Floskel des Monats

Wetterchaos

14.09.2020

Wenn das Wetter scheinbar verrücktspielt, ist es den Redaktionen egal, ob es kalte, warme oder heiße Temperaturen gibt oder ob das Thermometer fällt, klettert, rutscht oder steigt. Jede kleinste Witterungsänderung unter 20°C und über 23°C wird wie durch ein Wunder zum Wetterchaos hochgejazzt.

 

Plätschert es etwas bei der Formel 1, ist es kein Regen, sondern gleich ein Wetterchaos und das „Fahrerfeld wird durcheinandergewirbelt“ – obwohl der Regen diesmal gar nicht sintflutartig war. Zumindest diese Worte hinterlassen bei uns eine Schneise der Verwüstung!

 

Ein bisschen unter 20°C im Juli (Juli!) ist sofort ein „Kälteschock“ und natürlich wieder ein Wetterchaos. Kurz darauf rollt die „Afrika-Hitze“ an, mindestens aber eine Hitzewelle. Doch „Sophia Thomalla trotzt der Hitze“. Halleluja! „Detlef grillt Deutschland“. Wer? Ach, das Hoch(druckgebiet) Detlef. Wegen der „Jahrhundertflut“ (wir schreiben das Jahr 2020) in Südchina sind viele in Not: „Bereits mehr als 100.000 Menschen evakuiert“ – da fragt man sich, was das geringere Übel ist.

 

Dann wieder „Wetter-Irrsinn in Sibirien“ – und stets verheerend! Ohne verheerend geht es einfach nicht. Und flutscht auch noch was mit dem Coronavirus, das die LeserInnen in Atem hält? Klar: „Grillt uns die Hitze Corona weg?“ Nein, aber danke der Nachfrage!

 

Ihnen ist Wetterchaos zu einfach? Dann switchen Sie doch um zu „Unwetterchaos“ in der Einleitung, gefolgt von „Wetter-Horror am Mittelmeer“, „Chaos-Wetterlage fordert weitere Todesopfer“ oder „Unwetter-Chaos setzt Bohlen zu“ – die Messlatte für meteorologisches Clickbaiting hängt mittlerweile sehr tief.

 

Das Klima verändert sich, auch durch den Menschen. Doch ein paar Sommertage über 30°C sind per se nicht gleich ein Indiz für den Klimawandel. Möglicherweise täte es den Redaktionen gut, gerade bei so einem emotionalen Thema ausgewogen, ehrlich und besonnen zu berichten, Nuancen zuzulassen und auf die Wissenschaft und ExpertInnen zu hören. Ansonsten warnen wir Sie vor: Bald fällt wieder Neuschnee und die Russenpeitsche lässt Deutschland zittern. Und wer dann nicht bis auf die Grundmauern erschüttert ist, stürzt erneut in das nächste Wetterchaos!

 

Wie sich Floskeln und Phrasen im Journalismus ausbreiten, machen Sebastian Pertsch und Udo Stiehl mit der sprach- und medienkritischen Floskelwolke sichtbar. Hier stellen sie Begriffe oder Formulierungen vor, mit denen KollegInnen besonders häufig danebenliegen.

 

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