Wie divers sind die journalistischen Chefetagen?

Viele Medienhäuser bemühen sich, Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener kultureller und sozialer Herkunft einzustellen. Aber liegt die Macht in den Redaktionen nicht immer noch bei denselben? Wie divers sind Chefredaktionen und Ressortleitungen? Und wie können sie diverser werden? Von Kathi Preppner, Mitarbeit: Mia Pankoke, Paula Gent

17.01.2024

Ulrike Trampus ist seit fast 20 Jahren Chefredakteurin einer Regionalzeitung, zuerst in einer Doppelspitze beim Wiesbadener Kurier, jetzt bei der Ludwigsburger Kreiszeitung. In dieser Zeit gab es über alle Regionalredaktionen hierzulande hinweg mal sechs Chefredakteurinnen, mal sieben, dann wieder drei, erinnert sie sich im Gespräch mit dem Deutschlandradio. Mehr als acht waren es nie. So eine richtige Erklärung dafür habe sie auch noch nicht gefunden, sagt Trampus. „Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, Frauen zu ermutigen, sich für solche Positionen zu bewerben.“

In den Chefredaktionen der Regionalzeitungen sitzen besonders wenig Frauen. Rund 90 Prozent sind in Männerhand. Das zeigen Zahlen des Vereins Pro Quote, der sich für die paritätische Machtverteilung im Journalismus einsetzt und die Strukturen im Regionaljournalismus in einer qualitativen Studie untersucht hat. 16 Journalistinnen standen Rede und Antwort, die befragten Frauen erkennen bei den von Männern geführten Zeitungen ein sich selbst erhaltendes System. Eine spricht von einem Chefredakteurskarussell: „Die Chefredakteure kommen in der Regel nicht aus dem Haus, sondern von außen. Sie haben meistens vorher eine andere Zeitung geleitet. Und wenn Frauen nie leiten, dann werden sie natürlich nie Teil dieses Karussells.“ Die Mehrheit berichtet, dass Frauen gar nicht erst in Betracht gezogen würden, wenn Führungspositionen neu besetzt werden sollen.

90 Prozent der Chefredaktionen von Regionalzeitungen sind in männlicher Hand.

Veränderung also ausgeschlossen? Bei den überregionalen Medien sieht es schon ein bisschen anders aus. Null Prozent Frauen an der Spitze gibt es nur bei der FAZ, die anstelle einer Chefredaktion ein Herausgebergremium hat – alle vier Herausgeber sind weiß, männlich und über 50 Jahre alt. Bei anderen Leitmedien sitzt immer mindestens eine Frau mit in der Chefredaktion: bei der Süddeutschen Zeitung als Co-Chefin, bei SpiegelHandelsblatt und Zeit als Stellvertreterin. Die Bild-Zeitung hat seit März eine Frau als Vorsitzende der Chefredaktion, bei der taz sind sogar Doppelspitze und Stellvertreterin weiblich. Bei den Ressortleitungen haben teilweise etwas mehr Frauen das Sagen als in der Chefetage: Bei der FAZ gibt es hier knapp 30 Prozent Frauen, bei der SZ 40 und beim Spiegel 46 Prozent.

Wenn schon Frauen nur langsam an die Macht kommen und ihr Machtanteil nicht mit dem der Männer gleichauf ist: Wie sieht es dann mit anderen gesellschaftlich benachteiligten Gruppen in den Medien aus? Über das Für und Wider einer Frauenquote wird schließlich schon sehr viel länger debattiert als über Diversity. Die Durchschnittsperson im Journalismus hierzulande ist ein 45-jähriger Mann mit Hochschulabschluss, zeigt eine aktuelle Erhebung des zur Leibniz-Gemeinschaft gehörenden Hans-Bredow-Instituts. Der journalist wollte nun wissen: Wie viele Medienschaffende haben eine Migrationsgeschichte, wie viele Menschen aus migrantischen Familien sind dabei, wie viele aus Arbeiter*innenfamilien, wie viele Menschen mit Behinderung, wie viele queere Menschen? Und: Wie viele dieser Menschen haben in den Redaktionen, in denen sie arbeiten, etwas zu sagen? Bei der Umfrage unter 15  Medienhäusern zeigte sich jedoch bald: Solche Zahlen sind nicht so leicht zu bekommen.

45 Jahre, männlich mit Hochschulabschluss ist die Durchschnittsperson im Journalismus.

Was man schnell feststellen kann: People of Color gibt es auf Führungsebene in deutschen Medien kaum. Die Herkunft und den kulturellen Hintergrund hingegen sieht man Menschen nicht unbedingt an. Die beiden taz-Chefinnen Barbara Junge (55) und Ulrike Winkelmann (51) und ihre Stellvertreterin Katrin Gottschalk (38) geben bei der journalist-Befragung aber an, keinen Migrationshintergrund zu haben. Einen genauen Überblick über die Diversität des Hauses hat man jedoch auch bei der taz nicht. Denn bestimmte Daten dürfen nicht erhoben werden. Das ist im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) festgelegt, das vor Diskriminierung schützen soll. Erhoben werden beispielsweise beim Deutschlandradio: das Geburtsdatum und damit das Alter, Geburtsort und Staatsangehörigkeit, die Steuerklasse und damit der Familienstand, das Geschlecht und eine eventuelle Schwerbehinderung, die aber nur freiwillig bekanntgegeben wird. Ob jemand queer ist oder einen besonderen kulturellen Hintergrund hat, geht die Personalabteilung nichts an. Der WDR führt seit 2014 freiwillige, anonyme Umfragen bei Neueinstellungen durch, um Angaben zur Migrationsgeschichte zu bekommen. Bei der ARD arbeitet man gerade an einem Konzept, um Personaldaten mit Blick auf Diversity zu erheben.

Generell versuchen viele Medienhäuser bei Stellenausschreibungen, Menschen aus benachteiligten Gruppen ausdrücklich zur Bewerbung zu ermuntern. Bei der taz freut man sich „besonders über Bewerbungen von Menschen mit Nichtakademikereltern-Hintergrund, People of Color, Menschen mit Migrationsvorder- oder Hintergrund, LGBT-Personen und Menschen mit Behinderung“.

5 von 20 freiwerdenden Stellen sollen bei der taz mit Menschen aus migrantischen Familien besetzt werden.

Beim Nachwuchs bemühen sich viele Medienhäuser, potenzielle Bewerber*innen mit möglichst unterschiedlichen Hintergründen anzusprechen. Bei der Zeit gibt es Praktika für Menschen mit Behinderung, der Verlag unterstützt es, wenn Mitarbeitende sich als Mentoren engagieren, zum Beispiel beim Verein Arbeiterkind. Der Spiegel startet im neuen Jahr zusammen mit der Deutschland Stiftung Integration den ersten Jahrgang des Stipendiums Geh deinen Weg, bei dem auch die stellvertretende Chefredaktion als Mentor und Mentorin mitmacht. Das Volontariat der taz-Panter-Stiftung richtet sich an junge Menschen, die in Redaktionen in der Regel unterrepräsentiert sind.

Auch die Landesrundfunkanstalten werben um diversen Nachwuchs. Der SWR hat sich vorgenommen, mindestens ein Viertel seiner Volontariatsplätze an Bewerber*innen mit Migrationsgeschichte zu vergeben. Beim WDR gibt es schon seit 2005 die Talentwerkstatt WDR grenzenlos. Wer sich beim Deutschlandradio um ein Volontariat bewerben möchte, muss nicht mehr studiert haben. 

Viele Medienhäuser führen auch gerne an, dass sie Veranstaltungen und Trainings zum Thema Vielfalt für ihre Mitarbeitenden organisieren. In großen Häusern gibt es häufig ein Diversity Management und verschiedene Ansprechpersonen, an die sich beispielsweise queere oder behinderte Mitarbeitende wenden können. Die Zeit hat zum Beispiel eine Arbeitsgruppe, die für die Mitarbeitenden Unconscious-Bias-Trainings oder Trainings zum Thema Inklusion organisiert. Die Deutsche Welle, in deren Intendanz es seit dem Frühjahr 2023 den Fachbereich Diversity, Equity and Inclusion gibt, hat Fokusdimensionen festgelegt, auf die sie sich zurzeit besonders konzentriert. Das sind aktuell ethnische Herkunft, Behinderung sowie Religion und Weltanschauung. Dazu gibt es seit Frühjahr vergangenen Jahres das Kompetenzteam Antisemitismus/jüdisches Leben/Israel und Palästinensische Gebiete.

Ob diese Bemühungen tatsächlich die Macht in den Führungsetagen der Medienhäuser verschieben, lässt sich schwer messen. Bei der taz haben sich die Ressortleitungen vor vier Jahre verpflichtet, fünf von etwa 20 freiwerdenden Stellen mit Menschen aus migrantischen Familien zu besetzen. Die Zeit gibt an, dass das Thema Diversität bei der Besetzung von Ressortleitungen „selbstverständlich“ eine Rolle spiele. Bei der FAZ will man den Frauenanteil in Führungspositionen erhöhen. Dazu bietet der Verlag unter anderem ein Karriereförderungsprogramm für Frauen ab 40 an.

Ulrike Trampus, die langjährige Regionalzeitungschefin, hält jedenfalls nichts von einer Quote, um schon mal mehr Frauen an die Spitzen der Medien zu befördern. Sie setzt auf die aktive Förderung von Frauen. Eine der von Pro Quote interviewten Regionalzeitungsjournalistinnen hat eine andere Idee: Das Digitale sei die Überholspur. Dort seien die Leitungspositionen in vielen Verlagen mit Frauen besetzt. „Ich denke, das ist deshalb so, weil vor einigen Jahren, als diese Entwicklung auch bei kleineren Verlagen wichtig wurde, oftmals gesagt wurde: ‚Na ja, das ist halt das Digitale. Das kann gerne eine Frau machen.‘“

Das Problem mit den Daten

Geschlecht und Alter lassen sich leicht erheben, andere personenbezogene Daten zu bestimmten Diversitätsmerkmalen dürfen nicht einfach abgefragt werden. Beim Deutschlandradio werden zum Beispiel folgende Daten erfasst: Geburtsdatum, Geburtsort und Staatsangehörigkeit, Steuerklasse, Geschlecht und eine eventuelle Schwerbehinderung, die aber nur freiwillig bekanntgegeben wird. Um etwas über den kulturellen Hintergrund zu erfahren, führt der WDR seit 2014 freiwillige, anonyme Umfragen durch. Bei der ARD arbeitet man gerade an einem Konzept, um ab 2024 weitere Personaldaten erheben zu können.

Die Befragung

Für einen Überblick über die Diversität in den Medienhäusern hat der journalist 15 Medien angeschrieben. Besonders ausführlich waren die Antworten der Deutschen Welle, bei der nach eigenen Angaben mindestens 20 Prozent der Führungskräfte außerhalb von Deutschland geboren wurden, sowie von Deutschlandradio und ARD, die viele Angebote haben, um die Diversität zu fördern. Die taz schreibt: „Das Problem ist der taz schon lange hoch bewusst.” Das Haus habe viele Diversity-Maßnahmen erarbeitet, zum Beispiel wurde eine Beschwerdestelle eingerichtet. Von der Zeit hieß es: „Diversität verstehen wir als Medienhaus übrigens auch inhaltlich, weltanschaulich und auf Meinungsvielfalt bezogen.”

Kathi Preppner ist Redakteurin in der Wirtschaftsredaktion Wortwert.