Floskel des Monats

Einzelfälle

16.11.2020

Als wir den Einzelfall 2017 an dieser Stelle erstmalig thematisierten, hielten wir das für einen Einzelfall. Kaum auszudenken, dass diese Nebelkerze aus der Politik in diesem Jahr einen derartigen Run erleben würde. Doch es blieb bei keinem Einzelfall.

 

Erstaunlicherweise ging die Kurve im Zeitungskorpus des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS) seit der Jahrtausendwende von jährlich 4.413 auf 480 absolute Treffern für Einzelfall kontinuierlich zurück, während die Frequenz im selben Zeitraum von knapp 14 auf 17,6 pro eine Million Token anstieg. Oder anders ausgedrückt: Relativ gesehen ist der Einzelfall eben kein Einzelfall, sondern seit rund 20 Jahren ein statistischer Evergreen in den Nachrichtenmedien.

 

Linguistisch ist die Sache hingegen eindeutig: Schon der Einzelfall ist als rhetorische Figur – je nach Kontext – ein Euphemismus. Einzelfälle können – je nach Intention – als Oxymoron, also als absichtsvoll gewählte sich widersprechende Formulierung, oder als Contradictio in Adjecto, als Widerspruch in sich, betrachtet werden. Denn der Plural des Einzelfalls ist unlogisch: Ein Einzelfall ist ein Fall, eine Ausnahme der Regel. Sobald es mehrere Fälle zu ein und demselben Thema gibt, sind sie per se keine Einzelfälle mehr, sondern Fälle.

 

Die Komposition Einzelfälle in einzelne Fälle zu zerpflücken, greift als Ausrede nicht. Zwar ist für einzelne kein maximaler Wert definiert, aber laut Duden handelt es sich um "wenige Personen", "diese und jene" oder "eine kleinere Anzahl". Und nicht um 16 rechtsradikale Fälle in einer Polizeibehörde, 29 rechtsextreme Vorfälle im Ort hier oder 104 rechte Verdachtsfälle im Bundesland dort.

 

Sobald noch nicht mal mehr die Fälle, die meist nur zufällig und gefühlt wöchentlich herauskommen, gezählt werden können und die Übersicht verloren geht, ist das der Ist-Zustand, der Standard. Es handelt sich dann eben nicht mehr um Einzelfälle, die zur weiteren Beschwichtigung auch gerne noch mit den Adjektiven "wiederholte" oder "bedauerliche" versehen werden. Wenn man schon ein unbestimmtes Zahlwort nutzen möchte, um die Einordnung zu erleichtern, bieten sich viele, etliche oder zahlreiche Fälle an.

 

Wie sich Floskeln und Phrasen im Journalismus ausbreiten, machen Sebastian Pertsch und Udo Stiehl mit der sprach- und medienkritischen Floskelwolke sichtbar. Hier stellen sie Begriffe oder Formulierungen vor, mit denen KollegInnen besonders häufig danebenliegen.

 

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