Über das Versagen der deutschen Bergkarabach-Berichterstattung

Marianna Deinyan sagt: "Es hätte mehr, kontinuierlicher und hintergründiger über die Lage in Bergkarabach berichtet werden müssen. Und zwar schon vor dem 19. September." Deinyan kritisiert die Berichterstattung über Bergkarabach, wo mehr als 100.000 Armenier:innen aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Marianna Deinyan ist deutsch-armenische Journalistin – aber ist sie deshalb schon parteiisch? Text: Marianna Deinyan

Fünf Tage, nachdem Aserbaidschan Bergkarabach militärisch überfallen und innerhalb von 24 Stunden die Kontrolle über das Gebiet übernommen hat, kursiert ein Video auf Twitter. Es zeigt einen weißen Bus. In ihm sitzen Armenier:innen, die gerade dabei sind, aus Bergkarabach zu flüchten. Vor ihm tummeln sich mindestens zehn Journalist:innen. Die Kameralinsen pressen gegen die Busscheiben und sind auf Menschen gerichtet, die gerade alles verloren haben. Menschen, die zuvor eine neunmonatige Blockade durchlebt haben. Eine Blockade, die in ausländischen Medien nur vereinzelt stattgefunden hat. In den Kommentaren unter dem Video fragen Armenier:innen deshalb: Wo wart ihr in den vergangenen Monaten?

Dieser Clip steht symptomatisch für das, was in der Berichterstattung über Bergkarabach schiefgelaufen ist. Nämlich, dass sie erst dann richtig eingesetzt hat, als das Gebiet bombardiert und die Zivilbevölkerung letztlich zum Massenexodus gezwungen wurde. Dieses teils strukturell bedingte Problem zeigt sich nicht nur in diesem Konflikt, allerdings hier sehr anschaulich.

Von der Außenwelt abgeschlossen

Anlässe zur Berichterstattung hätte es nämlich schon vor dem 19. September 2023 gegeben. Seit dem 12. Dezember 2022 hatte die Regierung Aserbaidschans – immerhin ein Energiepartner der EU und laut Bundeskanzler Olaf Scholz auch noch einer von „wachsender Bedeutung“ – die einzige Zufahrtsstraße nach Bergkarabach blockiert. Die Konsequenz: Nicht 100, nicht 1.000, sondern 120.000 Armenier:innen (so viele lebten zumindest nach Angaben der Behörden in Bergkarabach zu diesem Zeitpunkt in der Region) waren von der Außenwelt abgeschnitten. Über Monate hinweg mangelte es ihnen an Lebensmitteln, Medikamenten, Treibstoff und Trinkwasser. Zudem gab es regelmäßige Strom-, Gas- und Internet-Ausfälle.

Die Lage in Bergkarabach (Karte)

Erst im Sommer 2023 wächst das mediale Interesse an Bergkarabach. Zu diesem Zeitpunkt standen die Menschen in der Region vor einer humanitären Katastrophe. Lokale Ärzt:innen vermeldeten den ersten Hungertoten und gaben an, dass es deutlich mehr Fehlgeburten aufgrund von Mangelernährung gegeben habe. Expert:innen, wie der ehemalige Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Luis Moreno Ocampo, warnten eindringlich vor einem drohenden Genozid.

Ernüchternd wenig Interesse

Doch selbst zu diesem Zeitpunkt war es das individuelle Engagement einiger Journalist:innen, das die Berichterstattung in deutschsprachigen Medien ins Laufen gebracht hat. Denn: Internationalen Medien wurde schon seit Ende 2020 durch die sogenannten russischen Friedenstruppen der Zugang zu der Region verwehrt.

Entsprechend fand die Lage in der Region nicht wie üblich über Agenturmeldungen ihren Weg in die Öffentlichkeit, sondern über lokale Journalist:innen. Und die musste man erst einmal kennen. Letztlich waren es also einige wenige (oft deutsch-armenische) Journalist:innen, die sich intensiv mit der Lage in Bergkarabach befassten, die lokale Quellen kannten, ihre Glaubhaftigkeit einschätzen konnten und schließlich das Thema an verschiedene Redaktionen herantrugen. Eine ernüchternde Erfahrung, die auch ich als deutsch-armenische Journalistin gemacht habe.

Abgesehen von den Redaktionen, die erst gar nicht auf Anfragen reagierten, hagelte es Absagen aus unterschiedlichsten Gründen. Kein Budget, kein Platz – oder, wie es der deutsch-armenische Kollege Marspet Movsisyan im DLF-Podcast Nach Redaktionsschluss schildert: man wolle „den Menschen nicht die nächste Krise aufzwingen“. Immerhin ist die deutsch-armenische Community vergleichsweise klein. Warum sollte ein deutsches Publikum sich also für eine Krise irgendwo im Südkaukasus interessieren?

Dabei ist es meiner Ansicht nach durchaus im Interesse der Bürger:innen von Deutschland, zu erfahren, wenn ein neuer EU-Energiepartner massive Menschenrechtsverletzungen gegen die Zivilbevölkerung einer benachbarten Region verübt. Insbesondere dann, wenn dieser Energiepartner gewählt wurde, um (zurecht) von russischem Gas wegzukommen. Deutschland trägt zudem eine historische Verantwortung gegenüber Armenier:innen. So war das Deutsche Kaiserreich der engste Verbündete des Osmanischen Reichs und hat im frühen 20. Jahrhundert Beihilfe zum Völkermord geleistet. Diese historische Verantwortung ist sogar in der Bundestagsresolution von 2016 festgeschrieben, als der Genozid an den Armenier:innen als solcher anerkannt wurde.

Bergkarabach hatte keine Priorität

Wenn Redaktionen wiederum Interesse zeigten, musste ich immer wieder über den Umgang mit der Thematik staunen. Mal wurde die Veröffentlichung entsprechender Beiträge immer und immer wieder verschoben, weil die Lage in Bergkarabach trotz ihrer Brisanz offensichtlich keine Priorität hatte. Mal bat ein bundesweites Medium darum, nach Protagonist:innen mit regionalem Bezug zu suchen. Regional wohlgemerkt mit Blick auf Nordrhein-Westfalen. Letztlich wurde auch dieser Beitrag nicht umgesetzt, weil die Redaktion irgendwann nicht mehr auf Mails reagierte.

Sicherlich spricht aus mir auch sehr viel Frust. Der Frust einer freien Journalistin, die über Wochen Redaktionsklinken geputzt, Kolleg:innen unhonoriert inhaltlich beraten oder schlecht honoriert mit Übersetzungen unterstützt hat – nur damit die prekäre Lage der Menschen in Bergkarabach in der deutschen Berichterstattung aufgegriffen wird. Aus mir spricht auch der Frust einer Armenierin, die sich nach all dem, was in Bergkarabach geschehen ist, fragt: Wie egal können deutschen Redaktionen die massiven Menschenrechtsverstöße gegen zehntausende Armenier:innen eigentlich sein?

All das änderte sich am 19. September 2023, dem Tag, an dem Aserbaidschan mit militärischer Gewalt Fakten schaffte. Prompt war Bergkarabach interessant. Deutsch-armenische Journalist:innen, die zuvor nur mit großer Mühe die Lage in Bergkarabach in deutschsprachigen Medien platzieren konnten, sollten plötzlich parat stehen, um Kontakte zu vermitteln. Die lokalen Journalist:innen aus Bergkarabach, die zuvor über Monate um internationale Aufmerksamkeit gefleht hatten – nun selbst auf der Flucht – wurden überlagert mit Anfragen internationaler Medien.

Details mit großer Bedeutung

Aufmerksamkeit war also nun da. Aber wie wurde über den Angriff Aserbaidschans berichtet? In den Eilmeldungen, die zehntausendfach am 19. September auf deutsche Handys geschickt wurden, war die Rede von einem „Anti-Terror-Einsatz“. In den Tagen darauf wurde dann über die Entwaffnung „armenischer Separatisten“ berichtet. Narrative, die Aserbaidschans autokratischem Präsidenten gefallen dürften, da sie teils 1:1 aus Meldungen vom aserbaidschanischen Verteidigungsministerium übernommen wurden und das aserbaidschanische Staatsnarrativ stützen.

Dass hier eine militärisch weit überlegene Autokratie die Zivilbevölkerung eines kleinen, vergleichsweise demokratischen de facto Staats angreift, wurde in den wenigsten aktuellen Berichten aufgegriffen. Dass Aserbaidschan die Region zuvor über neun Monate ausgehungert hatte, ihre Bevölkerung geschwächt und auf keine Aufforderung westlicher Staaten oder Urteile des Internationalen Gerichtshofs eingegangen ist, ist eines von vielen essenziellen Details, um die Konfliktparteien zu verstehen. Details, für die letztlich kein Platz war in der aktuellen Berichterstattung.

Mangelnde Einordnung

Das hat natürlich auch strukturelle Gründe. Die Arbeit an Newsdesks ist mit Zeitdruck verbunden – und, dass nicht jede Redaktion eine:n Südkaukasus-Expert:in im Team hat, ist ebenfalls klar. Zudem ist Nachrichtenjournalismus auf saubere Arbeit von Agenturen angewiesen. Berichten diese fehlerhaft oder unvollständig, werden inhaltliche Ungenauigkeiten tausendfach vervielfältigt.

Die mangelnde Einordnung könnte jedoch auch damit zusammenhängen, dass eine ausgewogene Berichterstattung angestrebt wird. Ein Grundpfeiler journalistischer Arbeit, der nicht in Frage zu stellen ist. Ausgewogen zu berichten, bedeutet im Fall des Bergkarabach-Konflikts aber eben nicht, Aussagen der armenischen und aserbaidschanischen Seite schlichtweg gegenüberzustellen, um dann mit den Achseln zu zucken, und die Interpretation der Lage den Leser:innen, Hörer:innen oder Zuschauer:innen zu überlassen.

Ausgewogen zu berichten bedeutet, das Machtverhältnis zwischen den Konfliktparteien zu verdeutlichen und mehr Hintergrundwissen zu vermitteln, als die mantra-artige Wiederholung des Satzes „völkerrechtlich gehört die Region zu Aserbaidschan, wird aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt“. Ausgewogen zu berichten bedeutet hier auch, die Aussagen eines autokratischen Regimes wie dem in Aserbaidschan, das seiner eigenen Bevölkerung weder Presse- noch Meinungsfreiheit gewährt, in Frage zu stellen. So wie wir es (mittlerweile) schaffen, die Propaganda der russischen Regierung als solche zu benennen und ihre Aussagen entsprechend einzuordnen, müssen wir es auch bei Autokraten wie Ilham Aliyev tun.

Diese Kritik so offen zu formulieren, könnte den Vorwurf aufkommen lassen, dass ich Partei für die armenische Seite ergreife. Natürlich geht mir als gebürtige Armenierin der Bergkarabach-Konflikt besonders nah. Und ja, ich habe qua meiner Biographie ein ganz anderes Verhältnis zu armenischen Menschen, als zu aserbaidschanischen. Aber werten Redaktionen das nun als Vor- oder Nachteil für meine Arbeit?

Expertin oder voreingenommen?

Meine Erfahrungen diesbezüglich sind zwiegespalten. In den Wochen seit dem 19. September habe ich auf der einen Seite viel Wertschätzung erfahren. Redaktionen zeigten sich dankbar für den Zugang zur deutsch-armenischen Community, den ich ihnen beschafft habe. Die Interviews, die ich geführt habe, waren nur deshalb so ehrlich und emotional, weil die Menschen sich mit mir in ihrer Muttersprache unterhalten konnten. Das hat seinen Wert und der wurde auch gesehen.

Gleichzeitig liegt jedoch immer auch der Vorwurf der Parteinahme in der Luft. Das geht nicht nur mir, sondern auch anderen deutsch-armenischen Kolleg:innen so. Spürbar wird das, wenn beispielsweise bei der Suche nach Expert:innen durch die Blume nach „neutralen“ – also nicht armenischen Stimmen gefragt wird. Im Umkehrschluss bedeutet das: Einordnungen von Expert:innen, die aufgrund ihrer Biographie eine persönliche Verbindung zum Konflikt haben könnten, werden seltener gehört.

Es findet irgendwo auch eine Delegitimierung armenischer Stimmen statt – zu der auch die Stimmen deutsch-armenischer Journalist:innen gehören. Als wären wir aufgrund einer gewissen emotionalen Involviertheit nicht in der Lage, Fakten zu benennen und anzuerkennen, dass natürlich auch die aserbaidschanische Zivilbevölkerung in den Kriegen von 2020 und den frühen 90er Jahren tausende Tote zu beklagen hatte und nach US-amerikanischen Schätzungen 700.000 Aserbaidschaner:innen aus ihrem Zuhause vertrieben wurden.

Was lernen wir daraus?

Es hätte mehr, kontinuierlicher und hintergründiger über die Lage in Bergkarabach berichtet werden müssen. Diesen Vorwurf müssen wir Journalist:innen uns gefallen lassen. Denn eine anhaltende Berichterstattung hätte den Druck auf die deutsche Außenpolitik erhöhen können. Sie hätte dazu führen können, dass Ministerien und Politiker:innen hätten erklären müssen, wie sich die Energiepartnerschaft mit Aserbaidschan mit der angestrebten wertebasierten Außenpolitik der Ampel-Koalition vereinbaren lässt. Sie hätte in jedem Fall mehr Menschen in Deutschland über den Konflikt und die Lage der Armenier:innen aufgeklärt und in der Folge möglicherweise mehr zivilgesellschaftliche Solidarität erzeugt.

All das hätte passieren können, wären wir Journalist:innen unserer Verantwortung angemessen nachgekommen. Und zwar schon vor dem 19. September.

Marianna Deinyan ist freie Journalistin, Moderatorin und Podcast-Host aus Köln.

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