten selbst?

Radikale Transformation

Ich fing an, über dieses Problem nachzudenken, als meine Tochter unter die News Avoider ging und ich beruflich für den Bereich der programmlichen Innovationen in der Deutschen Welle verantwortlich war. In der DW waren wir – wie ich bis heute meine, zu Recht – stolz darauf, dass wir mit der digitalen Transformation schon recht weit gekommen sind. Es gab eine Kultur des Experimentierens, wir waren auf allen möglichen Drittplattformen unterwegs, taten viel, um den Journalismus der DW zu den Menschen zu bringen, anstatt weiter darauf zu vertrauen, dass sie ihren Weg schon irgendwie zu uns finden würden. Doch etwas machte mich stutzig: In all den Innovations-Meetings und Strategiepapieren war kaum die Rede davon, wie der Journalismus selbst sich möglicherweise verändern müsste, wenn sich doch um uns herum gerade alles änderte. Aus vielen Gesprächen mit Branchenvertretern weiß ich: Das war damals in den allermeisten Redaktionen nicht anders. Stattdessen wurden Tools eingeführt, Prozesse verschlankt, Schichten eingespart und Paywalls hochgezogen. In vielen Häusern blieb kaum ein Stein auf dem anderen. Das war auch gut so, denn die Digitalisierung erfordert nun einmal eine radikale Transformation der Medienbranche. Respekt für alle, die in den vergangenen Jahren hart daran gearbeitet haben!

"Wir müssen Antworten auf die Frage finden, was Journalismus in einer komplexen Welt voller unwägbarer Herausforderungen und tatsächlicher Krisen leisten muss, um hilfreich und wertvoll für die Menschen zu sein." 

Doch jetzt ist es an der Zeit, den zweiten Schritt zu tun: Wir müssen verstehen, was die wertvollen journalistischen Inhalte sind, für die Menschen in Zukunft noch bereit sind, Geld auszugeben. Wir müssen Antworten auf die Frage finden, was Journalismus in einer komplexen Welt voller unwägbarer Herausforderungen und tatsächlicher Krisen leisten muss, um hilfreich und wertvoll für die Menschen zu sein. Denn eins wissen wir aus der digitalen Produktentwicklung: Nur wenn wir in einer Welt mit einer schier unendlichen Auswahl an Angeboten ein echtes Problem der Kundinnen lösen, werden sie unser Produkt auch tatsächlich nutzen und bereit sein, Geld dafür auszugeben. 

Die Zeiten, in denen Journalisten den Menschen sagten, was für sie relevant zu sein habe, die sind – zum Glück – endgültig vorbei. Journalismus, der versucht, zu „hören, was ist“, erfährt, was den Menschen wirklich wichtig ist und was sie von uns Journalistinnen wissen wollen. Wer zuhört, stellt fest, dass kaum jemand ausschließlich gut oder böse ist, ausschließlich vernünftig oder verbohrt. Wer zuhört, dem begegnet Komplexität. Journalismus, der auf Zuhören basiert, wird an Glaubwürdigkeit und Vertrauen und sicher auch an Relevanz gewinnen. 

Daher gibt es nur einen Weg, wie der Journalismus auch morgen noch relevant sein kann. Und zwar, indem er die Menschen in den Mittelpunkt allen journalistischen Denkens und Handelns stellt. Dazu gehören ein von Demut geprägtes Selbstverständnis und die Fähigkeit, mit professioneller Distanz und empathischer Zugewandtheit Fragen zu stellen. Genauso wichtig ist der Wille, wirklich verstehen zu wollen, Komplexität und Widersprüche zuzulassen, nach Problemen und möglichen Lösungen zu fahnden und konstruktive Debatten zu moderieren, statt polarisierende Diskussionen zu dirigieren.

Das alles ist konstruktiver Journalismus – nämlich Journalismus, der es nicht bei der Beschreibung von Missständen belässt, sondern der das ganze Bild in den Blick nimmt, indem er auch Lösungen recherchiert (und sie dann kritisch hinterfragt). Journalismus, der neue Perspektiven in die Berichterstattung einbindet und nicht nur Trennendes, sondern bewusst auch Verbindendes sucht. Kurz: der kritisches Arbeiten nicht mit einem Fokus auf das Negative verwechselt, und der versucht, einen echten Mehrwert für das Publikum zu schaffen. Der nicht nur fragt: Was war und was ist? Sondern der auch fragt: Was könnte sein? Und schließlich: der Verantwortung für seine Wirkung auf die Gesellschaft übernimmt. 

Das Gute ist: Unzählige Journalistinnen und Journalisten arbeiten schon so oder sind auf der Suche nach Veränderung. Sie alle eint "dieses Störgefühl", wie es neulich ein Redakteur der Leipziger Volkszeitung in einem Gespräch mit mir bezeichnete. Dieses diffuse Wissen darum, dass die Art, wie wir Journalismus gelernt und lange praktiziert haben, keinem Naturgesetz folgt. Und dass es an der Zeit ist, unser Handwerk weiterzuentwickeln.

Im Rahmen einer Studie für das Grimme-Institut habe ich 2021 mit Vertreterinnen zahlreicher Redaktionen über ihre Erfahrungen mit konstruktiven Ansätzen im Journalismus gesprochen. Überall dort, wo Redaktionsleitungen eingebunden waren und grünes Licht für Experimente mit neuen Formaten gegeben hatten, wurde mir von ermutigenden Erfolgen berichtet: Die Sächsische Zeitung verkaufte dank der lösungsorientierten Strategie ihres Chefredakteurs Uwe Vetterick mehr Abos, im WDR erlebten Redakteure weniger Hate Speech auf Facebook unter konstruktiven Videos, und Focus Online konnte messen, dass die durchschnittliche Verweildauer signifikant stieg, wenn Nutzende konstruktiven Content konsumierten. Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo führte den Auflagenerfolg der Zeit auch darauf zurück, dass die Redaktion einen Ton gefunden habe, "der auch in schwieriger Zeit einen nicht mutlos gemacht hat". 

Neuer Lokaljournalismus

Eine der coolsten investigativen Recherchen war bislang die "Sneakerjagd" des Start-ups Flip im Verbund mit Zeit, Strg_F und NDR Info. In Konstanz wurde mit Karla ein Start-up gegründet, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, ausschließlich kon­struktiven Lokaljournalismus zu machen, und der Stern zeigte, dass konstruktive Ansätze selbst in der Kriegsberichterstattung möglich sind, indem er vom Hefttitel fragte: "Ist Frieden mit Putin möglich?"

Die Antwort von Henry Kissinger auf diese Frage war übrigens nicht sehr ermutigend. Aber auch das zeigt: Es geht nicht darum, die Realität weichzuspülen. Konstruktiver Journalismus, so wie ich ihn verstehe, ist lösungsorientiert, perspektivenreich und am Dialog interessiert. Er stellt die Menschen in den Mittelpunkt. Deshalb ist er im digitalen Zeitalter die beste Antwort auf bislang nicht befriedigte Nutzerbedürfnisse.

"Das Phänomen der Nachrichtenvermeidung erstreckt sich nicht nur auf die junge Generation. Der Reuters Digital News Report 2022 hat belegt, dass auch die Zahl der erwachsenen Menschen jedweden Alters, die großes Unwohlsein beim Nachrichtenkonsum verspüren und ihn deshalb gerne mal vermeiden, beständig steigt."

Um all die zusammenzubringen, die daran arbeiten, den Journalismus in die Zukunft zu tragen, habe ich das gemeinnützige Bonn Institute für Journalismus und konstruktiven Dialog gegründet. Gesellschafter sind die Deutsche Welle, die Rheinische Post, RTL Deutschland und das Constructive Institute aus Dänemark – eine bislang einmalige Allianz privater, öffentlich-rechtlicher, regionaler, nationaler und internationaler Akteure. Finanzielle Unterstützung kommt vom Land Nordrhein-Westfalen. Beraten werden wir von einem Kuratorium, das seinerseits für konstruktives Nachdenken über die Zukunft steht: Mit dabei sind unter anderen Journalismus-Professor Jay Rosen, Medienmanager Wolfgang Blau, Autorin Kübra Gümüsay, Journalismus-Professorin Christina Elmer und Chefredakteurin Astrid Maier. Wir arbeiten an einer Studie zur konstruktiven Kriegsberichterstattung, haben uns ein Netzwerk an konstruktiven Trainerinnen geschaffen, versenden im wöchentlichen Wechsel einen Newsletter auf Deutsch und auf Englisch und tun so ziemlich alles, was sich unsere Community von uns wünscht. Denn das ist unser Ziel: Gemeinsam mit denen weiter voranschreiten, die unsere Vision von einem nutzerzentrierten und zukunftsorientierten Journalismus teilen. 

Im Frühjahr werde ich erstmalig mit einer Gruppe von Chefredakteurinnen vom Ahrtal nach Oslo reisen. In Ahrweiler wird uns Landrätin Cornelia Weigand empfangen und aus erster Hand berichten: Was hätten die Menschen vor und während der Katastrophe von den Medien gebraucht, und noch viel wichtiger: Welchen Journalismus brauchen sie jetzt und in den kommenden Jahren? Wir werden lieb gewonnene Gewohnheiten und uns selbst hinterfragen müssen. Doch ich bin mir sicher: Nie war guter Journalismus wichtiger als in diesen Zeiten. Packen wir es alle zusammen an!

Ellen Heinrichs ist Gründerin und Geschäftsführerin des „Bonn Institute“, das sich für die Förderung und Vermittlung von konstruktivem Journalismus einsetzt. Davor war sie Head of Trends & Knowledge bei der Deutschen Welle.

Bisher erschienen:

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland

Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin

Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds

Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine

Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de

Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur

Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler

Teil 8: Julia Bönisch, Chefredakteurin von sz.de

Teil 9: Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin

Teil 10: Barbara Hans, Spiegel-Chefredakteurin

Teil 11: Sascha Borowski, Digitalleiter Augsburger Allgemeine

Teil 12: Richard Gutjahr, freier Journalist, Start-up-Gründer und -Berater

Teil 13: Benjamin Piel, Chefredakteur Mindener Tageblatt

Teil 14: Josef Zens, Deutsches GeoForschungsZentrum

Teil 15: Christian Lindner, Berater "für Medien und öffentliches Wirken"

Teil 16: Nicole Diekmann, ZDF-Hauptstadtjournalistin

Teil 17: Carsten Fiedler, Chefredakteur Kölner Stadt-Anzeiger

Teil 18: Stella Männer, freie Journalistin

Teil 19: Ingrid Brodnig, Journalistin und Buchautorin

Teil 20: Sophie Burkhardt, Funk-Programmgeschäftsführerin

Teil 21: Ronja von Wurmb-Seibel, Autorin, Filmemacherin, Journalistin

Teil 22: Tanja Krämer, Wissenschaftsjournalistin

Teil 23: Marianna Deinyan, freie Journalistin und Radiomoderatorin

Teil 24: Alexandra Borchardt, Journalistin und Dozentin

Teil 25: Stephan Anpalagan, Diplom-Theologe, Journalist, Unternehmensberater

Teil 26: Jamila (KI) und Jakob Vicari (Journalist)

Teil 27: Peter Turi: Verleger und Clubchef

Teil 28: Verena Lammert, Erfinderin von @maedelsabende

Teil 29: Anna Paarmann, Digital-Koordinatorin bei der Landeszeitung für die Lüneburger Heide

Teil 30: Wolfgang Blau, Reuters Institute for the Study of Journalism der Universitäte Oxford

Teil 31: Stephan Anpalagan, Diplom-Theologe, Journalist, Unternehmensberater

Teil 32: Simone Jost-Westendorf, Leiterin Journalismus Lab/Landesanstalt für Medien NRW

Teil 33: Sebastian Dalkowski, freier Journalist in Mönchengladbach

Teil 34: Justus von Daniels und Olaya Argüeso, Correctiv-Chefredaktion

Teil 35: Benjamin Piel, Mindener Tageblatt

Teil 36: Joachim Braun, Ostfriesen-Zeitung

Teil 37: Ellen Heinrichs, Bonn Institute

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