"Wir sind überall in Beta-Phasen"

Im SWR wurden rund 170 Vorschläge von Mitarbeitenden gesammelt, was man mit KI im Sender machen kann. (Illustration: Zsuzsanna Ilijin)

Vor einem Jahr waren viele Medienschaffende fasziniert davon, was mit Chatbots und KI möglich ist. Inzwischen hat sich das Staunen gelegt und Redaktionen stellen sich die Frage: Wo helfen die neuen Werkzeuge tatsächlich weiter? Text: Kathi Preppner

Eine Überschrift vorschlagen, die Audio-Datei eines Interviews transkribieren, Online-Kommentare auf Hass und Spam durchsuchen oder einen Text redigieren: Meist übernimmt Künstliche Intelligenz eher banale Tätigkeiten in den Redaktionen. Aber spätestens seit das US-amerikanische Unternehmen Open AI Ende 2022 den Chatbot Chat-GPT vorgestellt hat, experimentieren immer mehr Redaktionen, was noch alles möglich ist.

Der Kölner Express hat seit März eine Autorin, deren Initialen nicht zufällig K.I. lauten. Auf dem Autorenfoto lächelt eine Frau mit blondierten Haaren und weißem T-Shirt lässig in die Kamera: Klara Indernachs Profilbild wurde mit Midjourney erstellt. Die Frau gibt es nicht, sie ist nur das Symbolbild unter jenen Texten, die zum Großteil mithilfe von KI verfasst wurden. Beim Digital-Netzwerk der Ippen-Gruppe hat man schon vor einem Jahr Texte veröffentlicht, die fast komplett von einem Sprachmodell geschrieben wurden – mit entsprechendem Hinweis. Der Chefredakteur der Ippen-Digital-Gruppe, Markus Knall, sagte dem journalist damals: „Wir setzen ein, was auf dem Markt ist.“ Bei der Bild kommt KI unter anderem bei der Bearbeitung von Texten und Videos zum Einsatz, bei der SEO-Performance und der Social-Media-Präsenz, der Steuerung der Paywall, der Analyse von Leser-Interessen sowie beim Erkennen von Fake News. Hier arbeitet vor allem die Fotoredaktion mit KI, um gefälschte Bilder zu erkennen.

Fragen an die Zeit

Einige Redaktionen haben mithilfe Künstlicher Intelligenz schon neue Anwendungen entwickelt. Bei Bild und Zeit Online gibt es Chatbots, die Fragen beantworten. Sie heißen Hey_ und Fragen Sie Zeit Online. An einem solchen Chatbot experimentiere man derzeit auch bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sagt Cai Tore Philippsen, der für die Redaktion von Faz.net verantwortlich ist. „Aber wir sind noch nicht so weit, dass wir das online stellen können“, sagt er. Ansonsten ist man bei der FAZ weiterhin eher restriktiv, was die Nutzung von KI angeht. „Komplett von der KI erzeugte Texte gibt es bei uns nicht, und das planen wir auch nicht“, so Philippsen. Auch KI-generierte Bilder wollen sie nicht verwenden. „Vertrauen ist ja mit das höchste Gut, das wir haben.“

Redaktion und Verlag der FAZ können aber einen Textgenerator nutzen, nämlich GPT-3.5 Turbo, GPT-4 ist zuschaltbar. Journalist*innen können sich Vorschläge für Social-Media-Texte oder Überschriften erstellen lassen. „Das ist mehr eine Spielwiese zum Brainstormen oder Überarbeiten von Texten“, sagt Philippsen. Künftig soll das auch mit dem Content-Management-System von Faz.net möglich sein. In das aktuelle CMS ist eine KI nicht integrierbar. Da muss erst ein Neues her. „Nach der großen Anfangseuphorie ist der Alltag mit KI eingekehrt“, sagt Philippsen. Da werde es dann doch schwieriger, schließlich müsse die Qualität stimmen. „Es muss halt immer FAZ-ig sein, immer ein bisschen klüger. Wir wollen uns ja abheben von der breiten Masse der Internetbeiträge.“ 

„Nach der großen Anfangseuphorie ist der Alltag mit KI eingekehrt. Und da wird es dann doch schwieriger, denn es muss alles richtig sein.“ Cai Tore Philippsen, Verantwortlicher Redakteur Faz.net

Auch der SWR experimentiert im Hintergrund mit Künstlicher Intelligenz. Der Journalist Johannes Schmid-Johannsen gehört zu der fünfköpfigen KI-Koordinierungsstelle, die es dort seit einem Jahr gibt. Die Idee für eine eigene Koordinierungsstelle kam aus den Redaktionen. „Hintergrund war die Erfahrung aus zehn Jahren Social Media“, sagt Schmid-Johannsen. Im SWR sei ihnen schnell bewusst gewesen, dass KI den Journalismus radikal verändern wird. „Diesmal wollen wir, dass das koordiniert abläuft und nicht an vielen Stellen gleichzeitig dasselbe ausprobiert wird.“ Zunächst hat das KI-Team daher im ganzen Haus Ideen gesammelt. Rund 170 Vorschläge hatten die Mitarbeitenden dazu, was man mit KI im Sender machen kann. An weniger als zehn haben sie intensiv gearbeitet. Eine denkbare Anwendung wäre, Untertitel in TV-Formaten in leichte Sprache zu übersetzen. Eine andere, in der Formatentwicklung mit KI-generierten Bildern zu arbeiten. Etwa als Anschauungsmaterial bei der Ideenfindung.

Es geht immer um Vertrauen

Allein das Einsammeln der Ideen hat dazu geführt, dass sich viele differenzierter mit KI beschäftigt haben. „Um eine richtig geile Lösung zu finden, müssen viele Aspekte beachtet werden: technische, juristische und natürlich auch kernjournalistische“, erklärt Schmid-Johannsen. An dieser Testphase, in der die verschiedenen Ideen entwickelt und geprüft wurden, waren mehr als 350 Personen vom SWR beteiligt: aus Cloud-Kompetenzcenter, Systementwicklung, Archiven, Produktentwicklung, Redaktion, Rechtsabteilung, Strategie und Innovation. Nach den Tests sei erst mal klar gewesen, dass für vieles momentan die menschliche noch die deutlich bessere Lösung ist, sagt Schmid-Johannsen. Die KI-Tools seien noch nicht so weit, dass sie in den Redaktionsabläufen dieselbe Qualität liefern können. „Unser größtes Risiko mit KI ist, Vertrauen beim Publikum zu verspielen. Das zweitgrößte, den Anschluss zu verpassen”, betont er. „Die KI-Testphase bewegt sich zwischen diesen beiden Herausforderungen.“

Content-Schwemme

Schmid-Johannsen geht davon aus, dass es in den nächsten zwei, drei Jahren eine Content-Schwemme aus KI-generierten Inhalten im Internet geben wird. „Demgegenüber steht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein gesicherter, gut recherchierter Informationspool, der uns als SWR und ARD handlungsfähig macht.“ Zum einen muss KI mit dem Wissenspool des Senders verbunden werden. Das heißt, ein Sprachmodell muss nicht nur Zugriff auf die Archive, sondern auch auf Rechercheergebnisse, Hintergründe, Wissen über Regionen, Reaktionen aus dem Community Management und so weiter haben. Zudem brauchen die Mitarbeitenden, die die KI bedienen, entsprechende Expertise, um gute Prompts zu schreiben.

„Unser größtes Risiko mit KI ist, Vertrauen beim Publikum zu verspielen. Das zweitgrößte, den Anschluss zu verpassen. Die KI-Testphase bewegt sich zwischen diesen beiden Herausforderungen.“ Johannes Schmid-Johannsen, SWR-Datenjournalist

Erste mögliche Anwendungen könnten zum Beispiel die Textgenerierung im Bereich Wetter und Verkehr sein oder ein automatisierter Videoschnitt bei Nachrichten oder der Sportberichterstattung. „Dinge, die aufwendig, aber hoch standardisiert sind, möchten wir natürlich auch automatisieren können“, sagt Schmid-Johannsen. Und: „Textgenerierung ist ganz klar etwas, was wir können müssen.“ Dazu hat der SWR eine eigene Umgebung aufgebaut, in der GPT-4 genutzt wird: SWR-GPT. Potenziell können auch andere Sprachmodelle als GPT von Open AI eingesetzt werden. 

Bisher ist SWR-GPT ein funktionsfähiger Prototyp, der noch nicht für die redaktionelle Nutzung freigegeben ist. Vorher sind noch einige Fragen zu klären – zum Beispiel, wie potenzielle KI-generierte oder mit KI-Hilfe erstellte Inhalte in der ARD verlässlich gekennzeichnet werden. Eigene KI-Richtlinien hat der SWR bereits aufgestellt: Darin heißt es, dass jeder Inhalt, der mithilfe KI-basierter Programme erstellt wurde, von einem Menschen abgenommen wird: „Der Mensch behält die Kontrolle, trifft die Entscheidung zur Veröffentlichung und trägt die Verantwortung.“ Die Richtlinien besagen zudem, dass die journalistische Sorgfalt beim Einsatz von KI erhöht sein muss.

KI-Richtlinien

Ähnliche KI-Richtlinien haben viele Medienhäuser für sich aufgestellt. Bevor sie mit der neuen Technologie experimentieren, müssen sie schließlich festlegen, welche Regeln dabei. Auch bei Bild, wo Chefredakteurin Marion Horn einen „Digital Only“-Kurs ausgerufen hat und es aktuell 70 kleine und größere KI-Projekte gibt, schließt man den KI-Einsatz in bestimmten Punkten aus. „Eine Gefahr besteht darin, dass man alles, was technisch realisierbar ist, auch realisiert. Das kommt für uns nicht in Frage“, sagt der stellvertretende Chefredakteur Timo Lokoschat. Ein Beispiel ist der Bereich der Nachrichtenfotografie. Hier sei Authentizität unverzichtbar. „Wenn wir da als Branche zu euphorisch agieren, wäre unsere Glaubwürdigkeit schnell und nachhaltig beschädigt“, sagt Bild-Journalist Lokoschat.

Beim SWR geht der Chatbot-Prototyp SWR-GPT jetzt für ausführliche Tests in die Redaktionen. Dort soll es um bestimmte Anwendungsfälle gehen. Zum Beispiel: Kann ich Radionachrichtentexte mit SWR-GPT generieren? Wie kann ich Kreativitätsprozesse und Ideenfindung mit dem Chatbot je nach Zielgruppe oder Format vorantreiben? Schmid-Johannsen sagt: „Mit unserer Herangehensweise setzen wir nicht auf Show und schnelle Effekte. Wir glauben, dass es ein paar Basisfähigkeiten gibt, die wir erst erlernen müssen, damit wir langfristig den größtmöglichen Nutzen daraus ziehen.“

„Wir brauchen Perfektion“

Bei der FAZ sieht es ähnlich aus. „Meine Erwartungshaltung ist weiterhin sehr positiv“, sagt Cai Tore Philippsen. „Aber wir sind im Arbeitsalltag eben noch nicht bei der Perfektion, die wir brauchen. Zurzeit sind wir überall in Beta-Phasen, was KI angeht.“ In wenigen Jahren wird es dann aber wohl auch für die FAZ-Leserschaft einen Chatbot geben, vermutlich auch gut transkribierte Podcasts. Für Nutzer*innen der FAZ-App gibt es schon KI- Textzusammenfassungen in Form von Bulletpoints. Dafür schicken die Redakteure die Texte an Chat-GPT und bekommen vier Stichpunkte zurück, die sie noch einmal überprüfen.

Derzeit sind die KI-Zusammenfassungen für etwa 35 bis 40 Prozent der Texte verfügbar in den Ressorts Wirtschaft, Finanzen, Sport, Technik und Motor und Rhein-Main. „Hundertprozentig zufrieden sind wir noch nicht“, sagt Philippsen. „Das vorsichtige Formulieren, das zum Journalismus dazu gehört, kann die KI noch nicht.“ Aus einem Konjunktiv macht sie beispielsweise schon mal einen Indikativ. Interviews und Kommentare sind daher momentan noch von der Funktion ausgeschlossen. „Wir waren da sehr früh sehr mutig. Aber jetzt wollen wir erst mal noch besser werden, bevor wir das Angebot weiter ausrollen.“

Kathi Preppner ist Redakteurin bei der Wirtschaftsredaktion Wortwert in Köln.

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