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07. Mai 2020

Corona

"Top-Themen verzwergen gerade"

Journalisten kämpfen gegen Existenzsorgen, erschwerte Arbeitsbedingungen und Falschmeldungen an, gleichzeitig erreicht die Branche Reichweitenrekorde und ein Vertrauenshoch. Der Journalismus ist gefordert, alle relevanten Folgen der Pandemie abzubilden und die Maßnahmen permanent kritisch zu hinterfragen.

Im Ausnahmezustand: journalist-Autor Michael Kraske geht der Frage nach, wie Journalist*innen angemessen über die Pandemie und andere Themen berichten. (Illustrationen: Zsuzsanna Ilijin)


Text: Michael Kraske, Illustration: Zsuzsanna Ilijin

Auch auf unser Journalistenbüro Mediendienst Ost in Leipzig ist die Pandemie wie eine unsichtbare Lawine zugerollt. Noch bis Mitte März recherchierten meine Kollegen TV-Dokus und Fernsehformate. Ich selbst bereitete mich auf die Premierenlesung für mein neues Sachbuch über die Radikalisierung im deutschen Osten vor. Im Büro wurde telefoniert und geschrieben. In unserer Sprecherkabine entstanden Hörfunkbeiträge. Der Spiegel hatte zwar schon am 29. Februar dramatisch getitelt: „Welt Virus Krise“. Aber da war die Gefahr scheinbar noch weit weg.

Auch unsere Bürogemeinschaft reagierte verzögert auf die aufziehende Katastrophe. Dann ging alles sehr schnell. Am 12. März beschloss ich mit meinem Verlag, die Lesung am nächsten Tag abzusagen. Am 18. März wandte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung. Einen Tag zuvor hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) das Gesundheitsrisiko durch Covid-19 für Deutschland erstmals als hoch eingestuft. Schulen wurden geschlossen, Redaktionen ins Homeoffice geschickt. Die abstrakte Bedrohung war nun ganz nah.

Diese Märztage waren chaotisch. Einige von uns mussten sich in die Kinderbetreuung einteilen, lange vereinbarte Themen brachen weg. „Alle meine langfristigen und aufwendigen Recherchen verschieben sich auf unbestimmte Zeit“, sagt mein langjähriger Kollege Christian Werner, der auch für die MDR-Politmagazine Fakt und Exakt arbeitet. „Alle bisher gewohnten Abläufe existieren nicht mehr.“ Er stellte sofort auf Krisenberichterstattung um. In einem ersten TV-Beitrag berichtete Christian über einen Caterer, dem alle Aufträge wegbrachen, weil die Restaurants schlossen. Solche Beiträge zeigten früh, mit welcher Wucht kleinere Unternehmen getroffen wurden.

Unser Journalistenbüro hat sich neu aufgestellt. Alle halten es wie Christian: keine langfristige Planung, stattdessen: „auf Sicht fahren.“ Für die meisten von uns bedeutet das: Corona, Corona, Corona. Unsere Recherchereisen sind gestrichen, Hintergrundgespräche werden nur noch telefonisch geführt. Vielen sind wichtige Einnahmequellen versiegt. Einige haben Soforthilfe beantragt.

Die Freien hat es besonders hart getroffen. Wer Ressorts wie Reise, Sport, Kultur oder Lokales beliefert, war von heute auf morgen arbeitslos. Ein Leipziger Kulturjournalist sagt: „Bisher habe ich vor allem über Veranstaltungen berichtet, Interviews zu anstehenden Touren und Alben geführt, Theater und Konzerte besprochen. Das findet zurzeit alles nicht statt.“ Während der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) über zweistellige Reichweitenzuwächse jubelt, rutschten Freie massenhaft in existenzbedrohliche Notlagen.

Absurderweise haben sogar freie Reporter mit exklusiven Zugängen zu schwer zugänglichen Brennpunkten bisweilen Probleme, Geschichten zu verkaufen. Fabian Goldmann recherchierte Mitte März an der griechisch-türkischen Grenze. Er schloss sich Geflüchteten an, passierte zwei Checkpoints und schaffte es bis zum Flüchtlingscamp Pazarkule. „Am Eingang sah ich, warum türkische Behörden nicht wollen, dass Bilder nach außen dringen“, erzählt Goldmann. „Das Camp war komplett mit Zäunen abgeriegelt, alle paar Meter standen schwer bewaffnete Soldaten. Das Ganze erinnerte an ein militärisches Internierungslager.“ Goldmann wurde festgenommen und in einem Polizeitransporter ins Lager gebracht. Seine Eindrücke hat er für das Neue Deutschland beschrieben. Goldmann zum journalist: „Ich habe lange Warteschlangen beobachtet und wie ein türkischer Soldat jedem, der es wagte auszuscheren, einen Schlag verpasste.“

 

"Nachrichten, die normalerweise Top-Themen wären, verzwergen gerade."

 

Goldmann bot sein Material weiter an, um zu zeigen, wie brutal an der EU-Außengrenze unter dem Deckmantel der Pandemie-Bekämpfung gegen schutzlose Menschen vorgegangen wird. Niemand habe mehr hingeschaut, als türkische Behörden die Essensversorgung einstellten und Menschen daran hinderten, sich selbst zu versorgen: „Von einem auf den anderen Tag verloren viele Redaktionen das Interesse.“ Seine Akquise schildert er so: „Von drei Redakteuren hörte ich: Das interessiert jetzt keinen mehr. Einige sagten, das sei schon wichtig, aber mit dem runtergefahrenen Personal könne man sich nicht drum kümmern.“ Viele hätten gar nicht geantwortet.

Einige Medien vermeldeten, in Pazarkule sei Feuer ausgebrochen. Goldmann wusste warum. Geflüchtete informierten ihn darüber, „wie türkische Soldaten Zelte in Brand steckten“. Das Beispiel zeigt, wie relevante Themen in der Krise vernachlässigt werden. So richtig und wichtig der Fokus auf Corona auch ist: Redaktionen dürfen weder blind noch unempfindlich für Skandale und Schicksale sein. Goldmann publizierte schließlich auf Uebermedien.de.

Mitte März schalteten Medienhäuser erfolgreich in den Krisenmodus. Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung (SZ) beispielsweise arbeitet seither weitgehend dezentral im Homeoffice. Themenabsprachen erfolgen über Messenger, Videokonferenzen oder Mail. Redakteure arbeiten in zwei Schichten, die sich nicht begegnen. Alle relevanten Recherchen finden nach eigenen Angaben weiter statt. „Mit größtem Fokus auf den aktuellen Stand, die Auswirkungen und Folgen der Corona-Krise über alle gesellschaftlichen Bereiche hinweg“, teilt Fabian Heckenberger, CvD bei der SZ, auf Anfrage mit. „Überall dort, wo es für die Qualität der Berichterstattung notwendig ist, führt die SZ natürlich weiterhin Recherchen vor Ort durch.“

Auch der WDR arbeitet im Krisenmodus. Intendant Tom Buhrow hat mit der Geschäftsleitung einen Krisenstab gebildet, der täglich tagt und die Notfallpläne anpasst. Der WDR hat pro Redaktion ebenfalls zwei Teams gebildet, eins arbeitet im Homeoffice, eins im Sender. Die Produktion mehrerer Sendungen wie Unterwegs im Westen wurde ausgesetzt. Der Sender versucht, große Recherchen zu retten, indem sie geschoben werden. Bei aktuellen Beiträgen helfen zwar langjährige Kontakte, aber bei allen, die in Gesundheitsämtern, Kliniken oder Laboren arbeiten, warten Redakteure lange, oft sogar vergeblich auf Antworten. Weil Ärzteteams und Pflegekräfte verständlicherweise ganz andere Prioritäten haben. Dennoch bleibt es wichtig, kontinuierlich über die Arbeitsbedingungen wirklich „systemrelevanter“ Berufe zu berichten – schon allein, damit die chronische Unterbezahlung und der Personalmangel etwa in der Pflege auf der Agenda bleiben.

Angesichts erschwerter Recherchezugänge war es wichtig, dass DJV und Reporter ohne Grenzen (RoG) präventiv eingefordert haben, freie Berichterstattung auch dann zu garantieren, sollten staatliche Maßnahmen weiter verschärft werden. „Nach und nach wurden in neun Bundesländern Rundfunk und Presse, teils auch Medienunternehmen als kritische Infrastruktur definiert“, sagt RoG-Geschäftsführer Christan Mihr. „Falls die Behörden noch restriktivere Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote verhängen, muss es klare Ausnahmeregeln für Journalistinnen und Journalisten geben. Recherchen müssen möglich sein.“

In anderen Ländern sind Journalistinnen und Journalisten in der Krise Repressalien ausgesetzt. Wie in Ungarn, wo Viktor Orbán durch ein Ermächtigungsgesetz nicht nur unbefristet die Demokratie ausgesetzt hat. Darüber hinaus drohen für „falsche“ Berichterstattung Haftstrafen bis zu fünf Jahren. Es gilt: Je autokratischer die Regierung, desto rigider das Vorgehen gegen die Presse. Reporter ohne Grenzen registriert weltweit pressefeindliche Corona-Reflexe, von Ägypten bis Slowenien.

Inhaltlich durchläuft die Corona-Berichterstattung hierzulande konjunkturelle Phasen. Als die Zahl der Infizierten exponentiell anstieg, begann die Zeit der Corona-Ticker und Livestreams. Gefragt war schnelle Grundversorgung mit Zahlen und Fakten aus erster Hand. Am besten von Virologen. Ein NDR-Podcast machte Christian Drosten von der Berliner Charité zum populärsten Krisenerklärer, während dessen Kollege Alexander Kekulé als Oberkritiker der Regierung zum Talkshow-Dauergast aufstieg. Hatte nun Drosten mit seinem Wort von der „Naturkatastrophe, die in Zeitlupe abläuft“ Recht? Oder Kekulé mit seinem Bild von einer „Explosion“? Lag später der Bonner Virologie Hendrik Streeck mit seiner Studie über Heinsberg richtig oder Drosten mit seiner Kritik daran?

Die Überhöhung des Expertentums forcierten derweil weder Virologen noch Politiker, sondern Schlagzeilen, die fragten, ob Drosten „unser neuer Kanzler?“ (Zeit) oder doch eher „Posterboy der Stunde“ (SZ) sei. Eitelkeiten, die nichts erklären. Der Spiegel rekonstruierte hingegen, unter welchem Zeitdruck der Bundestag „das gößte Hilfspaket in der Geschichte der Bundesrepublik“ beschloss und welche Gefahren die Turbo-Gesetzgebung birgt. Aber eben auch, wie verantwortlich Demokraten dabei agieren. Jeder Mosaikstein Erklärung ist gut. Überspitzungen sind bestenfalls überflüssig – oder sogar fahrlässig, wenn jede unvernünftige Kleinstgruppe zur „Corona-Party“ aufgeblasen wird.

 

"Aber weder der Klimawandel oder Migration, noch die AfD machen eine Pause."

 

Der tägliche Livestream von RKI-Chef Lothar Wieler wiederholte beständig, wie schwierig Prognosen über den Verlauf der Pandemie sind. Journalisten sind gehalten, permanent umzudenken und dazuzulernen. Anfangs, dass das Corona-Virus deutlich gefährlicher als die Grippe ist, weil es bisher weder einen Impfstoff noch eine Therapie gibt. Dann dass offizielle Zahlen nicht das ganze Ausmaß abbilden, weil das RKI nur gemeldete Neuinfektionen der Gesundheitsämter erfasst, während die Johns Hopkins Universität andere Quellen einbezieht. Wobei wiederum niemand die Dunkelziffer kennt. Auf der Suche nach dem entscheidenden Kriterium für Alarm oder Entwarnung wurde die „Reproduktionszahl“ populär, die angibt, wie viele Personen ein Infizierter ansteckt. Es galt zu verstehen, was exponentielles Wachstum, „Flatten the Curve“ und Herdenimmunität bedeuten und was daraus folgt.

Und: Dass ein Abflachen der Kurve lediglich die Überlastung der Kliniken verhindert. Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hat in einem YouTube-Video erklärt, warum die Zahl der Neuinfektionen so drastisch gesenkt werden muss, dass wieder Infektionsketten nachvollziehbar werden. Wie lange das selbst bei rigorosem Shutdown dauern würde. Nur auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse lassen sich Debatten über die Verhältnismäßigkeit von Ausgangsbeschränkungen verantwortungsvoll führen.

Nicht nur das Virus breitet sich pandemisch über den Erdball aus, sondern auch Falschmeldungen und Verschwörungstheorien grassieren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von einer „massiven Infodemie“. Anfangs kursierten vor allem in den sozialen Medien perfide Falschmeldungen. Auf Whats-app teilten Nutzer jene berühmt gewordene Sprachnachricht, in der eine angebliche „Mutter von Poldi“ vermeintliche Insider-Infos der Uni Wien verriet, wonach in Italien schwer Erkrankte zuvor Ibuprofen genommen hätten. Viele glaubten das. Sogar die WHO warnte vor Ibuprofen, korrigierte sich dann aber. Die Uni Wien sprach von Fake News.

Diverse Rechercheteams wie die „Faktenfinder“ der Tagesschau um Patrick Gensing haben kursierende Fake News kontinuierlich widerlegt, kategorisiert und erklärt, wie man sie entlarvt. Als Motiv erkannten sie von Anfang an auch gezielte Kampagnen. Mitte März zitierte die Financial Times aus einem internen EU-Report, der russischen Medien eine „signifikante Desinformationskampagne“ vorwarf. Ziel sei es, „Verwirrung, Panik und Angst“ zu schüren. Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang warnte, das Corona-Virus finde in der rechtsextremen Szene große Beachtung. Die Krise werde zum Anlass genommen, „Verschwörungstheorien zu verbreiten und Migranten als Überträger des Virus zu brandmarken“.

Beliebte Kanäle für Verschwörungstheoretiker sind Telegram und YouTube. Diverse rechte Telegram-Kanäle verzeichnen Szenebeobachtern zufolge vierstellige Reichweitenzuwächse. Es kursieren antisemitische Verschwörungstheorien und solche, die behaupten, das Virus sei eine Biowaffe aus einem US-Labor. Rechtsextremisten verbreiten das Narrativ, Corona diene dazu, die Deutschen zu entrechten, um heimlich Geflüchtete ins Land zu holen. Report Mainz zitierte aus einem Hass-Post, der im Internet kursierte und in dem es heißt: „Mit Corona haben sich die Juden einen genial-teuflischen Plan ersponnen“. Ein anderer User forderte, man solle „Merkel endlich aufhängen“.

Der Soziologie Matthias Quent erkennt einen neuen Höhepunkt des digitalen Hasses und erwartet, dass rassistische und demokratiefeindliche Kampagnen sogar noch zunehmen. Reporter sind gefragt, diese Klimaverschärfung genau zu dokumentieren und Betroffenen von Hass eine Stimme zu geben. Zumal sich Meldungen häufen, dass Menschen, die als chinesisch angesehen werden, zunehmend rassistisch diskriminiert und diffamiert werden.

Erstaunlich wenig publizistische Resonanz fand ein exklusiver Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND), wonach rechtsextreme Prepper in vier Bundesländern Waffen und Munition aus Verstecken geholt haben sollen. Laut RND informierten Vertreter des Verfassungsschutzes und des Bundesinnenministeriums die Obleute des Bundestagsinnenausschusses über die Gefahr. Das Bundesinnenministerium ließ eine Anfrage des journalists dazu unbeantwortet. In der Krise vertrauen die Allermeisten auf professionellen Journalismus. In einer Umfrage der Zeitungsmarktforschung Gesellschaft (ZMG) unter mehr als 4.000 Lesern von Regionalzeitungen, stufen 96 Prozent der Befragten die Tageszeitungen als besonders verlässlich ein.

 

"Eindrücke voller Kontraste und Widersprüche. Hilfsbereitschaft und Ignoranz, Gemeinsinn und Egoismus."

 

Dieses Vertrauen ist hart erarbeitet. Denn es ist den Redaktionen medienübergreifend trotz schwieriger Arbeitsbedingungen gelungen, viele gesellschaftliche Bereiche mit Reportagen und Interviews auszuleuchten. Psychologen erklären, was Isolation mit uns macht und was Familien, Kinder und Paare jetzt brauchen. Der Spiegel beschreibt fortlaufend, wie einzelne Wirtschaftsbranchen durch Dominoeffekte lahmgelegt werden. Seit Mitte März ruht die Produktion von Audi und VW. Weil keine Autos mehr produziert werden, fehlen den Zuliefern Abnehmer. Autohäusern droht schon nach Wochen die Pleite. Ähnliche Abwärtsspiralen werden journalistisch für die Gastronomie, den Einzelhandel und andere Branchen beschrieben. Porträts zeigen Schriftsteller und Sopranistinnen, deren Existenzgrundlage mit den Bühnen stillgelegt wurde und die via Livestream sichtbar zu bleiben versuchen.

Diese Miniaturen waren wichtige Entscheidungshilfen für die Politik, weil die Existenznot in Nischen sichtbar wurde, die leicht übersehen wird. Große Wirtschaftsgeschichten spüren der Frage nach, wie verheerend die aufziehende Rezession ausfallen wird. Ob die Konjunkturkurve ein glimpfliches V oder ein langes, vernichtendes U beschreiben wird. Analysen aus Wirtschaftsredaktionen, die regelmäßig auf die große Depression von 1929 verweisen, lassen erahnen, was weltweit droht. Die Voraussagen werden sich weiter auf einem schmalen Grat zwischen Panikmache, wackligen Wahrscheinlichkeiten und Verharmlosung bewegen müssen. Und die Bereitschaft erfordern, unsichere Prognosen permanent zu korrigieren.

Mit einem dichten Korrespondentennetz gelingt es, die dramatische Lage in Ländern wie Italien, Spanien, den USA und Russland aus erster Hand zu zeigen. Während sich viele Menschen in Deutschland am 17. März noch unbedarft nahekamen, ließ sich ZDF-Reporter Andreas Postel in der Lombardei die Intensivstation des Krankenhauses von Cremona zeigen. Das Personal arbeitete da bereits an der Belastungsgrenze. Die Bilder halbnackter Corona-Patienten in Bauchlage, die beatmet werden mussten, zeigten drastisch, was auch hierzulande drohte. Manches hat sich bereits ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Aus Italien die Bilder von Balkonmusikern und jener Lkw-Kolonne, die Leichen aus Bergamo abtransportiert. Spiegel-Korrespondent Marc Pitzke hat als teilnehmender Beobachter eindringlich beschrieben, wie New York zum weltweiten Zentrum der Pandemie wurde. Aus Brasilien berichten Reporter, wie Drogenbanden in Rios Favelas jene Katastrophe aufzuhalten versuchen, die der rechte Präsident Jair Bolsonaro ignoriert.

Reporter liefern derzeit Eindrücke voller Kontraste und Widersprüche. Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht von der „Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren“, das dieser Weltkrise innewohne. Hilfsbereitschaft und Ignoranz, Gemeinsinn und Egoismus, Unbeschwertheit und Tod. Der Journalismus hat erstaunlich viele Facetten im Blick. Sogar die Folgen für den Tourismus von Spitzbergen.

Auffällig ist, dass die katastrophale Lage der Geflüchteten auf den griechischen Inseln nahezu völlig ausgeblendet wird. Über einen Großbrand im Camp Moria auf der Insel Lesbos wurde noch berichtet. Die taz prangerte die Lagerhaltung von 20.000 Menschen ohne medizinische Versorgung an. Doch oft sind es nur noch NGOs, die auf das Schicksal hinweisen und Hilfe anmahnen. Das Thema Migration kommt fast nur noch vor, wenn es um Erntehelfer für deutschen Spargel oder Obst geht. Das ist ein Skandal. Denn humanitäre Katastrophen bleiben genau das, auch jetzt. Reale, massenhafte Not, die politisch in Kauf genommen wird, darf nicht ignoriert werden. Auch in der Corona-Ära.

Nach der Phase der allgegenwärtigen Corona-Ticker rückte das Thema Gesundheit versus Freiheit in den Fokus. Plötzlich ging es um Demokratie und Rechtsstaat. Weil aus guten Gründen alles verboten wurde: Freunde und Familie treffen, demonstrieren, feiern. Die Süddeutsche ließ mit Heribert Prantl, Kurt Kister und Stefan Kornelius in einer Ausgabe gleich drei Urgesteine erörtern, wie die Aussetzung etlicher Grundrechte zu bewerten sei. Während Kister das „Recht auf Schutz“ betont und eher vage vor einem „Effizienz-Autoritarismus“ warnt, befindet Kornelius lapidar: „Freiheiten werden abgebaut, Rechte gebeugt“.Heribert Prantl warnte als einer der Ersten vor der Gefahr, getroffene Notmaßnahmen könnten dauerhaft beibehalten werden und die DNA der Demokratie verändern. Oberstes Gebot bleibe das Prinzip der Verhältnismäßigkeit.

Dass Paragraf 28 des Infektionsschutzgesetzes zuvor nur eine vage Rechtsgrundlage für den Notstand bot, wurde zwar vermeldet, aber die vom Bundestag Ende März beschlossenen erweiterten Machtbefugnisse des Bundes wurden angesichts weltweit explodierender Fallzahlen als Notwendigkeit abgehakt. Anfangs warnten nur Einzelstimmen. So hat ZDF-Korrespondent Thomas Walde unter dem Eindruck der autoritären französischen Politik via Twitter früh gefragt: Wie kommt man da wieder raus? Und wie lange vertragen Demokratien unbeschadet Notstand? Das Dilemma: Journalistische Kritik darf lebensnotwendige Maßnahmen wie die Abstandsregel nicht delegitimieren, muss sich aber als konsequente Kontrollinstanz bei Eingriffen in Grundrechte verstehen. Sie ist gefordert, jederzeit zu hinterfragen, ob mildere Mittel möglich sind, und muss autoritäre Posen genauso anprangern wie unsinnige Regelungen, die gar nicht dem Ziel des Infektionsschutzes dienen. Warum ist vielerorts verboten worden, allein auf einer Bank zu sitzen? Noch wichtiger: Warum soll es verboten sein zu demonstrieren, wenn die Abstandsregel eingehalten wird?

Überall in Deutschland gab es Szenen, wie sie in Leipziger Parks zu beobachten waren. Ein bedrohlicher Hubschrauber über einer Familie, die zu viert auf einer Wiese Ball spielt. Patrouillen im Park, Kontrollen von Radfahrern – Journalisten sollten dokumentieren, wo die Grenze zur autoritären Machtdemonstration überschritten wird. Es hat lange gedauert, bis überhaupt die Frage nach Exit-Strategien aus dem Notstand gestellt und diskutiert wurden. Den autoritären Reflex, Debatten über rigide Maßnahmen in der Krise zu tabuisieren, müssen Medien immer wieder aufbrechen. ARD und ZDF sind zu Recht dafür kritisiert worden, vor allem in ihren Corona-Talks zu wenig Diskurs zugelassen zu haben. Dauergäste wie Olaf Scholz und Peter Altmaier waren nicht zu viel, aber es gab zu wenig Kontroverse über alternative Strategien.

Wie weiter? Klar ist: Ausmaß und Folgen sind noch nicht absehbar. Weder bei uns noch weltweit. Die Zahlen der Toten, der Arbeitslosen, der Pleiten und Schulden, der psychischen Erkrankungen und Opfer häuslicher Gewalt – alles offen. Europas Grenzen sind erst mal dicht. Autoritäre, rechte Regierungen ignorieren fahrlässig die Gefahr – wie in Brasilien – oder nutzen die Gelegenheit, um die Demokratie (vorerst) abzuschaffen – wie in Ungarn.

Vieles spricht dafür, dass sich soziale Ungleichheiten und Benachteiligungen radikal verschärfen werden. Der Journalismus wird dauerhaft monothematisch beschäftigt sein. Dabei muss er diejenigen sichtbar machen, die sonst unbeachtet durchs Raster fallen würden: Alleinerziehende, Geflüchtete in Lagern und Sammelunterkünften, Zahlungsunfähige, Arbeitslose und Kinder in Familien, die Hartz IV beziehen. Das mahnt auch Felix Zimmermann an. Der Ressortleiter bei der taz am Wochenende ist Mitglied in einem internen Pandemie-Notfallstab, der die aktuelle Lage für die taz immer wieder neu bewertet und jederzeit freie Berichterstattung gewährleisten soll: „Jetzt kommt es darauf an, auch auf die genau zu schauen, die leicht vergessen werden. Was machen jetzt eigentlich Obdachlose? Wie sieht es in den Frauenhäusern aus?“ Diese Geschichten müssten jetzt erzählt werden.

Der Journalismus muss auch heikle ethische Debatten begleiten, die demokratische Gesellschaften zerreißen können: Wer soll leben, wer muss sterben, wenn es zu wenig Beatmungsplätze gibt? Ist es legitim, nur alte Menschen zu isolieren? Dürfen infizierte Isolations-Verweigerer in der Psychiatrie zwangsisoliert werden, wie Sachsen es kurzzeitig plante? Der Journalismus muss die kritische Instanz sein, die alle Abwägungen, Planspiele und politischen Entscheidungen konsequent am Rechtsstaat misst. Und Vorstöße ahndet, die davon abweichen, jedes Leben als gleichwertig anzusehen. „Wir haben uns auch intensiv mit den Rufen nach Autorität und einem starken Staat beschäftigt, die es übrigens nicht nur von Rechten, sondern auch von Linken gibt“, sagt taz-Mann Zimmermann. „Wichtig sind Fragen wie: Wann werden Notstandsregeln wieder zurückgeschraubt? Bleibt es jetzt innerhalb Europas bei geschlossenen Grenzen?“ Und, so sollte man hinzufügen: Notwendige Lerneffekte wie die Abkehr von einem kommerzialisierten Gesundheitssystem müssen nachhaltig thematisiert werden.

Corona und die Folgen werden dauerhaft vieles vergessen lassen. Aber weder Klimawandel und Migration noch die AfD machen eine Pause. Nachrichten, die normalerweise Top-Themen wären, verzwergen gerade. Wie die, dass der Verfassungsschutz den „Flügel“ der AfD und dessen Vertreter wie Björn Höcke als rechtsextrem eingestuft hat. Das durchsichtige Manöver einer „Auflösung“ des Flügels sowie der gescheiterte Vorschlag von Parteichef Jörg Meuthen, der Flügel möge sich von der AfD abspalten, gingen beinahe unter. Ebenso, dass Meuthen danach reumütig seinen vermeintlichen „Fehler“ bekennen und sich Höckes Machtanspruch beugen musste.

Umso wichtiger, dass Journalisten wie Bastian Wierzioch dranbleiben. In seinem Leipziger Homeoffice folgt Wierzioch für den MDR weiter der Spur dubioser Spendengelder. Er berichtet über die Auflösung des „Flügels“, die keineswegs bedeute, dass Rechtsextremisten in der Partei an Einfluss verlieren. „Die Einschätzung durch den Verfassungsschutz ist ein Hammer“, so Wierzioch. „Auch wenn die Reaktionen darauf krisenbedingt viel geringer ausfallen als in normalen Zeiten. Da müssen wir dranbleiben.“

Genau das ist jetzt die Aufgabe. Alles über Corona zu berichten, was wichtig ist. Aber über Themen, die nicht untergehen dürfen, eben auch. Digitalreichweiten gehen jetzt durch die Decke, gleichzeitig bricht das Anzeigengeschäft der Verlage ein. Der Branche droht Kurzarbeit, in vielen Ländern wird es Massenarbeitslosigkeit und ein gesellschaftliches Beben geben. Der journalistische Ausnahmezustand wird noch lange Normalität sein. Es hat gerade erst angefangen.

Michael Kraske arbeitet als Journalist und Buchautor in Leipzig. Zsuzsanna Ilijin ist Illustratorin in Berlin.

Dieser Essay erschien zuerst in der Mai-Ausgabe des journalists. Neugierig? Dann hier entlang.