Floskel des Monats

durchgewinkt

06.05.2020

Nicht schlecht staunte die Redaktion, dass es das Wort durchgewunken nur als „besonders umgangssprachlich“ gibt, wie es der nicht in Stein gemeißelte Duden nennt. Wegen des schwachen Verbs ist das zweite Partizip von winken streng genommen nur gewinkt. Aber: Dank der starken, aber falschen Verbreitung taucht mittlerweile auch (durch)gewunken in den Wörterbüchern auf. Empfehlenswert ist es jedoch nicht.

Ob nun durchgewinkt oder durchgewunken wird, es skizziert grundsätzlich ein gutes, zumindest stimmiges Bild. Stellen Sie sich beispielsweise eine Autokontrolle der Polizei, die Security vor dem Fußballstadion oder – neuerdings – dem Supermarkt-Eingang vor. Eine kleine Pause, ein kurzer Check und anschließend winkt er/sie durch und gibt mit der Hand ein eindeutiges Signal. Sie dürfen passieren. Ein befreiendes Gefühl, endlich geht es los oder weiter!

Bei demokratischen Entscheidungen mit weitreichenden Folgen wirkt es hingegen zu flapsig. Wenn ein Gesetz im Bundestag oder Bundesrat begrüßt, abgenickt, abgesegnet, durchgewinkt und verabschiedet wurde, hinterlassen diese Wörter den Eindruck, als sei diese Handlung belanglos, fast schon belästigend, und die Entscheidungsträger hätten sich nicht intensiv mit dem Thema beschäftigt. Ein Gesetzentwurf auf Handshake-Kurs – es wird gelangweilt abgeklatscht.

Ähnlich frustrierend ist die ständige Behauptung in nahezu allen Nachrichtenmedien, die Abgeordneten müssten der Gesetzesvorlage noch zustimmen. Nein, das müssen sie überhaupt nicht. Damit ein Gesetz in Kraft treten kann, ist eine Mehrheit erforderlich – aber sie selbst müssen dem nicht zustimmen. Das ist Demokratie!

Zu durchgewinkt gibt es im Deutschen übrigens simple Alternativen, die die Entscheidung über ein Gesetz nüchtern und sachlich beschreiben: angenommen, beschlossen, entschieden oder zugestimmt.

Wie sich Floskeln und Phrasen im Journalismus ausbreiten, machen Sebastian Pertsch und Udo Stiehl mit der sprach- und medienkritischen Floskelwolke sichtbar. Hier stellen sie Begriffe oder Formulierungen vor, mit denen KollegInnen besonders häufig danebenliegen.

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